Was wird sein?
Spielzeit 2017/18

Die Räuber

Schauspiel von Friedrich Schiller

Ein furioses Gaunerstück mit großem dramatischen Potential in der verunglückten Vater-Söhne-Beziehung des Grafengeschlechts von Moor. Die ins Tragische zulaufenden Geschehnisse werden durch die gegensätzlichen, aber willensstarken Charaktere der Brüder Moor bestimmt. Unter ihnen gehen nicht nur der eigene Vater und Karls Braut Amalia zugrunde, sondern auch sie selbst. Franz Moor, von der Natur benachteiligt, entpuppt sich als skrupelloser Intrigant, der dem Bruder das Erbe neidet und den tyrannischen Herren verkörpert. Die Geschichte Karl Moors vom freiheitlich denkenden Rebell, der sich zum gefürchteten und gejagten Räuberhauptmann entwickelt, setzt sich kritisch mit der Frage der gewaltsamen Durchsetzung von Gerechtigkeit auseinander. Mit seinem 1781 erschienen Werk ist dem jungen Schiller in der leidenschaftlichen Sprache des ausgehenden Sturm und Drang ein genialer Wurf gelungen, der mit Recht zu den bedeutendsten und beliebtesten Bühnen-Klassikern zählt.
Aufführungsdauer: 3 Std.
Gefördert von der

Pressestimme: Punkrock-Räuber leben ihre Aggression als Vergnügen aus

Volksstimme Magdeburg, 14.10.2010
Am vergangenen Samstag hatten Schillers "Räuber" in Quedlinburg Premiere. Die zweite Vorstellung am Dienstag war ganz den Schülern der Klassen 8 bis 12 aus dem Gymnasium Blankenburg vorbehalten. Die Jugendlichen verfolgten mit großem Interesse und Anteilnahme das historische Drama.
Von Liane Bornholdt
Quedlinburg. Karl und Franz Moor, gespielt von Markus Manig und Benedikt Florian Schörnig, haben bisher noch jede junge Generation bewegt. Die jüngste "Räuber"-Inszenierung von Paul Burian am Nordharzer Städtebundtheater zeigt auch wieder zwei junge Männer der Gegenwart.
Sie könnten freilich gegensätzlicher kaum sein. Nachdem man erst Amalia (Susanne Rösch) vor dem Schloss der Familie Moor sehen konnte, die sich hier heroischen und romantischen Träumen nach ihrem Karl hingibt, beginnt das Stück mit der zweiten Szene. Zuerst nämlich wird die Welt Karl Moors gezeigt. Er findet sich in einer Jugendtruppe, die, angeführt von Moritz Spiegelberg (Robin Weinem), verquere Parolen skandieren, die auf die "totale Party" hinauslaufen.
Auf dem Prospektbild erscheint eine Fabrikhalle und harte Techno-Beats erklingen. Alkohol und Drogen sind im Spiel. Ihr Gelaber von Freiheit führt dazu, dass die Jugendlichen Karl Moor zum Anführer erwählen, da dieser diese Tonart am besten beherrscht und außerdem auf einen Scheck des Vaters hofft. Erst danach erscheint Franz.
