#Es_ist_Liebe
Jubiläumsspielzeit 2016/17

...und frei, in stiller Selbstgewalt (Uraufführung)

Tanztheater mit Musik von Johann Sebastian Bach und John Cage

Mit Johann Sebastian Bach (1685-1750) und John Cage (1912-1992) begegnen sich zwei Komponisten, deren ästhetische Konzepte und Musik unterschiedlicher nicht sein können. Dennoch vereint sie Grundsätzliches: die Frage nach der Position des Einzelnen in der Gemeinschaft und die Unterwerfung ihrer Kompositionsweise unter einen gedanklichen Überbau. Waren Bachs geniale, hoch komplexen Werke das Abbild göttlicher Ordnung, so suchte John Cage die völlige Loslösung von Material und Zeit, von Tradition und Norm. Seine Strukturen organisieren sich über Zufallsprinzipien oder freie Entscheidungen der Musiker.

Teile der „Brandenburgischen Konzerte“, aus dem „Musikalischen Opfer“ und der „Kunst der Fuge“ treffen auf „Sonaten für präpariertes Klavier“ und Stücke wie „Five“. Chöre und Arien aus Kantaten setzten sich zu Texten von Hölderlin, Heiner Müller und Novalis in Beziehung. Die Uraufführung verdichtet im Tanz verschiedene Klangwelten zu einem Kosmos aus Emotion und Improvisation, aus Freiheit und Form.

Premiere: 2. Februar, 19.30 Uhr, Großes Haus Halberstadt


Pressestimme:

DIE ZEIT DER STEINE

Halberstadt: Projekt mit Cage und Bach, Theater und Tanz
Die Deutsche Bühne 3/2007
von Michael Laages
Das weitweit nachhaltigste Musikprojekt findet derzeit in der Burchardikirche in Halberstadt statt: Dort wird die Orgelkomposition „as slow as possible (so langsam wie möglich)“, von John Cage, noch 632 Jahre lang (ur-)aufgeführt. Weil in Halberstadt 639 Jahre zuvor die erste Kirchenorgel gebaut wurde, begann dort im Jahr 2000 im Rahmen der Hannoveraner Weltausstellung das auf 639 Jahre ausgelegt, so abstrakte wie fundamentale Projekt.
André Bücker und Choreograph Jaroslaw Jurasz treiben immensen Aufwand für ihre theatrale Anknüpfung daran mit dem Hölderlin-Titel „... und frei, in stiller Selbstgewalt“. Ballett, Chor und Orchester des Theaters sowie die Sopranistin Kerstin Pettersson zwingen darin Texte von Heiner Müller und eben Friedrich Hölderlin mit Kompositionen von Cage und Johann Sebastian Bach zusammen. Und kein besserer Raum ist denkbar für diese Begegnung über die Zeiten hinweg als gerade dieses Theaterhaus: gemauert (wie jeder und jede noch heute erkennt beim ersten Blick auf ziegelrote Wände) aus den Trümmersteinen des vorigen Krieges. Die Räder eines Uhrwerks prägen Alrune Seras Bühne und markieren nicht nur die Grundstruktur von Musik – als Schwingung in der Zeit -, sondern lassen auch die vermeintlichen Antipoden Cage und Bach eng zusammen rücken. Dann hören und schauen wir einer Art gut sortierter Probe zu – denn Choreograph Jurasz folgt offensiv dem improvisatorischen Element in der Musik von Cage wie von Bach. Immer wieder verteilen sich Akteure im Raum, der Chor rezitiert und singt „Four“, die Cage-Komposition von 1989 über die Buchstaben im Namen des US-Bundesstaates Oregon, mitten im Theater-Raum und folgt dabei Bewegungssignalen der Tänzerinnen und Tänzer. Derweil präpariert Musikdirektor Johannes Rieger das Klavier – und markiert mit der Stehlampe daneben Anfang und Ende des Abends: als sei das die Hausmusik bei Riegers daheim. Der Abend ist komisch, aber auch meditativ. Und nach zwei Stunden blanken Abenteuers müsste es für Theaterkollegen aus aller Welt ganz und gar unfassbar scheinen, dass solch ein Kraftakt, solch eine Mutprobe nicht etwa in Berlin oder Hamburg, München, Frankfurt oder Köln zu bestaunen ist – sondern zwischen den Steinen von Halberstadt.

