#Es_ist_Liebe
Jubiläumsspielzeit 2016/17

Clavigo

Trauerspiel von Johann Wolfgang von Goethe

Goethes frühes Trauerspiel „Clavigo“ ist ein Werk des Sturm und Drang. Der junge Titelheld Clavigo steht am Beginn seiner Karriere als Schriftsteller am spanischen Hof. Hinderlich ist ihr allerdings seine Liebe zur Französin Marie Beaumarchais. Nach einer sechsjährigen Beziehung löst Clavigo auf Anraten seines Freundes Carlos das Verlöbnis. Als Maries Bruder Beaumarchais aus Frankreich kommt und den Wortbrüchigen zur Rede stellt, erneuert Clavigo sein Heiratsversprechen. Doch Carlos spinnt eine Intrige gegen Beaumarchais, Clavigo bricht erneut sein Versprechen und damit Marie das Herz. An ihrem Sarg wird Clavigo vom Bruder erstochen, doch er sieht sich im Tode auf ewig mit Marie vereint.

Der zeitlose Konflikt des Dramas beinhaltet die Frage, ob sich bürgerliches Glück und persönliche Verwirklichung gegenseitig ausschließen. Ein Goethe für junge Erwachsene.


Pressestimme: Fein gewobene Fallstricke im Leben eines Aufsteigers

Mitteldeutsche Zeitung Quedlinburg, 28.11.2007

Zeitgemäßer «Clavigo» am Nordharzer Städtebundtheater

Von Uwe Kraus

Quedlinburg. Andre Bücker kann etwas: Er holt erneut Goethe ins Heute und kassiert keine Buh-Rufe dafür. Mit dessen Frühwerk „Clavigo" bewegt er sich auf einem verdammt schmalen Grat. Die Sprache des Meisters setzt sich gerade noch so gegen die Szenerie eines Halbwelt-Clubs unterm Discokugel-Zenit durch, die Lacher im Trauerspiel-Publikum, das in der Quedlinburger Premiere sehr jung war, halten so eben noch die Balance. Der Regisseur vermag es, Humor einfließen zu lassen, ohne jedoch seine Figuren der Lächerlichkeit auszusetzen. Die schier endlos scheinende, auf den Punkt herausgearbeitete Sterbeszene der vom Leben zu Boden Gerungenen bewegt vielleicht gerade wegen ihrer Slow-Motion, während der Text des Stückes wie hektisch herausgeschossene Salven auf das Publikum treffen.

Jens Tramsen als Clavigo hält eines der dürren Hamburger Yellowpress-Produkte hoch, er hat es geschafft, hat sich zu einer Edelfeder heraufgetreten. Unter seinen Sohlen klebt noch kein Blut, aber er hat menschlichen Ballast auf der Karriereleiter abgeworfen. Getreu der Anweisungen seines Personalentwicklers Carlos (Sebastian Müller) schoss er die Französin Marie in den Wind. Elisa Ottersberg, die vor Tragödienbeginn bereits schnorrend durch die Zuschauerreihen zieht, lümmelt zugedröhnt und -kifft in den Sesseln des von Jan Steigert gestalteten Vergnügungslokals. Illuminiert ragt ein Laufsteg von der Bühne bis in Zuschauerreihe 5, so dass das Publikum hautnah am Geschehen ist und das attraktive Gogo-Girl Marlene Behrmann dicht bei sich hat: Blendende Spaßgesellschaft pur. eine Tanzfl äche, von kaltem Stahl gesäumt, ein Boxring, in dem sich Macher als Gewinner im Lebenskampf selber feiern

Regisseur Bücker bleibt ständig nah an seinen profilierten Akteuren, lässt Medienzeitalter gerecht jedes Zucken in den Augen, jedes Aufbäumen per Videokamera auf die Bildschirme am Bühnenrand projizieren, nichts entgeht Publikum und Öffentlichkeit. Das Leben des Gesellschaftsstars Clavigo ist zum Allgemeingut geworden.

