Was wird sein?
Spielzeit 2017/18

Eine Dame werd‘ ich nie

Revuette für drei Herren mit Liedern großer Diven

Was ist eine Diva? Und was ist, wenn drei Herren dieser Frage auf den Grund gehen und Lieder der großen Stars singen? Marlene Dietrich, Zara Leander, Hildegard Knef, Alexandra oder Nana Mouskouri beeindrucken das Publikum durch ihren Gesang, ihr Wesen und ihr Image. Die einen versuchen dem Ideal einer echten Dame zu entsprechen, die anderen sind es einfach. Begehrenswert, exaltiert, eitel und entblößt stehen sie im schonungslosen Rampenlicht der Öffentlichkeit. Sie lieben den Applaus und fürchten die Presse. Dem stehen die männlichen Diven in nichts nach. Gilbert Bécaud, Frank Sinatra oder Udo Jürgens stellen ihre intimen Lieder und ihre Persönlichkeit zur Schau.

Diven trauen sich was, werden geliebt und sind Identifikationsfiguren. In dieser Revuette treffen sie sich und singen ihre schönsten Lieder.


Pressestimme: Ein Intendant, der sich weiblicher List und Tücke beugen muss

Volksstimme Halberstadt, 21.11.2007

Von Jörg Loose

Halberstadt. Manchmal, in ganz, ganz seltenen Fällen, spiegelt das Theater das wahre Leben. Im Falle der Revuette (kleine Revue) „Eine Dame werd’ ich nie“ ist dies ganz offensichtlich gelungen. Denn Männer haben es nicht leicht. Diese profunde Erkenntnis, in ihren vielfältigen Spielarten und Facetten, steht im Zentrum der neuesten Produktion des Nordharzer Städtebundtheater.
Es ist ganz klar, dass bei einem derart delikaten wie bedeutungsschwangeren Thema der große Meister, Intendant André Bücker, höchst selbst für Buch und Regie verantwortlich zeichnet. Das mit Imme Kachel eine Frau die Ausstattung besorgte und diese natürlich in ein typisch weibliches Ambiente, einen Waschsalon, verpackte, dessen Uhr zudem bösartiger Weise 5 vor 12 anzeigt, verdeutlicht einmal mehr die Brisanz der Thematik – nicht einmal ein Intendant ist völlig frei in seinen Entscheidungen und muss sich weiblicher List und Tücke beugen.
Trotzdem erweist sich die Revuette als eine Meisterleistung männlichen Egos. Mit nahezu einem Nichts an Inhalt (und Handlung) wird ein Maximum an Effekt und Wirkung erzielt, eben typisch Mann. Merke: Männer haben es zwar schwer, aber sie sind auch genial! Na ja, vielleicht nicht alle. Denn die drei Herren, die Bücker auf die Bühne stellt, haben mit dem Mannsein so ihre Problemchen. Da ist der verklemmt, spinnert-menschelnde Berufsalternative Martin (Ingo Wasikowski), ein einsam verlassener, knochentrockener Beamter (Norbert Zilz) und ein Brutalo-Rocker (Tobias Amadeus) – mithin also ein breites Spektrum jener merkwürdigen Gattung Mensch, deren Pubertät (wenn überhaupt) erst mit der Andropause abgeschlossen ist. Diese Buben sind satirisch scharf gezeichnet und singen wild aufeinander los. Denn das gesamte Libretto des Abends besteht aus den tiefgründig hochphilosophischen