Pressestimme: Tanz unter den Rädern der Uhr

Nordharzer Städtebundtheater zeigt ungewöhnlichen Theaterabend zu Johann Sebastian Bach und John Cage

Mitteldeutsche Zeitung vom 05.02.2007

Von Andreas Hillger

Halberstadt/MZ. Den Namen des Täufers trugen sie beide, obwohl der Ältere auf die deutsche Variante Johann und der Jüngere auf die englische Entsprechung John hörte. Zwischen dem Tod des Ersten und der Geburt des Zweiten vergingen jedoch 162 Jahre – ein nach Menschenmaß unüberwindlicher Abstand, der auch musikalisch Welten trennt. Wer aber in Halberstadt Bach sagt, muss auch Cage sagen – nicht zuletzt deshalb, weil im dortigen Burchard-Kloster seit sechs Jahren das Orgelstück „As Slow As Possible“ erklingt, das damit noch nicht einmal ein Hundertstel der angestrebten Dauer von 639 Jahren bewältigt hat.

Dem Nordharzer Städtebundtheater gibt diese Konstellation nun Anlass für einen Tanztheater-Abend, der von Intendant André Bücker gemeinsam mit dem Choreografen Jaroslaw Jurasz inszeniert wurde. Unter den Schwingrädern eines Uhrwerks, die Ausstatterin Alrune Sera über die Bühne hängen lässt, erweist sich das Stück als eine Zumutung im besten Sinne – also als ein Unternehmen, das von allen Beteiligten großen Mut verlangt und mit den Gewohnheiten auf beiden Seiten der Rampe radikal bricht.

Das beginnt mit solistischen Herausforderungen für Musiker, die ihren alltäglichen Platz im Orchester-Tutti haben - und führt über das rhythmische Sprechen der Chörsänger bis zur schauspielerischen Profilierung der Balletttänzer. Am eindrucksvollsten lässt sich die genre-sprengende Qualität der Inszenierung am Beispiel des Dirigenten Johannes (!) Rieger beobachten, der sich am präparierten Klavier zu einem wunderlichen Pianisten wandelt und den im Parkett platzierten Chor in einer marthalerischen Mischung aus Präzision und Überdruss dirigiert.

Diese Kunstfigur, die mit dem Zuschlagen einer Saaltür und dem Anschalten einer Stehlampe den Auftakt setzt, löst nicht nur den bei Hölderlin entlehnten Titel „...und frei, in stiller Selbstgewalt“ ein, sie fängt selbst gewagteste dramaturgische Konstruktionen auf. So mag der Übergang von Bachs Arie „Heil und Segen“ zu Cages Klavierstück „In the Name of the Holocaust“ in der Papierform blasphemisch wirken, der hohe Abstraktionsgrad der Musik und die Genauigkeit ihrer Interpretation aber nimmt diesem inhaltlichen Wagnis die Schärfe.

Generell ist es überraschend, wie robust sich die fragilen Stücke in der Verbindung erweisen: Selbst verspätete Premieren-Zuschauer oder das unvermeidliche Piepsen einer Digitaluhr bekommen dort zeichenhafte Kraft, wo man sie normalerweise als empfindliche Störung empfinden würde. Dass man Bachs Werken ihre frappante Modernität ablauschen kann, während Cages Musik mit ihren perkussiven Elementen eine archaische Kraft gewinnt, wirkt in dieser Konfrontation der Zeiten folgerichtig – zumal Zeit und Dauer selbst Thema der Recherche werden.

