#Es_ist_Liebe
Jubiläumsspielzeit 2016/17

Du, meine Seele, singe (Uraufführung)

Leben und Lieder des Paul Gerhardt. Ein Choratorium von August Buchner

Mit dem Projekt „Du, meine Seele, singe“ erprobt das Nordharzer Städtebundtheater neue Wege zur Kooperation mit Partnern aus der freien Szene sowie aus der evangelischen Kirche. Das Choratorium, das anlässlich des 400. Geburtstages von Paul Gerhardt (1607-1676) vom halleschen Verein Kultur und Bildung 05 entwickelt und produziert wurde, verbindet dabei das Prinzip einer Tournee-Inszenierung mit der protestantischen Tradition aktiver Gemeinde-Beteiligung. In der Regie von Intendant André Bücker wird der Schauspieler Frank Roder gemeinsam mit Gemeindechören in ganz Deutschland an Leben und Werk des berühmten Kirchenlied-Dichters erinnern.

Die Beteiligung der Gemeinden erfolgt auf Einladungs-Basis und ist für alle Kirchenchöre offen, die Begegnung des Solisten mit unterschiedlich zusammengesetzten Ensembles ist ausdrücklich erwünscht. Der musikalische Teil beruht auf den Melodien des Evangelischen Kirchengesangbuchs, durch die ungewohnte vollständige Wiedergabe der gewählten Stücke soll Gerhardts Werk in seiner ganzen inhaltlichen Größe und ästhetischen Konsequenz erlebbar werden. Nach getrennten Proben-Vorbereitungen der Sänger und des Darstellers werden die Ergebnisse in einer gemeinsamen Schlussphase vor Ort zusammengeführt, das szenische Konzert krönt als Abschluss auch die Arbeit der beteiligten Laien. Gefördert wird die Inszenierung durch das Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt sowie durch die Evangelische Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. Produzent ist Kaspar-Ludwig Stolzenhain, die Assistenz liegt in den Händen von David Ortmann. Basierend auf neun Liedern und auf dem Testament von Paul Gerhardt, erzählt die Inszenierung von Gerhardts Leben. In atmosphärischen Texten werden die Kindheit in Gräfenhainichen sowie die Schulzeit in der Grimmaer Fürstenschule, das Studium in Wittenberg und die erste Pfarrstelle in Mittenwalde vorgestellt. Der Streit um das Toleranz-Edikt des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm und Gerhardts standfestes Beharren auf seinem lutherischen Standpunkt leiten zu seiner letzten Station in Lübben über. Grundiert und kommentiert werden die Texte von August Buchner durch so bekannte Werke wie „Nun ruhen alle Wälder“, „Wie soll ich dich empfangen“, „Geh aus mein Herz und suche Freud“ oder „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“. Zum Finale erklingt Gerhardts berühmter Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“, der von Johann Sebastian Bach vertont wurde.

Die Premiere von „Du, meine Seele, singe“ fand am 11. März um 14.30 Uhr in der St. Vitus Kirche in Alterode statt. Weitere Vorstellungen sind u. a. in Halberstadt, Nordhausen, Wittenberg, Schulpforta, Wernigerode und Halle geplant. Am 11. April fand eine Aufführung beim Konvent des Kirchenspiels Merseburgs statt, am 24. Juni beim Johannesfest Halberstadt. Weitere Termine entnehmen Sie bitte unten stehender Liste.


Pressestimme: „Du; meine Seele, singe“ – Ein Choratorium erinnert an den Liederdichter Paul Gerhardt