Als Maries Bruder (Mathias Kusche) sich zum Rächer stilisiert und wegen des gebrochenen Eheversprechens Rechenschaft vom hofierten Medien-Aufsteiger fordert, treibt er Clavigo in die Entscheidungssituation: Liebe oder Karriere. Auf dem Scheideweg zwischen privatem Glück und öffentlicher Reputation verharrt er in seiner inneren Zerrissenheit nur kurz. Sein Coach Carlos führt ihn und fädelt eine höfische Intrige ein.

Elisa Ottersberg ist eine bis ins Mark verletzte Marie, hat mit diesem treulosen Clavigo innerlich längst abgeschlossen und sich den Drogen hingegeben. Doch Bücker vermag das erneute Schwingen der Gefühle bild- und tonstark zu vermitteln: Das Paar drückt das Mikrofon – im Stück recht beliebig eingesetzt – an ihre pochenden Herzen. Letztlich übt der Geliebte um der Karriere willen angewidert von ihrem abgewrackten Körper ein zweites Mal Verrat. Die Familien- und Standesehre zu retten, das scheint der kleinste gemeinsame Nenner der Beaumarchais, von Schwester Sophie (Illi Oehlmann) und ihrem Mann Guilbert, den Fächer klappernd Markus Bölling skizziert. Daniel Dormeier gibt durch seine dauerbeschallenden Kompositionen dem allgemeingültigen Stück stärkere iberische Verankerung.

Wenn Andre Bücker die einzelnen Goethe-Figuren auf ihre zeitgemäße Substanz abklopft klingt manche letztlich hohl. Nicht jeder durchschaut die fein gewobenen Fallstricke des Aufsteiger-Lebens und vermag die Ebenen der Alltäglichkeiten ohne größere Schwierigkeiten zu durchschreiten.

Pressestimme: Clavigo unter der Diskokugel

Volksstimme Magdeburg vom 24. September 2007

Von Gisela Begrich

Das Nordharzer Städtebundtheater eröffnete im Schauspiel die neue Spielzeit mit der Premiere von CLAVIGO von Johann Wolfgang Goethe in Quedlinburg. Mit der Inszenierung des Intendanten André Bücker will sich das Theater auch dezidiert an junge Menschen wenden und nennt das Werk einen Goethe für junge Erwachsene.

Goethes Trauerspiel findet von Anfang bis Ende in einem Ambiente statt, wo eigentlich Freizeit, Unterhaltung und Amüsement angesagt sind. Den Diskoraum mit einem kräftigen Hauch erotischer Verworfenheit gestaltete Jan Steigert (auch Kostüme). Den Hintergrund dominiert eine Tanzfl äche, die von Geländern gesäumt ist. Das zitiert einen Boxring, und hin und wieder klettern Akteure, wenn sie sich zu Gewinnern im Lebenskampf zu zählen glauben, in die eisernen Seile und zelebrieren Siegergesten.

Alle Gespräche, Auseinandersetzungen und Tätlichkeiten sind begleitet von Lichteffekten und Gitarrenklängen (Musik: Daniel Dohmeier), die gleichsam die permanente Beschallung ästhetisch gekonnt simulieren. Die menschlichen Schicksale vollziehen sich zwar inmitten der tönenden und leuchtenden Fassade fast nebenher, doch ihre innere Logik zwingt zwei Menschen am Schluss in die Knie und ins Grab: Marie und Clavigo. Aber Bücker bietet zeitgenössisches Sterben: auf dem Tanzparkett.

Ein Laufsteg reicht bis in den Zuschauerraum. Rote Sitznischen rechts und links sowie Monitore komplettieren eine Location, wo Alltag, Stress und Depression außen vor sein sollen. Aber Regisseur Bücker schlitzt die Spaßgesellschaft gnadenlos auf. Über die Monitore laufen fast durchgängig Bilder der Geschehnisse. Die Katastrophen verfolgen die handelnden Personen bis in Tanz, Sekt und Erotik. Es gibt kein Entrinnen aus einer Welt, die mitnichten nur eine Spaßgesellschaft ist. Die digitale Fessel umschlingt auch die Seele.