„In der Nacht gehen die Uhren langsamer“, flüstert die vielseitig virtuose Sopranistin Kerstin Pettersson in den Nacken des Zuhörers, die „Hymne an die Nacht“ von Novalis kommt ebenso zu Gehör wie Ausschnitte aus Cages Tonband-Tagebuch. Als Bachs pathetische Todeserinnerung „Es ist der alte Bund“ unmittelbar in lakonische Aufbruchsstimmung mündet, ist dies ein stimmiges Bild für dieses Paradoxon: Von der eigenen Sterblichkeit zu wissen, ohne damit dauerhaft leben zu können.

Eine andere Qualität des Cross-over-Projekts ist nur scheinbar widersinnig: Gerade die Vereinzelung jener Interpreten, die sich sonst meist in der Masse verbergen kann, stiftet eine Gemeinschaft auf höherer Ebene. Das kleine, nur vier Paare umfassende Ballett-Ensemble ist dafür beispielhaft: Jeder der Tänzer darf sich in maßgeschneiderten solistischen Aufgaben bewähren – und bringt das gewonnene Selbstbewusstsein auch in die Gruppe ein. Nie zuvor sah man Juraszs Compagnie so souverän und leicht, selbst der als Leitmotiv gewählte Blick durch das Gitter der Finger und über den Fächer der Hand wirkt nicht überspannt.

Wann immer aber das Gewicht der Texte und Töne in Gravität zu münden droht, deuten die beiden Regisseure augenzwinkernd auf die Mechanik der Spieluhr oder verkleiden ihre Tänzer mit ironischen Accessoires. Da tritt dann die Barock-Perücke neben den Cowboy-Hut: Hallo Johann, hello John!

Pressestimme: Wohltemperiert und wohl(?)präpariert

Getanztes Klangexperiment im Spannungsfeld von Cage und Bach

Volksstimme vom 05.02.2007

Die von der Volksstimme präsentierte Premiere des Tanzabends „…und frei, in stiller Selbstgewalt“ war nicht ganz ausverkauft. Zu Unrecht, wie viele der Premierengäste nach der Aufführung feststellten.
Helga Scholz: „Ich bin mit etwas Beklemmung hergekommen. Cage und Bach – ob mir das gefällt? Ich muss sagen, ich bin begeistert. Eine großartige Leistung, eine sehr emotionale Inszenierung, Cage war gar nicht so schräg, wie ich befürchtet hatte. Schön, wie die Tänzer klassische Elemente und Ausdruckstanz vermischt haben.“
Sabine Klamroth: „Einfach toll. Die ganze Inszenierung war einfach spitze.“
Klaus Günther: „Ein bewegender Theaterabend.“
Christel Becker: „Die Leistungen der Künstler waren sehr beeindruckend. Über das Ganze muss ich aber erstmal noch nachdenken. Sehr bewegend, wie das Thema Tod und Sterben aufgegriffen wurde.“
Sabine Becker: „Ich bin völlig überrascht. Was für ein Abend! Gut, gerade beim Gesang waren Cages Tonschöpfungen schon etwas ungewohnt, aber der Mann hat klasse Musik gemacht. Spannend fand ich, wie modern Bach zum Teil klang und wie gut das Bachstück das präparierte Klavier zum Schluss vertrug. Der Abend ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle – witzig, traurig, melancholisch, sehnsuchtsvoll. Sehr beeindruckend. Ich schaue mir das nochmal an.“

Mit dem für Stadttheaterverhältnisse bisher einmaligen, hoch ambitionierten Tanztheaterprojekt „…und frei, in stiller Selbstgewalt“ begeben sich Intendant Andre Bücker, Ballettmeister Jaroslaw Jurasz und ein souveräner Johannes Rieger mit Orchester, Ballett, Chor und der Sopranistin Kerstin Pettersson auf das Minenfeld experimentellen Theaters.

