Der Intellektuelle Dr. Faust befindet sich in einer Sinnkrise. Er hat alle Wissenschaften studiert, aber nicht entdeckt, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Er experimentiert mit Magie, doch der Erdgeist weist ihn nur höhnisch zurück. Der Teufel allerdings verspricht Faust, zu geben, „was noch kein Mensch gesehen“ hat, und der verwettet im Gegenzug seine Seele, sollte er jemals einen Augenblick der Zufriedenheit erleben!
So begegnet Faust dem unschuldigen und frommen Bürgermädchen Margarete, das er dank teuflischem Beistand verführen kann; ihr Bruder Valentin, der die entehrte Schwester rächen will, stirbt durch Mephistos Eingreifen in dem Kampf mit Faust. Gretchen tötet aus Verzweiflung das gemeinsame Kind; im Kerker wartet sie halb wahnsinnig auf ihren Henker. Faust plant, sie mit Hilfe von Mephisto zu befreien, doch Gretchen weist ihn ab. Sie stellt sich dem „Gericht Gottes“.
Goethes FAUST ist ein Klassiker der Weltliteratur, die Bibel deutscher Bildung und Pflichtlektüre in den Schulen. Doch FAUST ist kein Lesedrama, sondern ein Theaterstück, eine gewaltige Spielvorlage, die mit jeder Inszenierung neu vermessen wird und unerschöpflich interpretierbar ist.
Premiere: 7. Oktober, 19.30 Uhr, Großes Haus Quedlinburg
Volksstimme Magdeburg vom 09.10.2006
Von Gisela Begrich
Quedlinburg. Goethes Faust verfehlt selten seine Anziehungskraft. Auch im Nordharzer Städtebundtheater füllen die Besucher das Große Haus in Quedlinburg zur Premiere am Sonnabend fast bis auf den letzten Platz. Ungewöhnlich. So ungewöhnlich wie die Inszenierung von André Bücker. Der Regisseur reißt dem Werk allen Anspruch aus der Seele und drückt ihm den Stempel des Banalen auf.
Die Spielorte sind jeweils in riesigen Lettern zu erlesen.
Die Schauspieler kommen aus dem Zuschauerraum heraus auf die Bühne (Alrune Sera, die auch für die Kostüme zeichnet), die beständig ein konkreter Raum der Beliebigkeit bleibt. Zwei Damen und drei Männer. Die Message: diese Geschichte könnte auch unsere sein. Das Vorspiel sprechen die Akteure im Chor. Will heißen: Wir alle sind austauschbar, es zählt allein die Information.
Das Gespräch zwischen Gott und Mephisto erledigt der Darsteller des Teufels, Mathias Kusche, solistisch, indem er zwischen dem Schöpfer und seiner Kreatur wechselt. Es gibt weder Himmel noch Hölle. Mit dieser Entscheidung löst Bücker das Werk aus seinen Fugen und öffnet der Belanglosigkeit Tür und Tor. Die Konflikte erfahren keine Verortung, mehr noch, sie lösen sich in alltägliche Banalitäten auf. Eine solche Weltsicht mag vertretbar sein. Doch die Zurückweisung einer Deutung ist noch keine neue Interpretation. Und was in Dreiteufels Namen verführt einen so bewährten Theaterregisseur dazu, einem Werk wie Goethes Faust jeden Geist, jeden Anspruch auszutreiben und stattdessen lediglich in Trivialitäten zu waten?
Der Faust, verkörpert von Sebastian Müller, begießt sich, als er aus Lebensüberdruss den Selbstmord erwägt, mit einer leicht entzündbaren Flüssigkeit. Die Hexenküche präsentiert sich als ein Küchenstudio mit Models. Auerbachs Keller gerät zu einer schlechten Kabarettnummer über deutsche Fußballfans. Marthe arbeitet offensichtlich als Prostituierte, und sollte sie es nicht tun, hantiert sie doch mit all diesen Utensilien aus dem Hause Uhse, um den nächstbesten Mann mit allzu drastischen Offerten ins Bett zu locken. Selbst Gretchen agiert mit beständiger Gestik, die Schenkel verhalten zu spreizen.