Ergüssen vorwiegend deutschen, aber auch internationalen Liedgutes, das in seiner musikalischen Spannweite vom Abzählreim über das Kinderlied, den deutschen Schlager in seiner schwülstigsten Ausprägung, über das Chanson bis hin zur krachigen Rockhymne geht. Damit ist nicht nur für Abwechslung gesorgt, vor allem können nur so die feinstufi gen Nuancen männlicher Psyche adäquat beleuchtet werden. Von der Schilderung der nichtvorhandenen Handlung wollen wir hier - aus verständlichen Gründen - absehen. Das Ganze läuft nach folgendem Schema ab: Waschlappen A klagt sein Lied – natürlich in Leidform. Darauf reagiert, in einem Waschsalon ist das sehr natürlich, Waschlappen B ebenfalls mit einem leidigen Liedzitat. Nachdem die beiden Heulsusen den Waschsalon ordentlich gefeuchtet haben, tritt der Obermachorocker in Aktion, und zeigt den triefenden Pantoffelhelden – natürlich musikalisch, was ein echter Kerl ist. Nach einer alkoholseligen Verbrüderungsparty fragt sich das Publikum schon mal, was jetzt noch kommen kann. Just in diesem Augenblick outet sich der Obermachorocker als Transe. Nun liegen die Dinge anders und die vorher so arg bedrängten Waschlappen A und B finden ausgiebig Gelegenheit zu musikalischer Rache. War es bis dahin lediglich der normale Männerwahnsinn zwischen Kamillentee und Aktenschrank, so ist es nun wirklich 5 vor 12 – es wird endlich zurück gesungen. Und während nun die Möchtegerndiva in Tränen zerfl ießt, fl ießen im Publikum Tränen anderer Natur. Auch Lach-Tränen lügen nicht! Wer will, findet hier natürlich diffizile Anregungen für welterschütternde Exkurse philosophischer Natur - allein ich will nicht. Denn vor allem ist das Ganze ein mordsmäßiger Gaudi, bei dem drei großartige Darsteller ihrem singenden, tanzenden und schauspielerndem Affen jede Menge Zucker reichen. Und da es die Regie versteht, aus jedem noch so kleinen inhaltlichen Schatten ein sketchartiges Feuerwerk abzubrennen, das selbst dem deutschen Schlager überraschenden Sinn verleiht, eilen unsere Helden, gemeinsam mit dem musikalischen Oberleiter Matthias Schaletzky von einem komödiantischen Höhepunkt zum nächsten. Dabei ist, in Phasen höchster Bedrängnis, die Zilz’sche Mimik, als wäre sie von Loriot gezeichnet. Und wenn er das übliche Schlager-Background-Ahhh-Ahhhh-Ahhh in bierernster opernhafter Heldenpose schmettert und haucht, dann haut es sie glatt vom Stuhl – versprochen! Übrigens, eine wirkliche Frau (Edith Jeschke) spielt auch noch mit, hat aber nicht viel zu sagen (Hier hat die Inszenierung ganz offensichtlich ihren Realitätsbezug verloren!). So Herr Bücker, nachdem Sie jetzt kräftig über den gemeinen Kerl an sich hergezogen haben, erwarten wir im nächsten Jahr gleiches zum Thema Frau – „Eine Barbie werd’ ich nie“ oder so ähnlich. Bis dahin erfreuen wir uns an dieser stürmisch beklatschten Revuette.