Von Jörg Loose

Halberstadt. Bei Bach ist die Zeit wohlgeordnet und geschieden in ganze, halbe, viertel, achtel … Noten und erst wenn diese Vorgaben exakt eingehalten werden, entsteht eine perfekte musikalische Lobpreisung der Schöpfung. Über 300 Jahre später hält bei John Cage das Zufällige im Leben als Kompositionsprinzip Einzug in die Musik. André Bücker lässt in seiner Inszenierung diese Extreme getanzt, gesprochen und gesungen höchst unkonventionell und eindrucksvoll aufeinanderprallen und bietet dem Publikum jede Menge intellektuelle Reize. Im Folgenden nun, bruchstückhaft und zufällig ausgewählt, einige Reflexe.

Interpretatorisch: Während die Uhrpendel auf der Bühne planetengleich in ewiger Wiederkehr um ein unerreichbar imaginäres Lebenszentrum kreisen, die erklingende Musik als stets verheißende, aber niema1s gebärende Hoffnung die Azimute* der Antipoden Bach und Cage durchmisst, zappeln die Tänzer in niedrigsten Instinkten und göttlichen Gaben als Prinzip Mensch in den Fängen des Großmeisters unserer Existenz – dem einzig existierenden Perpetuum mobile unserer Unvollkommenheit – der Zeit. Aber lassen wir solcherart Ergüsse. Wer nicht halbwegs auf Kopf und Mund gefallen ist, kann schließlich aus der Emanation** eines rüstigen Harzkäses die Welt erklären.

Kulinarisch: Also dieser Cage, im Theater kann er ja machen, was er will, aber in meine Küche kommt der mir nicht! Zufall in der Kunst – alles Schwachsinn! Kochen ist schließlich auch Kunst, und die heißt: Nudeln exakt acht Minuten, Eier exakt viereinhalb Minuten usw. Setzen Sie mal ihrem Ehegatten ein Mittagessen vor, bei dem der Zufall die Zutaten oder die Garzeiten regierte – na Prost Mahlzeit!

Emotional: Stark inszenierte Texte (Hölderlin, Müller, Novalis), stark musizierte (Orchester, Jens Herrmann am Cello wunderbar) und getanzte Nummern – ich habe mich während der Premiere keine Sekunde gelangweilt, und doch war mir das Emotionale irgendwie zu intellektuell.

Visionär: Ich werde Komponist – mein Kompositionsprinzip in einer zunehmend sprachlosen Welt: Musik ohne Töne!

Menschlich: Künstler, bei denen nicht ein emotionaler Ziel- und Ausgangspunkt das Schaffen bestimmt, sondern ein – wie auch immer geartetes intellektuelles Prinzip – sind mir grundsätzlich suspekt, besonders ein Mann wie Cage, den es „rasend macht, wenn zwei Dinge im Gleichklang geschehen“. Aber ich spüre auch so etwas wie Mitleid, er war wohl ein höchst einsamer Mensch.

Persönlich: Dass zum Schluss der wohltemperierte Bach auf einem wohlpräparierten Klavier endet, habe ich mir bereits am Anfang gedacht. Vermutlich ist das intellektuell notwendig und konsequent, aber irgendwie auch eine (zugegeben geniale) Frechheit!

Dialektisch: Nie hat Bach meinen Ohren mehr geschmeichelt als nach einem Stück von Cage!

Philosophisch: Ohne den klaren, zwingenden Handlungsrahmen einer Idee oder eines Bildes wird (tänzerische) Freiheit in einzelnen Szenen mitunter zu (tänzerischer) Beliebigkeit, und die „Spurensuche in Raum und Zeit“ tappt in eine Sackgasse. Wenn auf ein Holocaust-inspiriertes Stück Cages ein infantiler Stuhltanz zu einem Brandenburgischen Konzert folgt, dann ist dies alles sicher der Gattung Mensch eigen, aber der Grat zwischen Gipfel und Absturz wird extrem schmal.