Wenn sich Mephisto mehrfach in wechselnden Kostümen zeigt, als Frau auftritt oder die Sprechweise eines Schlagerstars recht und schlecht imitiert, muss der Zuschauer schon viel Geduld investieren, um dies als einen Versuch zu akzeptieren, dass das Böse und die Schuld in vielen Gestalten Heimat besitzt. Aber das Schlimmste oder Traurigste: Müller und Kusche liefern über die 150 Minuten hinweg einen Faust und einen Mephisto ohne Sinn, Verstand und Intellektualität ab. Zwischen ihnen gibt es weder Partnerschaft noch Konflikt. Was bleibt, sind Deklamation und fatale Gags.
Kleiner schauspielerischer Lichtblick: Margit Hallmann als Marthe und Lieschen – handwerklich gediegen und gut von einander abgesetzt.
Das Bild im Dom unterbricht das oft so konturlose Gewese des Abends: Jens Trampen (auch Valentin) bedrängt als böser Geist Gretchen. Es geht also doch: Die Szenerie des Dichters verworfen, aber seiner Intension gefolgt.
Hier und in der Kerkerszene gewinnt die Inszenierung Niveau und Ernsthaftigkeit. Elisa Ottersberg als Gretchen legt dann ihr kindlich-liebliches Lispeln ab und verkörpert eindrucksvoll eine Frau, die rettungslos ohne einen Ausweg im Leben ist. Und man wünschte, dass der Himmel, den sie anruft, nicht leer ist. Aber Gott ist tot, und es gibt kein „Gerettet“. Stattdessen endet der Abend, indem Gretchen von allen verlassen auf der Bühne steht und selbstvergessen, voller Liebe „Heinrich“ vor sich hin fl üstert. Das fasziniert, aber balanciert hart am Rand des Kitsches.
Das kann verwundern bei einem Regisseur, der in der Walpurgisnacht das latent Grausame der volkstümlichen Musik aufdeckt und als Mittel nutzt.
Diese Musik, so dümmlich und populistisch sie auch immer in den Hitparaden daherkommen mag, nimmt ihre Berechtigung aus der Begeisterung des Publikums. Ob dieser Faust das tut, bleibt abzuwarten. Aber sollte eine Theateraufführung nicht in jedem Falle auch durch Brillanz des Geistes beglücken?
Volksstimme Magdeburg vom 13. Oktober 2006
Der kritischen Volksstimme-Rezension von Gisela Begrich zu André Bückers „Faust“-Inszenierung am Nordharzer Städtebundtheater folgte ein ambitionierter schriftlicher Widerspruch des Regisseurs. Wir baten unsere Rezensentin um eine Reaktion zu diesem Schreiben. Wir veröffentlichen hier beide Texte (von der Redaktion leicht gekürzt).
Der Brief des Regisseurs
In der Ausgabe der Volksstimme vom 9. Oktober ist eine Rezension der Premiere „Faust“ am Nordharzer Städtebundtheater von Gisela Begrich unter der Überschrift „Goethes Faust ohne Himmel und Hölle“ zu lesen. Die in diesem Artikel gemachten Aussagen können nicht unwidersprochen bleiben.
Ich gehe bewusst nicht auf die Wertungen ein, die Frau Begrich selbstverständlich freistehen. Der Text ist aber in seiner Kombination aus Auslassungen, Unwahrheiten und Suggestion gefährlich.
Frau Begrich behauptet, die Hexenküche „präsentiert sich als Küchenstudio mit Models“. Dazu stelle ich klar, das von einem „Küchenstudio“ keine Rede sein kann, da sich keinerlei Küchenmöbel oder entsprechende Requisiten auf der Bühne befinden. Allein die Hexe und Helena sind dort, um Faust stückgemäß in Versuchung zu führen. Woher Frau Begrich ihre Deutung nimmt, ist mir schleierhaft.
Frau Begrich behauptet, dass Frau Marthe in meiner Inszenierung wohl „offensichtlich als Prostituierte“ arbeite, „hantiert sie doch mit all diesen Utensilien aus dem Hause Uhse...“ Dazu stelle ich fest, dass an keiner Stelle in der Aufführung irgendwelche derartigen Utensilien auftauchen. Auch hantiert niemand damit oder benutzt irgendwelche Gegenstände in der unterstellten Form. In der angesprochenen Szene benutzt die Darstellerin der Frau Marthe gar keine Requisiten!
Eine Zeile weiter behauptet Frau Begrich: Selbst Gretchen agiert mit beständiger Gestik, die Schenkel verhalten zu spreizen. Diese Behauptung ist schlicht unwahr, Gretchen verhält sich in der ganzen Aufführung kein einziges Mal in der unterstellten Art und Weise! Frau Begrich erweckt durch ihre Unwahrheiten den Eindruck, als handele es sich um nahezu pornografische Darstellungsweisen. Dies ist vollkommen unzutreffend! Ist das alles noch Fantasterei oder schon Wunschdenken?