Er kommt aus dem Zuschauerraum, mit Glatze und in einem Anzug, der nach einem miesen Bürojob aussieht (Kostüme und Ausstattung: Susanne Bachmann), um noch einmal sich dem Vater anzudienen. Dieser als Patriarch im Büro weist ihn wie immer zurück und gibt nun den Anlass, dass Franz seine Rachepläne verwirklicht. Per E-Mail ist bald der böse Brief verfasst und versandt.
Handlungen werden greifbar
Die verschiedenen Schauplätze entstehen durch Prospektbilder, die per Videobeamer projiziert werden, so dass die Gleichzeitigkeiten der verschiedenen Handlungen sehr greifbar werden. In die wilde Partyatmosphäre kommt Franzens intriganter, dem Vater diktierter Brief, der Karl die Hoffnung auf Gutbürgerlichkeit endgültig raubt. Da alle Menschlichkeit dahin zu sein scheint, ergibt er sich seinen Kumpanen. Die Gruppe ist aggressiv und ziellos, sie bedient sich alter 68er Parolen und überzieht einfach alles mit ätzend-sarkastischer Ironie. Ihre Flucht in die "Böhmischen Wälder" kommt wie ein trotziges Abenteuer vor.
Die Inszenierung setzt auf schnelle Wechsel, und man erkennt hier die Parallelwelten nicht nur im Spiel, sondern auch musikalisch und bildlich. Harter Punkrock begleitet die Räuber, die bald schon nicht nur mehr ausgeflippte Jugendliche auf der Suche nach Spaß sein werden, sondern gewalttätige Kriminelle. Erstaunlich, wie genau Schillers Text mit dem leider ganz zeitgemäßen Habitus dieser Truppe zusammenpasst. Karl Moors gelegentliche moralisierende Einwände werden verspottet, Aggression und Gewalttätigkeit sind wirkliche Vergnügungen.
Ein anderer, dann vielleicht doch höherer, Sinn der Auflehnung ist schon sehr bald verflogen. Was Freiheit bedeutet wird bedeutungslos. Die andere Welt verändert sich aber auch sehr bald. Aus dem gepflegten Schloss sind auf den Prospektbildern seelenlose Bürotürme entstanden, die Franz beherrschen will. Der alte Moor wird in absoluter Starrköpfigkeit gezeigt. Martin Richter spielt ihn leise, klagend und so, als ginge die Zeit an dem alten Patriarchen vorbei. Kein Argument dringt zu ihm durch, und Franz hat allen Raum, seinen Zynismus auszuleben.
Blind gegen den verkleideten Karl
Aber er ist und bleibt auch schwach, muss sich von Amalia zurückweisen lassen, die sich als einzige den Luxus erlaubt, ihre Ideale noch zu pflegen. Das freilich macht sie auch blind gegenüber dem verkleideten Karl, und es macht sie untauglich für die Realität. Die Katastrophe ist unausweichlich.
Die jugendlichen Zuschauer in der Schülervorstellung verfolgten die Wege der zweifelhaften Helden in diese Katastrophe mit wachsender Spannung und reagierten betroffen, vor allem von der Gewalt, die hier in ihren so ganz verschiedenen Formen drastisch gezeigt wurde.
Eine interessante, sehenswerte Inszenierung.

