Was wird sein?
Spielzeit 2017/18

Endstation Sehnsucht

Schauspiel von Tennessee Williams

Blanche, die sensible, neurotische, lebensunfähige Tochter aus einstmals großem, inzwischen verarmten Haus, steht für Tradition und Form, Empfindsamkeit und Raffinement, Arroganz und Verlogenheit. Stanley verkörpert das Animalische, Kraft und Energie, Selbstbewusstsein und eine Portion Brutalität. Der Kampf zwischen beiden geht eindeutig aus, die Sehnsucht nach dem Vergänglichen bleibt.

Geschrieben 1947, war das Stück sofort ein durchschlagender Erfolg. Es wurde mit dem Pulitzer-Preis und dem New York Drama Critics Award ausgezeichnet. Tennessee Williams gilt seitdem als Erfolgsautor. Der Zusammenprall zwischen der aristokratisch anmutenden Südstaatlerin Blanche und dem proletarischen Sohn polnischer Einwanderer, Stanley Kowalski, fasziniert das Publikum, wo immer das Stück gespielt wird. Tennessee Williams hat mehr geschaffen als ein perfekt gebautes Theaterstück mit großartigen Rollen, er hat einen Mythos formuliert.


Pressestimme: Kraftvolle Fallstudie menschlicher Unzulänglichkeit

Volksstimme Halberstadt, 12.3.2008
Von Jörg Loose

Mit Tennessee Williams Bühnen- und Filmklassiker „Endstation Sehnsucht“ gelingt dem Nordharzer Städtebundtheater in der Regie von Intendant André Bücker und der Ausstattung von Alrune Sera ein beeindruckender Saisonabschluss.