Weiter im Text behauptet Frau B., das „Gerettet“ am Schluss von Goethes Faust gäbe es in meiner Aufführung nicht. Das ist unwahr! Wahr hingegen ist, dass die Worte „Ist gerettet“ laut und deutlich und für jedermann vernehmbar am Ende vom Darsteller des Faust gesagt werden, nachdem er erkennt, dass Gretchen in Gott die Erlösung gefunden hat. All das zeigt die Inszenierung mehr als deutlich. So läuft denn auch die von Frau Begrich aufgestellte Behauptung, es gäbe in dieser Inszenierung keinen Gott, weder Himmel noch Hölle, ins Leere. Wie könnte Gretchen in Gott Erlösung finden, wenn keiner da wäre, bzw. sie nicht an ihn glauben würde ?
Wie geht das? Wie kommt Frau Begrich zu diesen Beobachtungen ? Wie kann sich eine Person, die noch nicht einmal zur korrekten Wiedergabe eines Sachverhalts fähig ist, zum Scharfrichter der Kunst aufschwingen? Ich weiß nicht, was Frau Begrich mit dieser üblen Polemik bezweckt. Höhepunkt ist die nur halb verschleierte Diffamierung des Publikums am Ende ihrer Suada, indem sie verschweigt, dass die Besucher der Premiere die Aufführung lange und enthusiastisch mit vielen „Bravo“ -Rufen gefeiert haben.
Die Reaktion der Kritikerin
Niemand freut sich, wenn seine Arbeit in den Augen anderer misslingt, am wenigsten ein Künstler. Schließlich arbeitet ja jeder nach bestem Wissen und Gewissen. Aber das habe ich im Falle dieser Faust-Kritik auch getan. Und sie ist so und nicht anders geworden, weil ich sie eben nach bestem Wissen und Gewissen schrieb.
Ich will kurz auf einige Konkreta von Herrn Bückers Brief eingehen:
Nein, es gibt keine Küche auf der Bühne, aber ich hatte die Assoziation: das ist keine Hexenküche, sondern ein Küchenstudio.
Nein, Frau Marthe hat keine Peitsche, doch trägt sie Mieder und Strapse, sprich eine Kleidung, wie sie im Hause Uhse zu beziehen ist und gebärdet sich entsprechend.
Was die Künstler ausdrücken wollen, ist die eine Seite, was ein Zuschauender assoziiert, ist die andere Seite.
Stimmt, auf der Bühne wird „gerettet“ gesagt, aber eben von Faust, also nicht vom Herrn oder einer Stimme, die eine höhere Macht, die auch zu Beginn des Stückes nicht etabliert wird, symbolisieren könnte.
Nein, Gretchen wird in der Inszenierung nicht der Glauben abgesprochen. Aber das habe ich auch nicht geschrieben.
Dass Meinungen über eine Aufführung auseinandergehen können, halte ich für normal. Ich erinnere an die Einstiegsinszenierung von Tobias Wellemeyer in Magdeburg, „Nathan der Weise“, die ich toll fand, und der Rezensent der „Mitteldeutschen Zeitung“ „verrissen“ hat. Dieses Mal nun schrieb ich einen „Verriss“ und jemand anderer vielleicht das Gegenteil. Für und Wider gehören zur Kunst, finde ich jedenfalls, auch wenn es wehtun kann.
Natürlich will ich dem Nordharzer Städtebundtheater nicht schaden! Und warum sollte ich ihm denn schaden wollen? Ich wüsste dafür beim besten Willen kein Motiv!
Ich schätze und achte die Arbeit dieses Theaters hoch, weil dort unter schwierigen Bedingungen seit vielen Jahren gutes Theater gemacht wird. Ich habe dessen Produktionen meistens gut besprochen, allerdings nicht aus Mitleid oder taktischen Gründen, sondern weil mich die Qualität überzeugte. Das kann ich auch über den Regisseur Bücker sagen, dessen Inszenierungen von „Jedermann“, „Hauptmann von Köpenick“, „Sein oder nicht sein“ oder „Emilia Galotti“ mich beeindruckten; und genau das schrieb ich auch in den Kritiken. Jetzt sah ich eine Arbeit von ihm, die mich in keiner Weise überzeugte und wagte das auch zu schreiben.
Angemerkt: Hingehen!