Pressestimme: Räuber-Reduktion im Video-Look

Mitteldeutsche Zeitung Quedlinburg, 12.10.2010
VON UWE KRAUS
QUEDLINBURG/MZ. Wie viel Modernisierung verträgt Friedrich Schiller? Was bleibt, wenn der hohe Stil seines Jugendwerks "Die Räuber" ins Heutige übersetzt und scheinbar auf dem Altar des Boulevardesken geopfert wird? Nur kulturelle Verarmung und Trivialität oder doch mehr Verständnis beim aktuellen Theaterbesucher? Die Inszenierung von Paul Burian am Nordharzer Städtebundtheater entlässt den Zuschauer in großem Zwiespalt. Wo ging der Blankvers, jenes Schillersche Versmaß großer Dramatik, nur verloren. Der Regisseur und erfolgreiche Darsteller spektakulärer Filme will dem Publikum die Vollversion des Schiller-Werkes, dass dieser quasi unter der Bettdecke an der Karlsschule schrieb, nicht zumuten. Und er greift zum Mosaik, setzt grelle, laut den Protest artikulierende Steinchen neben leise, klassische Teile, die nicht etwa matt wirken in dieser Show der Frustrierten, der Satten und Gekränkten. Irgendwo in diesem Vexierbild findet man Schiller. Je genauer man hinschaut, desto klarer schält sich der Klassiker heraus.
Diffuse Gewalt
Burian kennt seinen Schiller, besser gar als das Publikum. Er erlebt eine diffuse Gewalt in der Gesellschaft, die selbst vor den bürgerlichen Haushalten nicht Halt macht. So ist es bei ihm nicht das Prekariat das da marodiert, vergewaltigt, mordet, sondern die übersättigte Kinder-Generation der 68er, die gerade aus der geistigen und materiellen Völlerei heraus brutal opponiert. Doch wogegen und wofür, der Blick nach vorn schaut ins Perspektivlose. Sie stürmen durch den Zuschauersaal, spielen, saufen Bier und skandieren "Macht kaputt, was Euch kaputt macht".
Burian treibt die Frage um, wie Menschen, die persönlich verletzt und gekränkt werden, mit diesen Wunden umgehen. Der familiäre Kronprinz Karl (Markus Manig) und der vom theatralisch agierenden Benedikt Florian Schörnig in aller Schmierigkeit gespielte Franz, sie eint nicht allein der Schoß, dem sie entglitten. Beide suchen Bestätigung und ihre Macht-Position, im Hause Moor und im Leben da draußen. Schörnig will als beschlipster Franz mehr, in der Vaterliebe aus dem Schatten des Bruders Karl treten, in der Beziehung zu Amalie dessen Platz auf der Liebesstatt einnehmen. Gerade die Beziehung zu den beiden Figuren Maximilian von Moor und Amalie von Edelreich charakterisiert Franz am genauesten. Das verdankt die Inszenierung zwei Darstellern, an deren Rollen sehr fein geschliffen wurde. Martin Richter, vor einem Jahr als grandioser Alt-Faust auf der Bühne, gibt einen kompetenzschwachen Familienmanager ohne Realitätsbezug, doch mit Sinn für den Erhalt der Moorschen Fassade, deren guter Name längst befleckt ist. Selbst im Rollstuhl lavierend und voller Jammer malt Richter ein Vaterbild voller Widerspruch und (Selbst)Mitleid.
Adäquate Ausstattung
In ihrem liebesglühenden roten Kleid pendelt Susanne Rösch (Amalie) zwischen jugendlicher Liebe, aggressiven Zügen und der Leere ihres tugendhaften Da-Seins, das allein ums Warten auf Karl kreist. Welch großes Sehnen und Hoffen am Anfang beim Spiel vor dem Vorhang zu klassischen Weisen (Musik: Sinaida Katawazi), wie dramatisch ihr Ende. Susanne Bachmann schuf für "Die Räuber" eine den Regie-Intentionen adäquates Ausstattung. Ihre Bühne kommt mit wenigen, variabel nutzbaren Elementen aus, die sich öffnen und schließen, sie spielt mit äußerer Leere, die mit Perspektivmangel korrespondiert. An den Vorhang und die Großbildwand geworfene Bilder und Videos (Konzept: Goesta Struve-Dencher) visualisieren die wechselnde Handlung. Hier hat die Inszenierung mit Impressionen zwischen Shanghai und Quedlinburg technisch immens aufgerüstet. Die Räuber-Bande bleibt quantitativ dagegen bescheiden, auf einige Protagonisten wie Robin Weihem a. G., der sich selbst überschätzend als Spiegelberg schwer einfügen will, und Jörg Vogel als Schweizer und Herrmann zugeschnitten. Weihem ist ein lauter, aber kein lauterer Akteur, der mit dem Bass auf der Schulter marschiert und Karl die Hauptmannswürde abspenstig machen will. Lob gilt der engagierten Statisterie, die die Buriansche Räubertruppe doch noch auf acht Gesellen "aufplusterte".
Die Inszenierung steht am Start des Schiller-Pfades, der mit vielen Partnern bis 2012 den Klassiker ins Heute holen soll. Paul Burian hat es auf seine Art versucht und erhielt dafür mit seiner Crew in Quedlinburg viel Premieren-Applaus.

Vorbericht: „Die Räuber“ vor der Premiere

Keiner weiß was kommt: „Die Räuber“ werden da sein
Mit Friedrich Schillers „Die Räuber“ startet das Nordharzer Städtebundtheater mit einem Klassiker des Sturm und Drangs in die neue Schauspielsaison.