Das Akzeptieren der eigenen Neigungen, Fähigkeiten, Grenzen, des eigenen Ich’s gehört zu den schwierigsten Bewährungsproben jedes Menschen. Was aber geschieht mit uns, wenn wir diesen und andere Kämpfe unseres Lebens verlieren, wenn unsere Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche unerfüllt bleiben und sich als Geschwüre unerreichbarer Sehnsüchte schmerzhaft in Hirn und Herz festsetzen? Dieser Frage und den damit verknüpften Lebenslügen geht Tennessee Williams in „Endstation Sehsucht“ nach. Da niemand ist, was er gern wäre, werden Schein und Lüge rasch zum lebensnotwendigen Selbstschutz. Wer es - bei allen Fährnissen, die in einem selbst und dem gesellschaftlichen Umfeld lauern – schafft, so zu leben, dass er morgens noch halbwegs unbefangen in den Spiegel schauen kann, der hat die Prüfung dieses Lebens schon fast bestanden. Blanche, Tochter aus einem ehemals wohlbegüterten Südstaatenhaushalt, schafft das offensichtlich nicht. Nachdem ihr mit dem Tod des Mannes und dem Verlust des Herrschaftshauses persönlicher wie gesellschaftlicher Grund unter den Füßen entgleitet, bedarf es einer betäubenden, täglichen Schicht Schminke aus flüchtigem Sex, aufgesetztem Hochmut und berauschendem Alkohol um ihr beschmutztes Spiegelbild zu ertragen, das immer unkenntlicher wird. Auf der Flucht vor sich selbst trifft sie bei Ihrer Schwester Stella auf Stanley, der Blanches gutbürgerliche Fassade brutal und gnadenlos entblättert und ein lebensuntüchtiges Wesen zutage fördert.
Bücker offeriert uns ein Stück, das voll von kaputten, schrägen Typen ist. Er zeichnet ein kaltes, ungemütliches Milieu, das der Durchschnittsbürger gern ausblendet – die unterste Unterschicht als Endstation gesellschaftlichen Abstiegs. Als äußeres Spiegelbild von Blanches befleckter Seele hat Alrune Sera mit der Messie-Wohnung von Stella und Stanley ein trist-vermülltes Einheitsbühnenbild geschaffen, in dem ein fast ständig laufender Fernseher eine heile bunte Welt vorgaukelt – Endstation Sehnsucht im Medienzeitalter. Bückers überspitzte Zeichnung aller „Randfiguren“ bis an die Karikatur ist ein Wagnis, mindert den Realismus, sorgt aber für komisch-groteske Höhepunkte, von denen die Fallhöhe in den dramatischen Absturz – etwa in der Pokerszene mit anschließenden Faustschlägen gegen die schwangere Stella – um so gewaltiger wirkt. Während hier zum Teil akustische Textgewitter auf das Publikum einprasseln, sorgen beklemmend bedrückende, stille Szenen - etwa der animalische Liebesakt zwischen Stanley und Stella in Gegenwart einer einsam nach Liebe dürstenden Blanche – für höchst bedrohlichen Ausgleich. Der Soundtrack (u.a. mit Nummern von Johnny Cash, Lou Reed und Willie Nelson) konterkariert zum Teil den szenischen Befund und erzeugt eine Stimmung zwischen zynisch gefärbter Melancholie und Hoffnungslosigkeit.
Illi Oehlmann als Blanche liefert die eindrucksvolle Studie eines Verfalls, des schmerzhaften Abschieds von gesellschaftlichem wie persönlichem Glücksanspruch an dessen Ende Resignation und Wahn stehen. Gekonnt pendelt sie zwischen den Extremen und ist doch in ihrer großbürgerlichen Attitüde rissig wie in ihrer hilflosen Zerbrechlichkeit von verzweifeltem Sehnen nach eine heilen Welt. Sebastian Müller zeichnet einen skrupellos wie eindimensional angelegten Stanley, der nicht wirklich bösartig, aber immer und mit rücksichtsloser Konsequenz nach der Maxime „alles, sofort und nur für mich“ agiert. Zwischentöne sind ihm fremd und er gibt damit einen imponierenden Vertreter unserer heutigen Wettbewerbsgesellschaft.
Zu den Höhepunkten der Inszenierung zählt die Stella von Elisa Ottersberg. Ihr hilfloses Aufbegehren gegen die Brutalität ihres Mannes wie gegen die hochmütige Schwester und ihre verzweifelten Vermittlungsversuche zwischen beiden sind von anrührender Intensität. Ein Blick in ihr Gesicht während der Schlussszene offenbart einen Abgrund an Hoffnungslosigkeit – Endstation Leben. Auch alle anderen beteiligten Akteure liefern beste Schauspielkost.
Endstation Sehnsucht - kein ästhetisierendes Theater für Feinschmecker, aber eine kraftvolle Fallstudie menschlicher Unzulänglichkeit, die am Premierenabend begeistert gefeiert wurde.