Theater ist ein spannender Vorgang. Auch deshalb, weil die angebotene Sicht der Theaterleute auf das Stück und die daraus entstehenden szenischen Bilder nur die eine Seite der Medaille sind. Ob das Publikum (darunter der Kritiker) diese Sicht wahr- oder übernimmt, ist die andere Seite.
Und auch im Nordharzer „Faust“ stellen sich diese Fragen auf recht brisante Weise. Eine gültige Antwort muss man schon selber finden. Als Zuschauer. Deshalb unser Rat: Hingehen! Jürgen Hengstmann
Volksstimme vom 12. Oktober 2006
Von Jörg Loose
Quedlinburg. Goethes „Welttheater“ Faust auf die Bühnen des Nordharzer Städtebundtheaters zu bringen ist zuallererst Herausforderung, Wagnis und Verdienst. So wuchten Intendant André Bücker, Ausstatterin Alrune Sera, der Komponist Daniel Dohmeier und Sebastian Müller (Faust), Mathias Kusche (Mephisto), Elisa Ottersberg (Margarete) sowie Margit Hallmann und Jens Tramsen in weiteren Rollen den gewaltigen Brocken auf die kleine Bühne des Marschlinger Hofes. Dass es dabei nicht ohne schmerzhafte Schnitte, ja Amputationen abgeht, ist unausweichlich.
Originelle Brücken ins Heute schlagen
Die Darsteller übernehmen teilweise mehrere Rollen, andere Figuren entfallen ganz. Das gleiche Schicksal ereilt ganze Szenen. Besonders die, in denen Mephisto Faust in die kleine Welt der niederen Genüsse einführt, werden drastisch verkürzt und umgeschichtet. Hier beweist Bücker sein Talent, über sinnfällige inhaltliche Kompatibilitäten originelle Brücken ins Heute zu schlagen. Da wird die Spießbürgerschar aus Auerbachs Keller zur Versammlung dumpf nationaler Fußballfans, eine Hexe zur Puffmutter, die Faust als Verjüngungstrank eine Heroinspritze verabreicht, die Walpurgisnacht wird zum punkigen Volksmusikantenstadl. Das ist anregend, plausibel, erfrischend und fokussiert die Inszenierung gänzlich auf die „zwei Seelen in einer Brust“, auf das Januspaar Faust/Mephisto.
So geglückt die Lösung dieser und weiterer Szenen ist, so wenig vermochte mich der Gesamteindruck der Inszenierung zu fesseln und zu überzeugen. Die Regie will weder „zelebrierte Sprache“ noch „szenische Opulenz“, sondern „Bühnenspiel“ in „zitierten Orten“ um den „Faust“ von der Pflicht eines deutschen Weihespiels zu einem deutschen Vergnügen zu machen. Schön und gut, das ist ein löblicher Vorsatz. Aber mich interessiert im Theater vor allem, dass da eine nachvollziehbare, fesselnde Geschichte mit glaubwürdigen Charakteren erzählt wird, die mich über die Emotion im Kopf berührt.
Verzicht auf ein Bühnenbild
Wie man das dann nennt, ist mir egal. Und hier ist die Inszenierung defizitär. „Zitierte Orte“ bedeutet im konkreten Fall den fast vollständigen Verzicht auf ein Bühnenbild, auf einen für das Publikum plausiblen Ort des Geschehens. Die Bühne gleicht einer riesigen Black Box, einem verborgenen neutralen Raum, mit jeweils einer Sitzreihe an den Seiten, auf der die gerade nicht aktiven Darsteller das Geschehen verfolgen. Über einen Projektor werden die Szenenbezeichnungen als riesiger Schriftzug eingeblendet. Sie sollten ihren „Faust“ mitunter schon recht gut kennen, um den Text inhaltlich zuordnen zu können, wenn sie ihn denn verstehen. Denn „Bühnenspiel“ als Gegensatz zu „zelebrierter Sprache“ bedeutet hier unter anderem, dass (vor allem Fausts) Texte vielfach, wenn auch nur der geringste Verdacht von Pathos entstehen könnte, in einem Tempo und zuweilen in einer Lautstärke vorgetragen werden, dass es schon mal schwer fällt Silben, Worte oder Sätze aufzulösen. Von der Möglichkeit einer sinnlichen Durchdringung im doppelten Wortsinn für das Publikum will ich noch gar nicht reden. Dieser Faust kann ganz offensichtlich nicht verweilen, selbst nicht beim Text. Das Pathos, der emotionale Appell an das Publikum, hat zurzeit einen anrüchigen Beigeschmack und ist auf deutschen Bühnen nicht erwünscht.
