Spielzeit
2018/19

Eine Weihnachtsgeschichte

Märchenballett (Uraufführung) von Jaroslaw Jurasz nach Charles Dickens mit Musik von Irineos Triandafillou

Am Heiligen Abend erscheint dem herzlosen alten Geizhals und Geschäftemacher Ebenezer Scrooge der Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Marley, der sich zu Lebzeiten durch noch größeren Geiz als Scrooge auszeichnete. Er prophezeit ihm ein düsteres Ende, sofern er nicht sein Leben grundlegend ändere. Danach zeigt sich der Geist der vergangenen Weihnacht, der Scrooge in seine Kindheit zurückversetzt, gefolgt vom Geist der gegenwärtigen Weihnacht, der ihn ins Haus seines ärmlich lebenden Schreibers Cratchit sowie in das Haus seines Neffen Fred geleitet. Der Geist der künftigen Weihnacht führt ihn zu seinem einsamen Sterbebett und zeigt ihm seinen Grabstein. Angesichts dieser sinnfälligen Visionen läutert sich Scrooge und wird fortan zu einem gütigen, die Not anderer Menschen lindernden alten Herren.

Die 1843 entstandene, von John Leech illustrierte Erzählung A CHRISTMAS CAROL wurde schon zu Lebzeiten Charles Dickens’ zum populären Renner und hat seither nichts von ihrer berührenden Wirkung eingebüßt. Als Groteske konzipiert, enthält das Buch stark sozialkritische Töne, mit denen Dickens einst die Missstände im England des 19. Jahrhunderts anprangern wollte.

Die Läuterung eines alten Geizkragens

Frenetischen Beifall gab es für die Premiere von Charles Dickens’ “Weihnachtsgeschichte” als Ballett im Nordharzer Städtebundtheater. Er galt dem Tanzensemble mit dem Choreografen Jaroslaw Jurasz, dem Komponisten der Uraufführungsmusik Ireneos Triandafillou und der Szenografin Kordula Kirchmair-Stövesand.

Die Ballettproduktion des Nordharzer Städtebundtheaters nach der gleichnamigen literarischen Vorlage von Charles Dickens ist ein großer Wurf. “Eine Weihnachtsgeschichte (“A Christmas Carol In Prose”) gibt es in zahlreichen Versionen - als Theaterstück, als Zeichentrick- und Spielfilm, mit den “Muppets” und auf herkömmlichen Puppenbühnen. Das Ballett gehört dabei zu den schönsten, die Fantasie beflügelndsten Geschichten. “Opa, gibt es da einen Erzähler?”, fragte vorher ein Mädchen. “Nein. Aber du wirst die Geschichte auch ohne Worte verstehen”, gab der Großvater zur Antwort.

Der junge Tänzer Stephan Müller als Ebenezer Scrooge war der Star der Vorstellung. Mit dieser Rolle empfiehlt er sich als Darsteller großer Charaktere. Müller machte die Wandlung von einem hartherzigen alten Geldsack zum Philantropen auf schöne Weise deutlich.[…]

Wieder geht das kleine Ensemble bis an die körperlichen Grenzen. Es ist ständig in den verschiedensten Rollen und Kostümierungen in Bewegung, unterstützt durch das Jugendballett und die Tanzsportschule “Elementa”. Kinder wie Erwachsene tanzen diese Geschichte des Menschlichwerdens voller Leidenschaft. Choreografie, Musik und Ausstattung korrespondieren vorzüglich. Der Grieche Ireneos Triandafillou, der für viele der Jurasz-Ballette die Musik schuf, spricht eine moderne, tanzbare Tonsprache - teils flächig, teils filigran. […]

Dieser Klangmix bedient gleichermaßen die Handlung wie das victorianische Bühnenbild und die traumhaft fantasievollen Tanzkostüme von Kordula Kirchmair-Stövesand. In ihre Häuserlandschaft fügte sie eine große Projektionsfläche für Videos von Joachim Kirchmair und Kay Lautenbach ein - mit der Anmutung eines e-Books. Eine Verbindung von Gegenwart und Tradition.

[…] Very british! Very good!

Hans Walter / Volksstimme


Fantastischer Griesgram

Hoch emotional und anrührend, ungeheuer ausgestattet und bestens getanzt: Das Märchenballett „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Jaroslaw Jurasz darf man sich nicht entgehen lassen […].

Ohne in überzogene Euphorie zu verfallen – das Premierenpublikum, die Mehrheit keineswegs Kinder, erlebte eine Sternstunde das Balletts für Kinder am Nordharzer Städtebundtheater. Das ist der klugen Auswahl des Stoffes, einer opulenten wie kindgerecht-farbigen Ausstattung von Kordula Kirchmair-Stövesand, die auch die stilgerechten Kostüme schuf, und der wunderbaren Choreografie des Ballettmeisters zu danken.

Jurasz schuf dieses Handlungsballett zur Musik von Ireneos Triandafillou. […] Dabei schlägt er [Triandafillou] den Bogen von Anklängen traditioneller Weisen aus Old-England hin zu einer wunderbar heutigen Tonsprache. Wunderbar werden alle Elemente vereint, die eine beeindruckende Inszenierung auszeichnen. […]

Als Ebenezer Scrooge besetzt Jurasz den wohl erfahrendsten Tänzer der Kleinen Compagnie, Stephan Müller, der schon in „Romeo und Julia“ und „Dornröschen“ gefeiert wurde. Dynamisch, mit großer tänzerischer Wandlungsfähigkeit und darstellerischem Vermögen zeichnet er die Metamorphose dieses unausstehlichen Geizkragens zu einem auf seine letzten Tage menschenfreundlichen Mannes. Ungelenkes Agieren mit aggressiven, Angst einflößenden Gebärden entwickeln sich zu einem zunehmend vitaleren Tanzstil. […]

Uwe Kraus / Mitteldeutsche Zeitung