Pressestimme: Gefangenen Seelen bleibt nicht einmal mehr der Traum

Mitteldeutsche Zeitung Halle, 11.3.2008
von Andreas Montag

André Bücker überzeugt mit «Endstation Sehnsucht» in Quedlinburg
Quedlinburg/MZ. Das Stück ist ein Klassiker, was die Fallhöhe nicht eben verringert. Und man könnte sich zugleich fragen, was das Erfolgsdrama von Tennessee Williams aus dem Jahr 1947, angesiedelt im hitzigen Süden der USA, eigentlich mit uns zu tun haben soll. André Bücker, der scheidende Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters und künftige "General" in Dessau-Roßlau, hat die Frage mit seiner jüngsten Inszenierung überzeugend beantwortet: Ihm und seinem bis in die Nebenrollen bemerkenswerten Ensemble ist eine dichte, hochemotionale und sehr gegenwärtige Lesart von "Endstation Sehnsucht" gelungen.
Kein Schlupfloch bleibt
Bücker spitzt die Tragödie von Blanche (Illi Oehlmann), die bei ihrer Schwester Stella (Elisa Ottersberg) und deren Mann Stanley (Sebastian Müller) Schutz sucht und scheitert, von Anfang an konsequent zu. Es wird sich kein Ausweg öffnen, kein Schlupfloch ins Glück - für keinen der Hauptakteure, auch für Mitch (Mathias Kusche) nicht, Stanleys Kumpel.
Der macht Blanche den Hof und lässt sie dann fallen: Wie eine Hure soll sie gelebt haben, nachdem ihr Mann sich das Leben nahm, der heimlich einen anderen liebte und entdeckt worden war. Eine solche Frau kann Mitch natürlich nicht heiraten - vergewaltigen kann man sie schon, lautet seine schlichte Philosophie: Wer sich vielen hingab, darf von jedermann genommen werden. Blanche wird ihm gerade noch entkommen können, gegen Stanley, ihren Schwager, hat sie keine Chance. Blanche ist eine verzweifelte und hochfahrende Frau, der verschuldete Familiensitz ist verloren, die großen Zeiten sind unwiderruflich vorbei, alles ist kaputt, auch die Lehrerinnenkarriere, nachdem sie sich mit einem Schüler eingelassen hat. Blanche träumt von verflossenen Verehrern und trinkt sie sich in den Rausch der Sehnsucht.
Vielleicht noch tragischer ist das Schicksal Stellas, die aus der behüteten, zerbrochenen Welt gefallen und in den Armen von Stanley gelandet ist, einem Fabrikarbeiter, der glaubt, sich seine Stärke durch Gewalt beweisen zu müssen. In einem verdreckten Loch von Wohnung leben sie, es ist die andere Seite des Traums von der Freiheit. Zwei Schlüsselszenen gibt es, beide auf den Punkt inszeniert und gespielt: Einmal, nachdem Stanley seine schwangere Frau niedergeschlagen hat, schlafen sie miteinander, aneinander geklammert wie Ertrinkende. Sie haben nur sich.
Pokern mit Freunden
Und am Ende, kurz bevor Blanche in die Psychiatrie gebracht werden wird, sitzt Stella mit ihrem Baby verloren am Rand der Szene, Stanley pokert und säuft mit seinen Freunden. Gefangene Seelen, allesamt. Sie hat die Schwester verraten, sie muss bei Stanley bleiben, es wird kein Glück mehr geben, keine Sehnsucht. Sollte man eine Figur noch herausheben, es wäre die Stella von Elisa Ottersberg.

Pressestimme: Lüge und Selbstbetrug in einer versifften Mülllandschaft

Volksstimme Magdeburg, 10.3.2008
Von Dr. Herbert Henning

Halberstadt. Die erste Begegnung zwischen der kultivierten Blanche DuBois und dem prolligen Stanley Kowalski im verschwitzten T-Shirt, seinen athletischen Körper und die vitale Sexualität, mit der er Blanches Schwester Stella an sich fesselt, ist in der Inszenierung von Andrè Bücker voller knisternder Spannung. Hier beginnt das Drama, hat der unaufhaltsame Abstieg von Blanche DuBois und ihre Desillusionierung ihren Anfang.
Bücker führt mit großer Intensität in starken, sich einprägenden Bildern vor, wie ein Mensch, der zwischen sich und der Wirklichkeit ein Traumland einrichtet, an der harten Wirklichkeit zerbricht. Die Endstation, an der sich Blanche wiederfindet und wo ihre Schwester Stella inmitten eines Chaos mit dem gewalttätigen Stanley lebt, heißt Sehnsucht. Und Sehnsucht und Trieb sind es, an denen Blanche zu Grunde geht.
Die „Schminkfassade“ der Grande Dame, mit dem Geheimnis eines gescheiterten und verkommenen Lebens als Lehrerin, die sich an einem Minderjährigen vergeht und aus dem Schuldienst als Alkoholikerin entlassen wurde. Die Zuflucht bei ihrer Schwester Stella wird erbitterter Kampf.