Sparsame Gestik und Mimik
Dazu kommt ein Weiteres. In Faust und Mephisto finden sich bei Bücker Prinzipien auf der Bühne, keine realen Wesen. Beim Teufel, der uns in allen möglichen Varianten des Bösen entgegentritt, ist das noch einleuchtend. Aber Faust ist doch zuallererst ein Mensch. Wenn auch ein zweifelnder, suchender, sich verirrender. Und als solcher ist er, in der meist sparsamen Gestik und Mimik, die ihn oft unbeteiligt, hilflos, zu sich selbst redend wirken lässt und in den streng an den Körper angelegten Armen, die fast eine Zwangsjacke suggerieren, nur sehr beschädigt erkennbar. Einzig Margarete ist als Mensch gezeichnet. Hier ist auch heutiges, jugendliches Gefühl geformt. Nur zu ihr kann der Zuschauer eine emotionale Bindung aufbauen. Ihr ist eine Natürlichkeit eigen, der es den anderen Figuren mangelt. Sie, die im Räderwerk der Prinzipien (Faust, Mephisto) und Karikaturen (Marthe, Lieschen, Hexe) untergeht, ist das einzige Wesen von realem Fleisch und Blut, der einzige Identifikationspunkt auf der Bühne.
Die sparsam eingesetzte Musik von Daniel Dohmeier geht, anders als bei Emilia Galotti, über Atmosphärisches nicht hinaus, setzt aber sehr schöne, harmonische Kontrapunkte.
Die Black Box der Bühne verwandelt Goethes Tragödie in eine faustische Lawine. Die ist in ihrem Wortrausch wohl gewaltig, aber sie bewegt kalten, wenn auch funkelnden Schnee und nicht den Zuschauer. Der wird begraben.
Mitteldeutsche Zeitung vom 14.10.2006
Von Andreas Hillger
Quedlinburg/MZ. Am Ende hatte selbst Goethe alle Hoffnung aufgegeben: „Der Faust ist doch ganz etwas Inkommensurabeles“, sagte er im Januar 1830 zu Eckermann, „und alle Versuche, ihn dem Verstand näher zu bringen, sind vergeblich“. Dass der Klassiker sein Lieblings-Wort vom „Unvergleichbaren“ hier auf sein Lebens-Werk anwandte, hatte guten Grund: Dem „Faust“ ist – wie nicht zuletzt Peter Steins ungestrichene Fassung bewiesen hat – in Gänze auf dem Theater nicht beizukommen.
Wenn man sich aus dem Textgebirge jedoch jenen Teil herausschlägt, dem ein vitales Interesse gilt, kann eine sehenswerte Skulptur entstehen. Am Nordharzer Städtebundtheater entwickelt Intendant André Bücker seine Lesart nun unmittelbar aus dem Text: Die Zueignung beruft fünf Menschen zu Darstellern auf die Bühne, das Vorspiel auf dem Theater ist eine chorische Verabredung – und in Alrune Seras Bühnen-Kubus steht jeder projizierte Szenentitel für einen Ort. Dass der Himmels-Prolog zur schizophrenen Zerreißprobe zwischen Gut und Böse wird, die Mephisto in sich austrägt, ist die erste der desillusionistischen Überraschungen.
Davon gibt es fortan etliche: Bücker schneidet tief in die Verse, er benutzt sein stets präsentes Quintett wie einen akustischen Textmarker und wirft mit etlichen Lieblingssätzen auch den Famulus Wagner und den Schüler über Bord. Es ist eine schmerzliche Tour de Force, die Auerbachs Keller als schwarzrotgoldene Karikatur und die Hexenküche als laszive Anekdote überzeichnet. Seinen Grund aber findet der atemlos ernsthafte Beginn erst, als das Stück zur Ruhe kommt.
Zwischen „Mein schönes Fräulein“ und „Ist gerettet!“ nämlich ereignet sich eine Tragödie, die den Pop-Literaten mit der markanten Brille und den Cowboy-Stiefeln auf sein historisches Vorbild zurückwirft. Die elementare Liebe, mit der ihm Gretchen (Elisa Ottersberg) in naivem Ernst begegnet, heilt Faust (Sebastian Müller) nicht nur von jener Übersättigung, die er als Hunger missversteht und zuvor mit Selbstverbrennung oder Drogenkonsum bekämpfen wollte. Sie entfremdet ihn auch jenem zynischen Mephisto, den Mathias Kusche als Seiltänzer zwischen Temperamenten und Geschlechtern zeichnet – und der niemanden außer der verzweifelt erotischen Marthe (Margit Hallmann) zu fürchten hat.