Musikhistorisch: Dass Bach als „Anfang und Ende aller Musik“ ein kaiserlicher Thron in der Musikgeschichte zusteht, ist unbestritten. In Gesprächen über John Cage kommen mir unwillkürlich des Kaisers neue Kleider in den Sinn. Ob sich ein Komponist wie Cage als kulturelles Pflaster eignet, sei dahingestellt. Was tut der gemeine Intellektuelle, was tut eine angeschlagene Stadt nicht alles, um sich vom Mittelmaß abzusetzen. Schilda war ja auch irgendwie anders. Gut, warten wir noch runde 650 Jahre! Dann wissen wir vielleicht, ob Cage mehr als eine provozierend-musikalische Fußnote im Lexikon der Musikgeschichte war.

Letztendlich: Ob mir das ganze gefallen hat, weiß ich selbst noch nicht. Aber darum geht es im Theater ja nicht (immer). In jedem Fall war es neu, auch auf- und anregend, provozierend, spannend und eine höchst willkommene Anregung, sich mit einer existienziellen Randbedingung unseres Lebens (der Zeit) auseinander zu setzen. Ich möchte den Abend keinesfalls missen. Wer sich anspruchsvoll überraschen lassen möchte, der sollte mal wieder ins Theater gehen.

(* Azimute: Bestimmungswinkel für Gestirne;
** Emanation: Ursprung aller Dinge vom göttlichen Ureinen, Anm. der Red.)

Pressestimme: Die Musik von Bach und Cage in einem Raum- und Klang-Erlebnis

Uraufführung im Nordharzer Städtebundtheater: „...und frei, in stiller Selbstgewalt“

Magdeburger Volksstimme vom 05.02.2007

Die Uraufführung des Tanz-Theater-Projektes „...und frei, in stiller Selbstgewalt“ für Sopran, Chor, Ballett und Orchester mit Musik von John Cage und Johann Sebastian Bach wurde in Anwesenheit zahlreicher Mitglieder der in Halberstadt ansässigen John Cage-Stiftung zu einem großen Erfolg fürs Nordharzer Städtebundtheater.

Von Dr. Herbert Henning

Halberstadt. Anfang und Ende dieses außergewöhnlichen Tanz-Theater-Musik-Projektes von André Bücker und Jaroslaw Jurasz ist der Musik Johann Sebastian Bachs vorbehalten. Aus der „Kunst der Fuge“ erklingt „Contrapunctus I“ und markiert gleichsam das Credo dieses Abends, der die verschiedenen Formen von Theater-Kunst, die Zuschauer inbegriffen, in einer spannungsgeladenen Klang-, Zeit- und Rauminstallation vereint.

„Bach ist Anfang und Ende der Musik“ (Max Reger). Das Miteinander und Gegeneinander der Klangwelten von Johann Sebastian Bach und John Cage haben André Bücker und Jaroslaw Jurasz als „bildhaftes Hören und musikalisches Sehen“ in dieser Kunstperformance als Experimentelles Theater realisiert.

Vor allem durch die Instrumentation der Bachwerke „Contrapunctus I“ und „Canon a 2 per tonos“ aus „Das musikalische Opfer“ durch MD Johannes Rieger werden auch erstaunliche Zusammenhänge zwischen Cage und Bach hörbar und als Raum-Klang-Erlebnis „fühlbar“.

Viele Parallelen im Werk beider Komponisten

Das Prinzip einer in seinen Kompositionen angestrebten „göttlichen Ordnung“ verwirklichte Johann Sebastian Bach in höchster Kunstfertigkeit. Er komponierte nach Strukturen, die nicht selten über Zahlen-Symbole zu erklären sind. Seine Kantaten, Oratorien und Passionen spiegeln diese Ordnung wider.

John Cages „Anti“-Ordnung, seine vom Zufall und von Zufallssteuerung bestimmten Klanguniversen, die Verfremdung der Instrumente („präpariertes Klavier“) und die Verwendung neuer Klanginstrumente (Schlagzeug und Percussion) sowie Vocalisen der Stimmen als Instrumente bilden aber nur einen scheinbaren Widerspruch zur strengen Ordnung von Bach.