Pressestimme: Männergesang im Waschsalon

Volksstimme Magdeburg, 12.11.2007

Von Dr. Herbert Henning

Franz Wittenbrink hat sie als ganz besondere Form der „Kleinkunst“ erfunden, und inzwischen sind seine Liederabende „Sekretärinnen“, „Mütter“ oder „Männer“ Kult. Nun hat André Bücker für die kleinen Spielstätten in Halberstadt und Quedlinburg dieses Genre um Männergesänge der besonderen Art bereichert. Drei Herren behaupten zum großen Vergnügen des Publikums mit Liedern großer Diven, „Eine Dame werd‘ ich nie“.
Halberstadt. „Am Tag als der Regen kam, oder Altenburg ist überall“ ist eine Geschichte, die man unbedingt lesen muss, bevor man sich auf diese zwerchfellerschütternde musikalische Abendunterhaltung einlässt. Sie ist im Programmheft zu der Revuette „Eine Dame werd‘ ich nie“ abgedruckt und deshalb ein ganz besonderes Lesevergnügen, weil in ihr mehr als 60 Titelzeilen von Schlagerschnulzen, Gassenhauern, Filmmelodien, Chansons, Rockballaden, Musicalhits, Operettenlieder, Couplets „versteckt“ sind. Sie alle und noch mehr wird man im Laufe dieses Liederabends von André Bücker hören können. Manche nur ein paar Takte lang, andere in voller Länge, viele „verpackt“ in einem Medley und natürlich gesungen. In diesen unterhaltsamen 90 Minuten mit Matthias Schaletzky am Klavier wird kein einziges Wort gesprochen!
In einem echten(!) Waschsalon mit Waschmaschine, Trockner, Bügelbrett und Kaffeemaschine (Ausstattung: Imme Kachel) treffen sich Männer: Ingo Wasikowski als verhuschter Softi im Patchwork-Pullover („Ich bin der Martin und wasche hier meine Hemden!“) klärt mit Hilfe Herbert Grönemeyers Lied „Männer“ auf, um welche ganz besondere Spezies es hier geht. Dazu kommt als Heinz-Erhard-Typ und mit der Feststellung „Mit der Liebe ist es aus ... doch ganz ohne Weiber geht die Chose nicht“ Norbert Zilz. Und der schwergewichtige Tobias Amadeus Schöner im schwarzen Rocker-Outfit und einem Seesack voller schmutziger Wäsche behauptet von sich „This Is a Man‘s World“.
Nach diesem furiosen Beginn erlebt man nun das Mit- und Gegeneinander dreier Männer im Waschsalon beim Bestücken der Trommeln und ihre Fantasien beim Betrachten von Stringtanga und „Weiße Hosen aus Satin“. Die drei wunderbaren Sängerdarsteller brennen ein wahres „Feuerwerk der guten Laune“ ab. Obendrein sind sie auch noch Tenöre, was nur von Vorteil ist.
André Bücker lässt sie Lieder großer Diven singen. Dazu gehören Marlene Dietrich, Zarah Leander, Dalida, Hildegard Knef, Erika Pluhar und daneben auch Wencke Myrrhe, Gitte und Frank Sinatra, Fred Astaire, Herbert Grönemeier, Tony Marshall, Udo Jürgens, selbst „Queen“ und „Karat“. In diesem musikalischen Waschsalon wird alles zusammengerührt und mit unbändiger Spiellust präsentiert. Dabei reiht sich Lied an Lied ganz von selbst im Miteinander der drei Waschsalon-„Löwen“. Gerade diese wunderbaren (Lied)-Übergänge machen den Reiz dieses Liederabends aus, der freilich nicht gänzlich ohne Frauen auskommt.
Edith Jeschke „wacht“ über die Waschmaschinen und Textsicherheit, und der Macho in schwarzem Leder verwandelt sich in eine langmähnige Frau, eingezwängt in einen sündhaft schönen Glitzerfummel. Und wie Tobias Amadeus Schöner, der ein bisschen aussieht wie die unvergessenen Trude Herr, ganz „Femme fatale“ mit laszivem Charme spielt, und wie er nun wirklich eine Diva in roten Stöckelschuhen gibt, das macht diesen Abend zum Lacherfolg.
Er haucht „Ich bin eine Frau ohne Vergangenheit“, bekennt „Ich bin, wie ich bin“ aus dem Musical „Ein Käfi g voller Narren“ und lässt sich von Ingo Wasikowski und Norbert Zilz mit dem Ratschlag trösten „Du musst die Männer schlecht behandeln“ – mit der Anleitung zum Vergessen frei nach Herbert Grönemeiers Trinkerballade „Alkohol“.
André Bücker hat sich für seine Szenen im Waschsalon Originelles einfallen lassen, und Gabriella Gillardi lässt die Herren tänzerisch ab und an ins Schwitzen kommen. Norbert Zilz singt „Merci, Merci“ und kämpft mit den Tücken der gleichnamigen Schokoladenpackung. Angesichts der ausgebleichten Blümchen auf den Boxershorts von Ingo Wasikowski singt der „Sag‘ mir, wo die Blumen sind“, und die Freunde antworten schadenfroh „Davon geht die Welt nicht unter“.
Tobias Amadeus Schöner kommt musikalisch zu der Erkenntnis „Eine Dame werd‘ ich nie“, und das ist gut so, denn um diese wunderbare Tenorstimme, bei der jede Rockballade wie eine Puccini-Arie klingt, wäre es wirklich schade.
Dass sich die Drei im Waschsalon so gut verstanden haben, mag wohl daran gelegen haben, dass sie, wie die Geschichte im Programmheft verrät, aus Altenburg stammen. Trotz Waschen, Trocknen und Bügeln im Waschsalon: Tom Jones‘ Hit „Sexbomb“ (als Zugabe) trifft irgendwie auf diese sympathischen Zeitgenossen zu.