
Musikalische Leitung MD Johannes Rieger Inszenierung Ausstattung Ottokar, böhmischer Fürst Juha Koskela Kuno, fürstlicher Erbförster Klaus-Uwe Rein Agathe, seine Tochter Kerstin Pettersson Ännchen, eine junge Verwandte Caspar, erster Jägerschursche Matthias Schaletzky a.G. Max, zweiter Jägerbursche Ein Eremit Gijs Nijkamp Kilian, ein reicher Bauer Matthias Junghans Samiel Orchester, Opernchor, Extrachor
und Statisterie des Nordharzer Städtebundtheaters
Mitteldeutsche Zeitung Halle, 17.6.2008
Von Andreas HillgerIm Parkett eines normalen Theaters würde man über diese Frage vielleicht nachdenken, hier oben aber wirkt sie rein rhetorisch: "Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen", singt der Chor, während ihn "Wälder und Felsen" buchstäblich "hallend umfangen" - und der Blick dem Klang hinab in das Tal folgt. Das Harzer Bergtheater ist fraglos der maßgeschneiderte Ort für Carl Maria von Webers "Freischütz". Und eben darin liegt unterschwellig Gefahr. Denn der Berg hat seine eigenen Gesetze, die er jedem Regisseur diktiert: gemauerte Kulissen im Panoramaformat, eine heikle Akustik und natürliche Lichtverhältnisse. Wie schwer es ist, einem Amphitheater im Abendschein die Atmosphäre einer mitternächtlichen Wolfsschlucht einzuhauchen, zeigt nun auch die Inszenierung des Nordharzer Städtebundtheaters. Aber Regisseur André Bücker gelingt es dennoch, dem Grusel-Stück weit über romantische Illustration hinaus Bedeutung zu geben. Dabei kommt ihm der Triptychon der simultan wahrnehmbaren Spielebenen sogar zupass: Während links das bedrohte Idyll des Erbförsterhauses wartet und rechts der diabolische Verführer Samiel lockt, bleibt das Zentrum dem Volk vorbehalten. Hier treffen sich die Kriegs-Invaliden und ihre ausgehungerten Frauen, hier wird gehurt und gesoffen - und zu Ännchens Lied "Kommt ein schlanker Bursch gegangen" fallen die Krüppel über die Vetteln her. Bücker malt mit breitem Pinsel, weil die schier übermächtige Kulisse drastische Farben fordert. Und im Kontrast gelingen ihm stimmige Szenen, die den psychologischen Urgrund des Aberglaubens freilegen. Dass im launischen Bergtheater jede Minute zählt, weiß natürlich auch der als Bückers Intendanz-Nachfolger designierte Dirigent Johannes Rieger. Darum verzichtet er nicht nur auf die Ouvertüre, sondern treibt das elektronisch verstärkte Orchester und die Sänger auch sonst zu zügiger Leistung, die freilich nicht auf Kosten lyrischer oder verzagter Momente geht. Der überraschende Star zwischen so verlässlichen Solisten wie Ünüsan Kuloglu (Max) und Kerstin Petterson (Agathe), Hans Arthur Falkenrad (Eremit) und Marie Friederike Schöder (Ännchen) aber bleibt stumm: Ballett-Tänzer Timo-Felix Bartels gibt den bösen Spielmacher Samiel als monströs missgebildete Laune der Natur, die am Ende nur scheinbar bezwungen ist. Was den Figuren hier jedoch nachgeht, ist nicht dieses fremde Wesen - sondern ihr eigenes Unterbewusstsein, das unerfüllte Wünsche und geheime Ängste auf äußere Erscheinungen projiziert. Und darum ist es gut, dass der Heimweg zum Parkplatz beleuchtet ist.
Volksstimme Magdeburg, 16.6.2008
Von Dr. Herbert HenningCarl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ wurde stets als Inbegriff deutscher Seele und Romantik verklärt. Dabei ist das Stück viel mehr. In der Neuinszenierung des Nordharzer Städtebundtheaters in der einzigartigen Naturkulisse des Harzer Bergtheaters spürt André Bücker das albtraumhafte der Geschichte um Angst, Versagen, Himmel, Hölle auf und zeigt das Mysterium des Lebens.