Es gibt im kontrastreichen Werk beider Kompöonisten auch viele Parallelen. André Bücker und der Choreograf Jaroslaw Jurasz thematisieren Widersprücher und Parallelen durch die Metapher „Mensch und Zeit“. Unendlichkeit, Vergänglichkeit, Moment, Simultanität, Wiederholbarkeit, symbolisiert durch ein riesiges sich bewegendes und ruhendes Räder- und Pendelwerk einer Uhr, die frei im Bühnenraum schwebt (Ausstattung: Alrune Sera), werden durch Tanz und Bewegung, chorisch gesprochene Texte von Friedrich Hölderlin und Novalis, durch ein Gedicht von Heiner Müller, die Tonbandstimme von John Cage (Tagebuchnotate) und immer wieder durch dem Cage-Prinzip folgende Alltagsgeräusche (Kindergeschrei, Vögelgezwitscher, Zeitansagen, Crashgeräusche eines Autos, verzerrte Radiostimmen) zu einer virtuellen Klangwelt. André Bücker nutzt den ganzen Theaterraum. Der bestens vorbereitete Chor agiert bei John Cage „Four 2“ (Improvisation zu den sechs Buchstaben des Wortes Oregon) und dem Hölderlin-Text aus dem Zuschauerraum.

Bei Cages „Five“ bestimmen die Instrumente (Klarinette, Flöte, Tuba, Sopranstimme, Vibrafon) im Zuschauerraum verteilt die Tongebung. Es entsteht eine Totalität im Klangempfinden, mehr noch: Das In-Beziehung-Setzen von Musik, Klang, Text und Bewegung verleiht Zufall, Chaos, Ordnung und Freiheit einen zutiefst emotionalen Sinn.

Mitglieder des Orchesters mit den Solisten Alexander Betz und Dimon Balev (Violine) sowie Jens Herrmann (Violoncello) spielen mit äußerster Konzentration. MD Johannes Rieger meistert mit Bravour die Cage-Stücke am „präparierten Klavier“, wobei die nur auf dem geschlossenen Instrument geklopften Klavierstücke „A Flower“ und das Klavier-Furiose des getanzten „Baccanale“ von Cage Glanzstücke sind.

Getanzte Experimente mit der Musik

Die solistisch hochgeforderte Ballettcompany beeindruckt vor allem bei den tänzerischen Solo-Improvisationen zu den Cage-Stücken und zu den Texten von Novalis („Hymne an die Nacht“). Vor allem Wendy Beeckman, Jana Mattiesson und Timo Bartels überzeugen hier. Die immer neuen freien „Erfindungen“ von Hand-, Arm- und Beinbewegungen, das Sich-Treiben-Lassen von Pose zu Pose, die exaltierten Verquerungen des Körpers und das tänzerische „Experimentieren“ mit der Musik als körperliche Kommunikation mit den Instrumentalisten zeugen von einer intensiven Auseinandersetzung vor allem mit den Kompositionen von John Cage.

Schöne Momente bei den getanzten Choreografien von Jaroslaw Jurasz zum „Brandenburgischen Konzert No. 3“ und dem „Präludium c-Moll“ aus der Cello-Suite No. 5 von Bach (Gabriella Gillardi/Julien Avril).

Mit ausdrucksvoller Stimme „wandert“ Kerstin Pettersson als Mittler zwischen den Klangwelten und beeindruckt mit Bach-Kantaten ebenso wie mit den Liedern von John Cage und Reiner Müllers „gehauchtem“ Text „Leere Zeit“, sie beherrscht mühelos die Vocalisen über mehrere Oktaven.

Ein Abend voller musikalischer Hochspannung, klanglicher Überraschungen und virtueller Erlebnisse, der vom Publikum begeistert aufgenommen wurde.