Nachdem das hoch motivierte Ensemble bis hierhin durch eine von großen Lettern behauptete Welt gerannt ist, kommen die Figuren nun bei sich und beieinander an. Und damit enden auch die von Daniel Dohmeiers Musik perfekt begleiteten Rock'n'Roll-Zitate zwischen „Highway to Hell“ und „Stairway to Heaven“, mit denen Bücker den Text in die Gegenwart geöffnet hat. Ein freier Fall in Zeitlupe bindet hier das Interesse jenseits des Erwartbaren – und endet in quälend schöner Erlösungs-Phantasie, die den Weg zum zweiten Teil weist, ohne den der erste Fragment bleibt.
Nächste Vorstellung: 22. Oktober, 18 Uhr, Halberstadt
Das Städtebundtheater setzt bei seiner Faust-Inszenierung im Lessingtheater auf den Gegensatz von alter Sprache und modernem Gewand.
Braunschweiger Zeitung vom 04.12.2006
Von Marion Kanther
WOLFENBÜTTEL. Heinrich Faust ist einer von uns, Mephisto als Teufel in Menschengestalt ist allgegenwärtig. Margarete/Gretchen und Bruder Valentin sowie Marthe sind unter uns.
Die Hauptperson in Goethes Tragödie „Faust“ lösen sich während der einleitenden „Zuneigung“ aus Volkes Mitte (dem Publikum im Lessingtheater) und schlendern suchend zur Bühne. Mephistos schwarzer Einkaufsbeutel trägt die Aufschrift „Stairway to heaven“ (Treppen zum Himmel). Dem Dichterwort folgend, beginnen sie ihr Spiel, um die Zuschauer trefflich zu unterhalten.
Auf zweieinhalb Stunden und fünf Darsteller komprimierte André Bücker den Klassiker der Weltliteratur, mit dem das Nordharzer Städtebundtheater in Wolfenbüttel gastierte. Für die Vorbereitung seiner Inszenierung nahm er sich ein Jahr lang Zeit, wie die Dramaturgin Ann-Kathrin Hanss bei der Einführung berichtete.
Bückers Interpretation des „Faust“ konzentrierte sich auf zwei Seelen, die jeder Mensch in seiner Brust hat, und stellte diese Widersprüchlichkeit im Lichte heutigen Strebens nach immer neuen Herausforderungen dar.
Egoismus und Selbstverwirklichung, Vergnügungssucht und die Gier nach dem ultimativen Kick vermittelten die Schauspieler allein durch ihre Darstellung. Aus ihren Mündern sprach jedoch der authentische Goethe. Dichtung des 19. Jahrhunderts und Jetztzeit-Action standen im krassen Gegensatz zueinander.
Die Wirkung von Nähe und Distanz verstärkte der Regisseur noch zusätzlich durch den Einsatz von Mikroports, Video-Projektionen und den technischen Möglichkeiten, Sprache zu verzerren. Vor dem Hintergrund eines minimalistischen Bühnenbildes, das sich in Schwarz-Weiß-Effekten erschöpfte, bekam die Rolle des Mephisto, dargestellt von Mathias Kusche, optimale Dominanz. Die Facetten teuflischer Verführungskunst konnte er in wechselnden Verkleidungen ausspielen. Seine Talente gipfelten in einer Parodie auf Michael Jackson und den obszönen Handgriff an die Männlichkeit. Auch Margit Hallmann als Marthe, Hexe und Lieschen bekam Rollenbilder zugeordnet, die als realistische Darstellungen dem heutigen Zeitspiel entsprachen. In der Figur des Faust blieb Sebastian Müller der augenfällig rastlos Suchende nach Erfüllung seiner Begierde, ein äußerlich unscheinbarer Jedermann, der sich nicht hinter die Stirn gucken lässt.
Der Wandlungprozess der Margarete machte Elisa Ottersberg deutlich, die in ihrer Darstellung mit der Entwicklung der Rolle wuchs. Jens Tramsen als Valentin vervollständigte das Team.
Die Gymnasiasten unter den Theaterbesuchern bekundeten ihr Gefallen an der Aufführung mit Beifall und Pfiffen.