Thale. Das Bild auf den Plakaten, die vom Hexentanzplatz zum Bergtheater auf die Oper „Der Freischütz“ hinweisen, hat Symbolkraft. Zwei weiße Tauben als Symbol des Friedens, der Reinheit und Unverwundbarkeit von Mensch und Natur inmitten eines Kugelhagels. Eine der sieben Freikugeln hat die Taube mitten ins Herz getroffen. Das Symbol des Brautkranzes wird zum Schreckensbild der Totenkrone.
In den archaischen Bildern der Geschichte vom Probeschuss, der Furcht vor dem Versagen und der Angst vor der Prüfung, vom bösen, eifersüchtigen Jäger im Bündnis mit den Mächten der Hölle, den ausgelassenen Männern und Frauen, mit dem Jungfernkranz und dem martialischen Jägerchor, der weißen Taube und dem großen Raubvogel, den Freikugeln in der mitternächtlichen Wolfsschlucht ist das ganze Mysteriums des Lebens zwischen Himmel und Hölle, Gut und Böse, Tag und Nacht, Brautkranz und Totenkrone enthalten.
Im weiten Areal der grünen Bühne mit dem abendlichen Blick in die „Wälder und Auen“, mit den Felsen links und rechts der Zuschauerränge ist die Naturbühne für die Aufführung der „Freischütz“-Oper ein idealer Ort. André Bücker und Kordula Kirchmair-Stövesand haben die naturgegebenen Möglichkeiten optimal genutzt und durch hohe Fachwerkparavents stimmungsvoll ergänzt.
Die (un)romantische Geschichte um Max und Agathe, von Caspar, dem „schwarzen Jäger“ Samiel und einer ländlichen Gesellschaft, die gerade den Dreißigjährigen Krieg mit all seinen Verwüstungen überstanden hat, zeigt, wie hinter ausgelassener Lebensfreude beim Fest, beim Chor der Jäger, beim „Wir winden dir den Jungfernkranz“-Reigen im anscheinend fröhlichen Spiel auch die Existenzangst verborgen ist, wie die Verletzungen der Menschen aus dem Krieg sie unsicher machen. Und wenn man beim kraftvoll gesungenen Jägerchor (Einstudierung: Marbod Kaiser) oder beim „lieblichen“ Jungfernkranz-Reigen genau hinhört, dann entstehen Schreckensbilder und nicht das Symbol des Brautkranzes, sondern das Schreckensbild der Totenkrone, die Agathe in den Händen hält, bleibt im Gedächtnis. Johannes Rieger gelingt es, die Feinheiten der Partitur äußerst differenziert herauszuarbeiten. Vor allem die Bläser zeigen musikalische Wirkung, und das Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters gibt dem Sängerensemble für die Arien, Duette und vor allem die großen Ensembles musikalisch Sicherheit. Sehr berührende Momente im Gesang von Ünüsan Kuloglu als Max und bei Kerstin Pettersson mit sicher geführter, dunkel timbrierter Stimme und sehr emotionsgeladenem Spiel als Agathe. Mit seiner kraftvollen, in der Höhe und der Mittellage makellosen Stimme ist Ünüsan Kuloglu die Entdeckung dieser Inszenierung. Er spielt überzeugend die Zerrissenheit dieser Figur in der Arie „Durch die Wälder, durch die Auen“ und wenn er den Verführungen von Caspar (auftrumpfend Matthias Schaletzky) sowie der Magie des dämonischen Samiel (Timo Barthels) erliegt. Gleichzeitig ist er ein sich nach Zuneigung und Anerkennung Verzehrender, der sich nach dem Glück mit Agathe um jeden Preis sehnt.
Marie Friederike Schöder ist mehr als nur das „muntere“ Ännchen, sondern viel mehr die aufmunternde Freundin, Vertraute und Beschützerin von Agathe. Juha Koskela als Fürst Ottokar, Klaus Uwe Rein als Erbförster Kuno und Mathias Junghans als Kilian singen und spielen mit großem Einsatz. Zu den Höhepunkten der Premiere in der Abenddämmerung gehörte das Gießen der Freikugeln in der Wolfsschlucht, die vor allem musikalisch zu einem eindrucksvollem Erlebnis wird. Die weiße Taube, so wie die weißen Blumen und das weiße Kleid von Agathe stehen am Schluss für das Leben, für die Vollkommenheit und Einzigartigkeit der Natur, mit der der Mensch trotz höllischer Mächte wider den Tod eins ist.