Jens Tramsen spielt einen Clavigo, der einen hin und her reißt, ob man ihn umarmen sollte, wie er zuhören kann und Argumente beherzigen, oder ob man ihn vierteilen müsste, weil er so bizarr wenig über eine feste Haltung verfügt. Er irrlichtert zwischen Amüsement und Sinnsuche, Eitelkeit und Verzweiflung, Karrierestreben und Liebe.

Zu den Höhepunkten des Abends gehört, wenn Tramsen, der um Charme nicht verlegen ist, seine abgelegte Freundin Marie erneut begehrt. Elisa Ottersberg (Marie) und Tramsen lauschen mit einem Mikrofon ihre Herzen nach den Schwingungen ab, die die Schnittstellen ihrer Liebe ausmachen. Für einen Moment rennen alle brüchigen Emotionen aus dem Diskoraum und weinen sich ihre Verlogenheit aus dem Herzen. Aber sie kehren zurück wie dumme Gedanken und handfeste Interessen.

Regisseur Bücker erzählt die Story von Goethe auf eine Art, die den Carlos des Sebastian Müller als eine Person interpretiert, gegen deren Vernunft nichts einzuwenden ist. Das Gute ist nicht schön und das Böse nicht hässlich. Sowohl die Ottersberg als Marie als auch Illi Oehlmann als deren Schwester scheinen zerrüttet eher von prekären Zuständen im Clan der Beaumarchais als vom Verhalten Clavigos. Denn Mathias Kusche gibt einen (Paten?) Beaumarchais, dem man nur schwerlich Ehrenhaftigkeit attestiert. Er tötet denn auch den Clavigo, indem er diesen mit betrügerischem Deeskalationsgeschwätz das Messer entwendet.

Alle Darsteller, einschließlich Markus Bölling als Guilbert, sprechen Goethes Text mit hoher Kultiviertheit und agieren auf beachtlichem schauspielerischen Niveau. Sie verlangen aber den Zuschauern eine hohe Konzentration ab, weil die moderne Kommunikationswelt ohne Unterlass in diese Inszenierung schwappt. Da bäumt es sich auf, das Phänomen von ADT (Attention Defi cit Trait): Zerstreutheit wegen Überlastung.

In diesem Sinne besitzt die Vorstellung viele Momente, jungen Menschen das Gewohnte zu servieren. Insofern ein Goethe, wie signalisiert, für junge Erwachsene. Die jedenfalls bewältigen sicher unbeschwerter den Spagat zwischen einer Disko und einem Lebensdiskurs. Oder: Sie erhalten ihr Leben blendend widergespiegelt. Das beschreibt ein Theaterereignis, welches Zu- und Widerspruch herausfordert und mit viel Beifall bedacht wurde.

Pressestimme: Eine tödlich blaue Stunde im düsteren Rotlicht-Milieu

André Bücker inszeniert «Clavigo» im Nordharzer Städtebundtheater

Mitteldeutsche Zeitung vom 25. September 2007

Von Andreas Hillger

Dies ist die blaue Stunde in der Rotlicht-Bar: Der tätowierte Türsteher lässt seinen Nacken knacken, der Wirt schiebt den Tischstaubsauger durch das Separee und ein müdes Mädchen probt träge den Hüftschwung an der Lapdance-Stange. Doch kurz nachdem der Zuhälter mit den gegelten Locken eine Prise weißes Glück an eine todtraurige Anfängerin verteilt hat, bewegt ein Luftzug die Spiegelkugel. Auftritt Clavigo, Shooting-Star der Saison!

Nachdem Wolf Bunge Goethes jugendlichen Schnellschuss vor der Sommerpause in Bad Lauchstädt auf seine Gegenwartstauglichkeit geprüft hat, erzählt nun auch der Nordharzer Städtebundtheater-Intendant André Bücker von "Clavigo". Und obwohl er dabei noch radikaler zu Werke geht, nimmt die Substanz des Textes durch den kraftvollen inszenatorischen Zugriff keinen Schaden.

Jan Steigert hat dem Regisseur dafür einen Bühnenraum entworfen, der die Wege verkürzt und das Geschehen verdichtet: Zwei rote Kojen an den Seiten des Portals erlauben intime Gespräche, Video-Bildschirme sorgen für kontrastierende Blickpunkte und ein Laufsteg in das Parkett verstärkt die unmittelbare Nähe zum Zuschauer. Das wirkt am Anfang wie ein erotisches Versprechen - und entpuppt sich am Ende als erschütternde Zumutung. Denn dort, wo Marie eigentlich tanzen sollte, wird sie sterben.

