Was wird sein?
Spielzeit 2017/18

Gasparone

Operette in drei Akten von Carl Millöcker, Text von F. Zell und Richard Genée

Auf Sizilien brodelt die Gerüchteküche: Gasparone, der berühmtberüchtigte Räuberhauptmann, bislang mit seiner Bande nur auf dem italienischen Festland unterwegs, hält jetzt auch die Insel in Atem. Als Graf Erminio für geologische Studien am Ätna eintrifft, verliebt er sich sofort in die schöne Gräfin Carlotta. Fortan tut er so ziemlich alles, um deren ungeteilte Aufmerksamkeit zu erheischen. Vor allem aber muss er dafür sorgen, dass die Gräfin nicht Sindulfo, den Sohn des trotteligen wie habgierigen Bürgermeisters Nasoni, ehelicht. Und dafür entwickelt Erminio eine beeindruckend kreative (und kriminelle) Energie: Er arrangiert Schein-Entführungen, schraubt Lösegeldforderungen hoch und höher, lässt Millionenvermögen verschwinden. Trotz verwirrender Ereignisse und nebulöser Faktenlage verdichten sich Verdachtsmomente und drängen sich insbesondere bei den Hütern der öffentlichen Ordnung vermehrt Fragen auf: Was will der rätselhafte Fremde tatsächlich auf der Insel? Was interessiert ihn hier wirklich: Vulkane oder Frauen? Und wer und wo ist eigentlich Gasparone? – „Gasparone“, 1884 in Wien mit großem Erfolg uraufgeführt, kann weitgehend mit der literarischen und musikalischen Qualität von Millöckers populärster Operette, dem „Bettelstudenten“ mithalten. Dennoch wurde in zahlreichen Bühnenversionen, die das Stück seither erlebte, immer wieder gravierend in dessen Substanz eingegriffen. Es wurde verändert, umgestellt, gestrichen und hinzukomponiert, so dass von der Originalfassung des Stückes oft nur wenig übrig blieb. Um den unstrittigen Reiz und die Qualitäten des eigentlichen „Gasparone“ erneut ins Bewusstsein zu rücken, ist mit Wolfgang Doschs Inszenierung eine weitgehend von Millöckers Original ausgehende Fassung zu erleben.

Musikalische Leitung  Michael Korth
Inszenierung  Wolfgang Dosch
Ausstattung  Wiebke Horn
Carlotta, verw. Gräfin Santa Croce  Bettina Pierags
Conte Erminio  Ingo Wasikowski
Nasoni, Podesta von Syrakos  Norbert Zilz
Sindulfo, sein Sohn  Gijs Nijkamp
Benozzo, Wirt  Tobias Amadeus Schöner
Sora, seine Frau  Bettina Rösel
Massaccio, Schmuggler, Benozzos Onkel  Thomas Kiunke
Zenobia, Gouvernante Carlottas  Marlies Sturm
  Orchester, Chor, Verstärkungschor und Statisterie des Nordharzer Städtebundtheaters
Marietta, Kammerzofe der Gräfin  Amrei Wasikowski

Klangvolle Räuberpistole

[…] Der Silvester 1899 verstorbene Komponist gilt neben Strauß als beliebtester Operettenschöpfer des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sein Werk von 1884 hat der erfahrene Wiener Operetten-Regisseur Wolfgang Dosch auf die Erstfassung zurückgeführt. Was bei einigen Operetten-Fans durchaus für Unmut sorgt. Erminios Arie „Dunkelrote Rosen bring‘ ich, schöne Frau“, der vorgeblich große Schlager aus der Operette, erklingt im Nordharz nicht, denn der wurde einst aus der fast vergessenen Operette „Der Vizeadmiral“ reingemixt. Dafür prangen Rosentapeten an den Schlosswänden. Trotzdem ist es die stimmliche und komödiantische Leistung der Darsteller, die mit einer wohl der wirtschaftlichen Lage des Hauses geschuldeten weniger opulenten Ausstattung versöhnt. Alles zu geschniegelt, zu wenig abgeranzt in den Wäldern der Armutsregion Sizilien, wo nur das Schmuggeln und Agieren im Halbgrau-Zonen den Menschen beim Überleben hilft. Norbert Zilz gibt dabei einen aufgeblasenen lokalen Sonnenkönig von Syrakus, der sich überall seinen Vorteil zieht. Man kalauert sich durchs Stück und hört mitreißend von der südlichen Sonne getönte Rhythmen aus dem Orchestergraben, in dem Walzerseligkeit und Sentimentalität mit Schmiss und Schwung unter der leichten Dirigentenhand von Michael Korth verwoben werden. Erneut wird das ergänzt durch einen verstärkten Chor, der als Schmuggler-Hochzeits- und andere Gesellschaft von Jan Rozehnal bestens präpariert über die Bühne und durch den Saal wirbelt. Marlies Sturm beklagt als mannstolle Gouvernante Zenobia „Es gibt ja keine Männer mehr“ und stiehlt in ihrer Nebenrolle im schwierigen Fach der komischen Alten fast allen anderen die Show.