Mitteldeutsche Zeitung vom 29.06.2007
Von Ute van der Sanden
Es hat alles gepasst. Im Garten der Johanniskirche war am Johannistag fürs Johannesfest weiß gedeckt. Halberstadts Türme reckten sich der Sonne entgegen, vor der Orgel kam eine Bauplane als skurriler Bühnenvorhang zu Ehren. Nun aber ging die Rede von Brandenburgs Kurfürst Friedrich Wilhelm, der den Pfarrer Paul Gerhardt „in die Märtyrerschaft entlassen“ hatte. Und die Stimme, die so sprach, schickte die Sorglosigkeit vor die Tür: „Wir schreiben das Jahr 1676, hier und jetzt!“
In Gräfenhainichen das Geborenwerden als „Allerweltskind“. Dann Grimma, Wittenberg, Berlin, Mittenwalde, wieder Berlin. In Lübben das Testament: Eine „fröhliche Abfahrt“ hatte der Schreiber erbeten. An den Lebensstationen, in den Liedern Paul Gerhardts wurden sein Werk sichtbar, die Qualen, unter denen es entstanden war – und der Trost, den es birgt.
Theaterstück, musikalische Andacht, Gottesdienst: All dies steckt in diesem szenischen Gemeindekonzert, das vom halleschen Verein „Kultur und Bildung 05“ entwickelt und vom Nordharzer Städtebundtheater koproduziert, vom Landesverwaltungsamt und von der Kirchenprovinz Sachsen gefördert, zum 400. Geburtstag des Dichters uraufgeführt und bislang auch in Alterode und Merseburg gezeigt wurde. 20 weitere Kantoreien haben das Ereignis samt Personage bereits gebucht. Weitere Bewerbungen sind willkommen.
Mitwirkung auch. Das ist die Idee des in seiner Gesamtwirkung auf eine ebenso unaufdringliche wie unbegreifliche Weise mystischen Stücks. Alle müssen Acht geben, wann sie dran sind mit dem Singen. Weil Ort und Besetzung wechseln, ist keine Aufführung wie die vorige. Diesmal ward der Anteil des Chor- zugunsten des Gemeindegesangs reduziert. Wurde Paul Gerhardts Testament von Lektoren verlesen, nicht vom Chor. Eine leise Lösung, die Regisseur André Bücker für „absolut legitim“ hielt.
Über die Qualität von Gesang und Orgelspiel muss nicht räsoniert werden – Hauptsache, die Gefühle sind echt. Einige der innigsten Gerhardt-Lieder, darunter „Du, meine Seele, singe“, das der Inszenierung den Titel gab, sind mit dem Text verwoben – in voller Länge! Eine Herausforderung, zumal nicht jedem jede Melodie geläufig ist. Dafür, dass es dennoch allenthalben funktionieren wird, sorgt das Gerüst dieses „Choratoriums“ von August Buchner – sein frommer Text, der ein verzweifelter, renitenter, suchender ist. Seine emotionale Kraft und herzenswarme Poesie bezieht er aus der Geschichte, die er erzählt, und den sprachgewaltigen Bildern, die er findet. Frank Roder deklamiert ihn auswendig, als fände er ihn im Moment des Sprechens – widerstrebend zum Gesang oder mit ihm im Einklang.
In den Wortvariationen Johann Caspar Schades über den Anfang des 63. Psalms über die „Sehnsucht nach Gott“ entfesselt er einen inneren Glaubenskrieg, auf „Geh aus, mein Herz“ montiert er überschwänglich Bibelzitate mitsamt Quellenangabe. Kein Happy End. “Wer so stirbt, der stirbt wohl”, verklang die Choralmelodie aus Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion. „Oh“, stöhnte eine alte Dame, als Frank Roder seinen Paul Gerhardt flehend, hadernd, ehrfurchtsvoll mit dem Herrn abrechnen ließ, „oh, um Gottes willen!“ Niemand im Publikum wusste recht, ob dies das Ende war und jetzt geklatscht werden durfte. Wie gesagt, es hat alles gepasst.

Pressestimme: Eindrückliches Choratorium

Nordhäuser Allgemeine vom 12.September 2007

Der Förderkreis „Leimbacher Kirche“ sowie die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde hatten zum Vortag des diesjährigen Tages des offenen Denkmals zu einem bisher einzigartigen Projekt eingeladen. Ein Rückblick in der nnz von Andreas Funke-Reuter.

Mit dem in der Leimbacher Kirche am Samstag (8.9.) zur Aufführung gekommenen Choratorium von August Buchner in der Regie von André Bücker „Du, meine Seele singe“ wurde auf eine neue und interessante Weise des 400. Geburtstages des Kirchenlied-Dichters Paul Gerhardt gedacht.

Das aktuelle Evangelische Gesangbuch versammelt immerhin 30 Texte von Paul Gerhardt. Das war Grund genug, dass das Nordharzer Städtebundtheater Halberstadt/Quedlinburg in Kooperation mit dem Verein Kultur und Bildung 05 Halle/Saale jenes Projekt entwickelte und produzierte, gefördert vom Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt und der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. Der Förderkreis „Leimbacher Kirche“ wurde darauf aufmerksam und konnte es erfreulicherweise nach Thüringen, in die Kirche St. Martini nach Leimbach und damit in die Nordhäuser Gegend holen.

Was dann erlebbar wurde, berührte tief. Auf der einen Seite: das erschütternde, leidvolle Leben Paul Gerhardts in Zeiten von Pest, Dreißigjährigem Krieg, Streitigkeiten und frühem Tod von vier seiner fünf Kinder. Dieses wurde sehr beeindruckend durch den Schauspieler Frank Roder szenisch dargeboten. In bewegender, kontrastierender Spannung dazu auf der anderen Seite: die zutiefst glaubensstärkenden, zuversichtlichen Lied-Texte Paul Gerhardts sowie der Wortlaut seines Testaments. Dies wurde vom Leimbacher Gemeindechor, begleitet vom Urbacher Posaunenchor, zu Gehör gebracht. Gerade diese dramatische Polarität bewirkte ein sehr eindringliches Erleben, was niemanden unberührt ließ. Ganz besonders galt der Applaus am Ende auch der enormen Einzelleistung des Schauspielers Frank Roder.

Ein nächster Höhepunkt, den die Leimbacher und ihre Gäste in der Kirche St. Martini erleben konnten, war gleich am nächsten Tag (9.09) die Andacht durch Nordhäuser Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD). Sie eröffnete damit feierlich den Tag des offenen Denkmals „Orte der Einkehr und des Gebets“ in der Leimbacher Kirche.

Für die Kirchengemeinde und den Förderkreis „Leimbacher Kirche“ wurde dies sehr dankbar als Würdigung des gewachsenen Engagements vieler Leimbacher für die Sanierung ihrer schönen Kirche empfunden.