Elisa Ottersberg trägt diese Katastrophe bereits im Leibe, als sie durch den Zuschauerraum zur Bühne wankt - vollgepumpt mit Alkohol und Drogen, mit verschmiertem Make-Up und um eine Zigarette bettelnd. Goethes schwindsüchtig leidendes Mädchen, das einem heutigen Publikum nur als Kitsch-Klischee plausibel zu machen wäre, hat sich von der Rolle als Trivial-Traviata emanzipiert - mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

Ähnliche Häutungen haben der Titelheld und sein Freund Carlos erfahren, die Jens Tramsen und Sebastian Müller als erfolgstrunkene und selbstverliebte Pop-Journalisten zeichnen. Der Flirt mit der Unterwelt ist für solche Karrieristen schick, solange er oberflächlich und ungefährlich bleibt. Wenn der Bruder der ausländischen Hure aber auf dem leichtsinnig hingeworfenen Eheversprechen besteht, drohen Konsequenzen. Und dieses Wort kommt im Sprachschatz unverbindlicher Yuppies nicht vor. Mathias Kusche spielt diesen Beaumarchais lange leise und kontrolliert - und sorgt so dafür, dass der sorgfältige Umgang mit Goethes Text deutlich wird. Erst am Ende kippt die Stimmung mit den Stimmen - und im eskalierenden Geschrei geht manche Nuance unter.

Dass es Bücker aber gelingt, eine zeitferne Tragödie im Heute zu verhaften und die längst irrelevant gewordenen Sozial-Koordinaten des Stückes durch brauchbare Alternativen zu ersetzen, ist die eigentliche Leistung der Inszenierung. Die pervertierte Gesellschaft, die sogar den Drogen-Absturz durch das Kamera-Objektiv beobachtet, liefert eine taugliche Lesart für Goethes Text. Und jene namenlosen, stummen Mädchen, die im Hintergrund der Bar ihre Hüften schwingen, geben dem singulären Schicksal der Marie allgemeine Gültigkeit. Lauter unerzählte Schicksale, über denen Seifenblasen zerplatzen.

Pressestimme: Einsame Verlierer im Boxring des Lebens – Popcorntheater mit Tiefgang

Volksstimme Halberstadt vom 25. September 2007

Von Jörg Loose

Quedlinburg. Intendant André Bücker ist immer für eine Überraschung gut. Lesen Sie die knapp 50 Seiten von Goethes Jugendwerk Clavigo, gehen Sie dann in Bückers Inszenierung, und Sie werden erstaunt sein, wie man einen Text auch lesen kann.

Goethe, der hier eigenes Erleben verarbeitet, in dem er eine Episode aus Baumarchais’ (unter anderem Uhrmacher, Geschäftsmann, Weltbürger, Waffenhändler und Autor von „Die Hochzeit des Figaro“) turbulentem Leben nachzeichnet, stellt die Frage, ob gesellschaftlicher Aufstieg und privates Glück gleichzeitig möglich sind. Da haben wir das einfache Bürgermädchen Marie (Elisa Ottersberg), das vom charakterschwachen, intellektuellen Emporkömmling Clavigo (Jens Tramsen) aus Karrieregründen gleich zweifach verlassen wird, Maries zur Hilfe eilenden ungestümen Bruder (Mathias Kusche), den zuerst Rache, dann Marie interessiert, Clavigos abgeklärt intriganten, zynischen High-Society-Freund Carlos (Sebastian Müller) sowie Maries Schwester (Illi Oehlmann) samt Gatten (Marcus Bölling). Letztere sind als brave Kleinbürger unter einer menschelnden Maske vornehmlich am eigenen Überleben interessiert.