Tobias Amadeus Schöner, der rundliche Wirt Benozzo, und Nina Schubert als sein schlankes, in Liebesdinge zu kurz kommendes Weib Sora verzaubern nicht nur mit ihrem Duett „Er soll dein Herr sein“. Bettina Pierags wirkt als Gräfin Carlotta, verwitwete Gräfin von Santa Croce, voller erhabener Contenance. Als distinguierte Dame meistert sie ihren Gesangspart wunderbar. Darstellerisch wirkt sie zunehmend dem Werben des unbekannten Adligen, der sich letztlich als Schwager Conte Erminio zu erkennen gibt, nicht abgeneigt. So bleibt die Erbschaft, an der sich der korrupte Bürgermeister nebst tuntigem Sohn über eine Nicht-Liebesheirat gütlich tun wollte, in der Familie. Ingo Wasikowski schlüpft galant-hintergründig in die Grafen-Rolle und füllt sie stimmlich akkurat und mit dem gewohnten Augenzwinkern aus.

Während Norbert Zilz als Bürgermeister Nasoni die Rolle fast auf den vollen Leib geschrieben scheint und er das unter Beifall voll auskostet, kommt sein Sohn Sindulfo etwas einschichtig daher,  wobei der aus dem Hühnerstall befreite Gijs Nijkamp durchaus nicht ohne Lacher bleibt.

Wolfgang Dosch gelingt mit der südländischen Räuberpistole eine leicht-beschwingte Inszenierung, die von Millöckers Melodien ebenso lebt wie von gut aufgelegten, stimmlich sauber agierenden Akteuren. […]

Uwe Kraus / Mitteldeutsche Zeitung


“Es gibt ja keine Männer mehr …”

[…] Zum Glück ist die 1884 von Karl Millöcker geschriebene Musik so fein, so filigran, so voller Humor, dass sie unkaputtbar ist. Der Wiener Regisseur Wolfgang Dosch konnte ihrer Verführungskraft voll vertrauen und tat es. Er inszenierte seinen “Gasparone” als heiteres Buffo-Stück in einer eigenen Spielfassung. Weniger klar wird der soziale Hintergrund. Sizilien war ein bettelarmes Land. Schmuggel war ein Volkssport und für viele die einzige Möglichkeit, dem Elend zu entkommen. Die Mafia existierte schon damals als Geheimbund. Eine Operette, die viel deutlicher als andere Werke diese Realität zeigt. Ein Gentleman-Räuber wie Erminio ist auch als liberaler Freigeist vorstellbar, der durch sein Handeln die Obrigkeit - den König und den Bürgermeister - augenzwinkernd mit größter Freude an der öffentlichen Demaskierung vorführt. Eine Paraderolle für den Podestá Norbert Zilz. Stimmgewaltig und quick in seinen endlosen pekuniären Verstrickungen. Sein Gegenspieler Erminio (Ingo Wasikowski) ist stimmlich überzeugend, aber in seinen darstellerischen Möglichkeiten eingeschränkt. Er lässt sich beispielsweise von der Gräfin den Schlüssel zur Schatztruhe aushändigen, um ihn dann nicht zu gebrauchen. Fix den Deckel auf und ab mit den Kröten - so einfach geht das. Die Gräfin (Bettina Pierags) sieht adlig im wahrsten Wortsinn aus und singt auch so, wie in “Liebe erhellt die ganze Welt”. Gouvernante Zenobia (Marlies Sturm) liefert das Glanzstück einer komischen Alten mit dem Couplet “Es gibt ja keine Männer mehr”. Warum Wirt Benozzo und sein Weib Sora (Nina Schubert) zum Duett “Er soll dein Herr sein” ausgerechnet im Schloss kopulieren müssen, weiß wohl nur der Regisseur allein. Das Orchester unter Michael Korth war vergnüglich, wie im klangmalerischen Gewitterbild. Fazit: Sieben Minuten Applaus ohne Bravorufe - für eine Dosch-Premiere eher mager. […]

Hans Walter / Volksstimme