Spielzeit
2019/20

Die Leiden des jungen Werther

Eine Ermittlung von Michael Höppner und Sebastian Fust nach dem Briefroman von Johann Wolfgang von Goethe

Der junge Werther hat seinem Leben durch einen Kopfschuss ein Ende gesetzt. Die Ermittler beginnen am Tatort Werthers Selbstmord anhand der vor Ort vorgefundenen Spuren und Briefe,sowie unter Zuhilfenahme zusammengetragener Informationen und Erzählungen zu untersuchen und die näheren Umstände zu rekonstruieren: Der junge Werther entfloh dem Stadtleben und ließ sich im Dorf Wahlheim nieder. Auf einer Tanzveranstaltung lernte er Lotte, die Tochter eines Amtmannes, kennen und verliebte sich unsterblich in sie: Werther meinte in ihr eine Seelenverwandte gefunden zu haben. Doch Lotte ist bereits Albert versprochen. Da aber Werther weder von Lotte lassen konnte noch wollte, da Werther seine ganze Empfindsamkeit und seine bedingungslose Innerlichkeit auf die Liebe zu ihr projizierte, so die Fallrekonstruktion der Ermittler, entwickelte sich eine unheilvolle Dreieckskonstellation, die sich mit aller Konsequenz zugespitzt zu haben scheint, was letztlich Werthers Schicksal besiegelte. Doch nach und nach fördern die Untersuchungen auch zu Tage, dass das Schicksal der Ermittler mit dem tragischen Schicksal Werthers unweigerlich und unerbittlich verwoben ist…
Der 1774 zur Buchmesse in Leipzig erschienene Briefroman machte den damals 24-jährigen Goethe mit einem Schlag bekannt. Die dargestellte Liebe bedeutete in ihrer Bedingungslosigkeit ein absolutes Novum. Werther akzeptiert in der Liebe (wie auch im Leben) keine Schranken und Begrenzungen, er strebt nach dem Einswerden: Mit sich, mit Lotte, mit der Welt. Der Werther-Roman stellt die immer noch aktuelle Frage nach der individuellen Freiheit. Und ihrer Grenze. Und nach der Verantwortung – für sich und andere. Denn: Gilt das Unbedingte unbedingt für alle?

Michael Höppner und Sebastian Fust bearbeiteten den Briefroman für die Bühne als romantisch-tragischen Krimi.

Aufführungsdauer: ca. 2 ½ Std.


Die Leiden verteilt auf drei Schultern

Die Uraufführung “Die Leiden des jungen Werther. Eine Ermittlung” nach dem Goetheschen Briefroman wurde am Sonnabend in Quedlinburg zum Triumph des assoziativen Theaters. Sechs Minuten Applaus! […]

“Eine Ermittlung” verheißen Regisseur Michael Höppner und Dramaturg Sebastian Fust als Autorengespann der “Leiden des jungen Werther” für das Theater. Der Text des Aufsehen erregenden Romans des erst 24-jährigen Goethe war 1774 ein Bestseller; scharenweise erkrankten junge Männer mit einer unerfüllten Liebe an der “Werther-Krankheit” oder brachten sich um.

Aber ist dieser Briefroman überhaupt auf der Theaterbühne spielbar? Die chronologischen Texte sind reine Monologe, geschrieben an den Freund Wilhelm. Auf der Bühne aber müssen Menschen mit Fleisch und Blut agieren. Wie das Ganze lösen? Höppner und Fust gingen daran, den Text der von einem Mann, Werther, erzählten Liebens- und Leidensgeschichte auf die drei handelnden Protagonisten Leonore (Teresa Zschernig), auf den Freund Karl (Joachim Kielpinski) und schließlich auf Werther selbst (Gregor Faubel) aufzuteilen. Aber alles blieb original Goethe.

Ein spannendes Konstrukt in Form der kriminalistischen Ermittlung. Nicht mehr der Chronologie der Ereignisse folgend, sondern inhaltlichen Schwerpunkten: Werthers Flucht nach Wahlheim. Sein Aufstieg ins Landratsamt, seine Vereinsamung und sein Überdruss an der beruflichen Profession. Seine unerfüllte Liebe zu Lotte, die einen anderen Mann, Albert, geheiratet hatte und mit seinen Gefühlen spielte. Sein Tod und sein Begräbnis. Mit der Form der Ermittlung entstand der (auf heutige Leser sperrig wirkende) Briefroman in neuem Rahmen. Ein großartiger Kunstgriff von Regie, Theatertext, Ausstattung und Musik. Judith Philipp erwies sich für das Vorhaben als überaus kluge, intelligente und stilsichere Szenografin. Nicht ein Detail ihrer Ausstattung ist überflüssig. Die Dinge spielen mit. Die Kostüme im Stil der Goethezeit wirken herrlich jung und zeitlos. Ihre Ausstattung lässt die Triebfedern des Handelns entdecken.

Im ersten Teil stellt Philipp den Tatort des Selbstmords auf die Bühne. Die Spurensicherer in ihrem Zelt präsentieren unter Folie die Asservate. Den Schreibtisch mit der Schreibfeder. Die Weinflasche. Mit Absperrband und Tatortmarkierungen. Mit einer Bildwand, auf der die Lebensstationen Werthers zusammengetragen werden bis zu seinem Ende am 24. Dezember 1772. Am Heiligabend. Von der Bühnendecke rieselt sacht der Schnee.

Nach der Pause räumen die Spurensicherer auf. Bauen wortlos das Zelt in einer quälend langsamen Aktion ab, fegen den Schnee zusammen. Das Zeltgestänge wird zum Glashaus, in dem Werther wie gefangen ist. Großartig Gregor Faubel in der pantomimischen Darstellung! Er vermag den Liebeswahn wie den Absturz zu zeigen; Teresa Zschernig ist in ihrer coolen Zurückweisung gleichermaßen überzeugend: “Werther! Sie sind sehr krank!”

Das Nordharzer Städtebundtheater präsentierte mit diesem “Werther” spielerisch eine Sternstunde assoziativen Theaters. Nicht ganz leicht für die Zuschauer, sich die Geschichte zusammenzupuzzeln - doch ein großes geistiges Vergnügen!

Hans Walter / Volksstimme

Spannender Krimi

[…] Michael Höppner und Sebastian Fust haben sich Goethes Bestseller „Die Leiden des jungen Werther“ auf ungewöhnliche Weise genähert und bringen den Text als Krimi auf die Bühne […].

Zu einem Spaziergang wird Höppners Inszenierung dadurch für das Publikum nicht, sie gleicht eher einer Bergtour. „Goethes Sprache ist nicht mehr unsere“, heißt es zur Premiere in den Reihen der Zuschauer, die sich aber darauf eingelassen haben, dem mehr als 200 Jahre alten Sprachrhythmus zu folgen. Und wenn auch die Darsteller ihren Fluss durch die Satzkonstrukte gefunden haben, kann das Ganze zu einem Hör- und Denkgenuss werden. Denn die Themen, die Goethe anspricht, sind durchaus aufs Heute übertragbar: Wo sind die Grenzen, an denen die individuelle Freiheit endet? […]

Rita Kunze / Mitteldeutsche Zeitung