Zeitlose Typen

Diese zeitlosen Typen sind bei Goethe in fi ligran gedrechselte Sätze gekleidet, die für uns schon mal recht zäh wirken. Dazu gibt es Szenen (Tod an „gebrochenem Herzen“ auf offener Bühne, ein romantisierendes Finale im „Romeo und Julia“-Verschnitt), die man heute erst einmal glaubwürdig auf die Bühne stellen muss. Zu diesem Zweck situieren Bücker und sein Ausstatter Jan Steigert die Handlung in ein – sagen wir – Etablissement käuflicher Vergnügungsindustrie. Nachdem man den ersten Kulturschock – Goethe im Rotlicht – verwunden hat, muss man aber, nicht ohne Verwunderung, feststellen, dass dieser Clavigo den Transfer aus dem beschaulichen Kleinbürgertum des 18. Jahrhunderts in eine Filiale heutiger, käufl icher Lebensinhaltsindustrie bestens übersteht und der Text auch hier nicht nur gut funktioniert, sondern an Aktualität gewinnt. Marie wird zum Partygirl, das seinen Liebes-/Lebenskummer in Drogen aller Art ertränkt und an einer Überdosis stirbt. Die Schwester Sophie betreibt mit ihrem Gatten den Nachtklub, in dem sich die Intellektuellen Clavigo und Carlos höchst körperlichen Ausgleich von geistiger Tätigkeit erkaufen, der Bruder passt als rachsüchtiger Zuhälter ins Bild. Die konkreten Menschen sind neu, die Probleme, die sie umtreiben, unverändert. Denn letztendlich verkaufen wir uns alle – Arbeit, Körper, Liebe, Seele. Und wo beginnt das eine, wo endet das andere? Ist, wenn alles verkäuflich ist, auch wirklich alles käuflich? Dieser Ort ist als Metapher von erschlagender Gleichnishaftigkeit – er symbolisiert Käuflichkeit und seelische Schäden in allen Spielarten. Eine Tanzfläche in Boxringform und ein Laufsteg mit Tabledancestange bestimmen die Szenerie. Ein sinnleeres Leben als ewig währender Kampf in der Choreografie von Diskoklängen. So ist das heute!

Figuren im Boxring

Durchaus komisch und satirisch werden die hampelnden Schritte der Figuren in diesem Boxring gezeigt. Dazu ist Goethes Text etwas geglättet, auf einige Nebenfiguren wird verzichtet oder Textteile werden von anderen übernommen. Wenngleich zuweilen Dynamik und Lautstärke zu Lasten einer ausbalancierten Deklamation gingen, es den einen oder anderen infantilen Lacher an unpassender Stelle gab und im Übrigen für meinen Geschmack nicht jeder Gag bruchlos in das szenische Gefüge passte, so bleibt doch insgesamt ein kraftvoll mitreißender, szenischer Befund. So wird aus Goethes bedeutungsschwerem Moralstück unterhaltsames, kurzweiliges Popcorntheater mit Tiefgang, das sich auch vor Kinoanleihen nicht scheut. So trägt Carlos in Habit und Charakter Züge des Zorg aus Luc Bessons „Das fünfte Element“, und auch Marie ist Milla Jovovich (in Bessons Film Sinnbild reiner Liebe) – überraschend und beziehungsreich ähnlich.

Der kompakte sparsame Soundtrack Daniel Dohmeiers (Gitarre, Percussion, Geräusche) vermittelt wieder die Unruhe und Unrast, die unter der Oberfläche der Figuren brodelt. Das Ensemble leistet insgesamt sehr gute Arbeit, wobei der wie aus einem Guss abrollende 4. Akt (Tramsen und Müller) zu den Höhepunkten zählt, und die Charakterstudie der Marie mit ihrer berührenden Mischung aus stillen und wahnsinnigen Momenten hervorragt.

Im Gegensatz zu Goethes balladesker Schlussszene kennt Bückers Boxring des Lebens am Ende nur einsame Verlierer. Dies dem weniger Rücksichtslosen, weniger Ichbezogenen Heranwachsenden ins Bewusstsein zu rücken, ist ein Vorzug von Goethes Stück und Bückers sehr heutiger, kraftvoller Inszenierung, die heftigen Premierenapplaus erhielt.

Also, unbedingt zuerst lesen und dann ab ins Theater.