Wie eine Ertrinkende

Stanley Kowalski spürt von Anfang an, dass sich Blanche wie eine Ertrinkende an Stella klammert, er sieht seinen „Besitz“ und seine Macht über Stella in Gefahr. Aus Angst, seine Existenz zu verlieren, zerstört er die Illusionswelt, in die sich Blanche gefl üchtet hat. Er zerstört ihre sich anbahnende Liebesbeziehung zu seinem Freund Mitch und damit ihre letzte Hoffnung, in der Realität etwas wie Geborgenheit und Heimat zu fi nden. Blanches Endstation ist der Wahnsinn, nachdem Stanley sie brutal vergewaltigt hat. Im Zentrum der Inszenierung steht wie eine „schleichende“ Krankheit das Gefühlschaos, in dem sich Blanche, Stella und Stanley Kowalski befinden. Alle Personen, auch die Poker-Freunde Mitch, Steve und Pablo sowie Stellas Freundin Eunice, bewegen sich in einem sozialen Spannungsfeld von Lebensgier, sexueller Gewalt, Paranoia und Depression. Die Inszenierung geht dabei der Frage nach, wie viel Lüge und Selbstbetrug man eigentlich braucht und erträgt, um die Welt in ihrer Trostlosigkeit zu ertragen.
In dem „versifften“ Bühnenraum von Alrune Sera – eine Art „Mülllandschaft“ – kann überall und auch ganz nah bei uns sein. Tennessee William‘s Figuren sind so, wie sie von André Bücker aufeinander „gehetzt“ werden, ganz gegenwartsnah.
Das macht diesen großen Schauspieler-Abend im kleinen Nordharzer Städtebundtheater zu einem ganz besonderen Erlebnis. Illie Oehlmann als Blanche spielt die ganze Brüchigkeit dieser Figur, wechselt ihre Stimmungen, spielt mit großer Eindringlichkeit den schwindenden Realitätssinn. In ihrer Hilfl osigkeit schwingt Stärke. Immer ist da im Spiel die Fantasie, die Traumwelt dieses aus der Bahn geworfenen Menschen. Sie spielt dies in manchen Augenblicken mit der Grazie und der Transparenz einer „Märchenprinzessin“, deren Welt die Sehnsucht ist. Und sie hat in dieser Inszenierung Zeit, dies auch ohne Worte auszuspielen, denn André Bücker ergänzt den Text durch Musik von Trini Lopez, Tom Waits, Johnny Cash und Dolly Parton. Sebastian Müller ist als Stanley voller erotischer Ekelenergie, Gewalt, Sex und seelischer Grausamkeit. Er ist gewalttätig und im nächsten Moment, wenn er nach seiner Frau Stella verzweifelt mit erstickter Stimme schreit, fast hilflos wie ein Kind. In jeder Bewegung spürt man die lauernde Gefahr, die vernichtende sexuelle Angriffslust für Blanche, die durch den Alkohol immer stärker wird und schließlich zur Katastrophe führt.
Elisa Ottersberg spielt die ihrem Mann sexuell hörige Stella als Frau, die zwischen den Fronten gerät und zu einem eigenen Leben unfähig bleibt, aber alle Illusionen verliert. Mathias Kusche spielt den Mitch mit vielen Zwischentönen den Jungen, der Blanche lieben will und der, als sie ihn wie einen „Rettungsanker“ braucht, versagt. Er kommt mit der Lebenslüge von Blanche nicht zurecht. Mitch ist am Ende, wenn Blanche erhobenen Hauptes am Arm eines Arztes in die Psychiatrie verbracht wird. Das spielt Mathias Kusche beeindruckend.

Verlorene Kinder

Susanne Hessel und Jens Tramsen als Freunde Eunice und Steve Hubbel sind „verlorene Kinder“ in einer perspektivlosen Welt. Sie repräsentieren jene Unterschicht, die sich auch Stella ausgesucht hat. Auch Eunice akzeptiert gleichermaßen Gewalt, körperlichen Missbrauch und Zuneigung. Susanne Hessel spielt diese seelische Verkrüppelung mit großer Eindringlichkeit. Markus Bölling spielt mit Schmuddelcharme den Poker-Freund Pablo.
Ein beeindruckender Theaterabend.

Pressestimme: Gibt es für Sehnsucht eine Endstation? (Audio)

  • Radio HBW, 9.3.2008