Von Thomas Junk
Quedlinburg. Susanne Rösch sitzt in der warmen Oktobersonne vor dem Quedlinburger Theaterhaus. Die junge Schauspielerin am Nordharzer Städtebundtheater hat eine anstrengende Woche hinter bzw. noch vor sich. Am Sonnabendabend um 19.30 Uhr wird sie als Amalia auf der Bühne des großen Hauses in Quedlinburg stehen und die letzte Probenwoche ist immer besonders nervenaufreibend. Da ist ein Moment der Besinnung und Entspannung bei einem großen Glas Apfelschorle genau das richtige für die 25-Jährige. Regisseur Paul Burian macht es für die Schauspieler bei dieser Inszenierung aber auch besonders spannend, wie Susanne Rösch berichtet: „Wir proben sehr viel in kleinen Gruppen, so dass man selbst noch kein Gefühl für die gesamte Inszenierung hat.“ Das Puzzle wird sich wohl erst bei den Durchlaufproben kurz vor der Premiere zusammenfügen. „Das macht es für uns natürlich besonders spannend.“ Die Zusammenarbeit mit dem Regisseur sei für Schauspieler sehr angenehm, da er ihnen viel Freiraum lasse. „Er arbeitet sehr genau und ist mit großer Leidenschaft dabei. Wenn die Premiere nicht wäre, würde er sicherlich noch weiter an der Inszenierung arbeiten. Aber das ist ja immer so. Eine Inszenierung ist nie mit der Premiere abschlossen“, berichtet Rösch aus Erfahrung. Die Inszenierung von Paul Burian möchte die Räuber als eine übersättigte Oberschicht darstellen. Junge Menschen, die eigentlich alles haben und mehr oder weniger aus reiner Langeweile kriminell werden. Im inszenatorischen Konzept soll sich aber auch der Zeitgeist der Perspektivlosigkeit widerspiegeln. „Ein Thema, das gerade hier in der Region aktueller denn je ist“, befindet Rösch- Für die 25-Jährige Hannoveranerin, die ihren Beruf in der Berlin gelernt hat, übt die Rolle der Amalia einen besonderen Reiz aus, wie sie zugibt. Da sei einerseits der Text, der eine echte Herausforderung sei. „Die Schwierigkeit besteht nicht darin, den Text zu lernen, sondern vielmehr darin ihn in den Mund zu bekommen, dass der Text wahrhaftig ist, dass er das ist, was man denkt“, beschreibt Rösch die Herausforderung. Viel haben ihr die älteren Kollegen dabei geholfen, sagt. Sie. „Die Arbeit hat sich nicht nur auf die Probenzeit beschränkt, wir haben uns auch außerhalb sehr intensiv mit unseren Rollen und dem Text beschäftigt.“ Aber auch der Charakter ihrer Bühnenfigur fordert Susanne Rösch Einiges ab: „Da ist diese Amalie, deren Lebensinhalt ausschließlich darin besteht, auf Karl zu warten. Das ist doch heute gar nicht mehr vorstellbar. Sie lebt immer in dieser Karl-Welt. Deswegen wird die Figur auch ganz schön gebeutelt, deswegen geht es manchmal auch ganz schön aggressiv zu.“ Ob sich die einzelnen Puzzleteile der Inszenierung von Paul Burian pünktlich zu der Premiere zu einem Ganzen zusammenfügen, davon können sich die Zuschauer am Sonnabend überzeugen. Für die Premiere gibt es noch Restkarten. Weitere Aufführungstermine in Quedlinburg sind für Dienstag, den 12. Oktober, um 10.00 Uhr und Freitag, den 29. Oktober, um 19.30 Uhr vorgesehen. Im Halberstädter Großen Haus kann die Aufführung am Sonnabend, dem 23. Oktober, um 19.30 Uhr erstmals besucht werden.