Was wird sein?
Spielzeit 2017/18

Orlando

Oper von Georg Friedrich Händel

Rolandsfiguren stehen bis heute als Schutzpatrone auf den Marktplätzen wichtiger Handelsstädte. Der Halberstädter und der Quedlinburger Roland gehören zu den ältesten Sandsteindarstellungen. Ritter Roland wurde erstmals im „Rolandslied“ besungen, das schon im Mittelalter aus dem Französischen in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Seitdem sind der Neffe Karls des Großen zum Helden und seine Abenteuer zur Volkslegende in ganz Europa geworden.
Nach dem Renaissanceepos „Orlando furioso“ (Der rasende Roland) von Ludovico Ariosto schuf Georg F. Händel eine wunderbare Oper über Liebe, Macht und Wahnsinn. Der ewig umherirrende Ritter auf der Suche nach dem Glück gerät im Liebesschmerz an den Abgrund seiner selbst. Fulminante Arien spiegeln die innere Zerrissenheit und finden ihren Höhepunkt in einer der beeindruckendsten Wahnsinnsszenen der Opernliteratur. Mit der Aufführung dieser Oper wird Geschichte zu einem sinnlichen Theatererlebnis.

Pressestimme: Ein rasender Ritter kämpft sich durch die Welt seines Wahnsinns

Mitteldeutsche Zeitung Halle, 1.12.2008
Intendant André Bücker verabschiedet sich mit Händels «Orlando» vom Nordharzer Städtebundtheater
von Andreas Hillger

HALBERSTADT/MZ. Die ganze Welt ist zum Greifen nah, im Inneren des künstlichen Erdballs aber bewahrt der Global Player hochprozentige Stimmungsaufheller und Entscheidungsbeschleuniger auf. Dass er den Schnaps freilich auch noch mit Tabletten kombiniert, während sich vor seinen Augen Nachrichtenbilder und Gewaltphantasien mischen, ist keine gute Idee: Allmählich driftet dieser Jünger von Nasdaq und Dow Jones so in den Wahn, der wie der Wald hinter den Wänden des Büros lauert. Schwergewicht gestemmt Mit Georg Friedrich Händels "Orlando" hat André Bücker seine Intendanz im Nordharzer Städtebundtheater so beendet, wie er dort seine erste komplett eigenständig verantwortete Spielzeit begann: Mit einem Schwergewicht des Barock, an dem sich auch größere Häuser verheben können - und das dieses kleine Dreispartenhaus in Halberstadt und Quedlinburg dennoch mit Kraft und Eleganz auf die Bühne stemmt. Imme Kachels Bühnenraum bietet dafür einen perfekten Rahmen: Vier hohe Türen führen in das Office, auf der Stirnseite lässt sich die Projektionsfläche zu einer erhöhten Galerie hin öffnen - und neben dem Schreibtisch als modernem Feldherrenhügel lockt das Ledersofa als
Fluchtpunkt in den Müßiggang.
Fünf vereinzelte Menschen sind es, die Bücker hier zum Reigen von Liebeslust und -leid treibt: der coole Spin-Doctor Zoroastro (Gijs Nijkamp) und sein zögerlicher Zögling Orlando (Steve Wächter), die beiden liebenden Frauen Angelica (Marie Friederike Schöder) und Dorinda (Kerstin Pettersson) sowie Medoro (Gerlind Schröder) als ihr gemeinsames Objekt der Begierde. Dass die Inszenierung auf die übliche Travestie verzichtet und den fremden Fürsten deutlich als weibliches Wesen zu erkennen gibt, steigert die emotionale Verwirrung ebenso wie die unübersehbare Schwangerschaft von Dorinda. Die pastorale Schwärmerei des Original-Librettos wird so in handfeste Folgen einer erwachsenen Erotik übersetzt. In den deutschen Rezitativen fallen sogar derbe Vokabeln wie "Schlampe" oder "Flittchen", während die italienischen Arien unangetastet bleiben. Dass der rasende Ritter im übrigen eher mit Zahlen als mit Waffen kämpft und sich als Helm einen Papierkorb über den Kopf stülpt, während er mit seinem Golfschläger in die Schlacht zieht, ist folgerichtig. Denn der Bühnenzauber, bei dem sich Haine in Höhlen verwandeln und wolkige Genien die verfolgte Unschuld schützen, wird schließlich auch als mediale Reizüberflutung der Gegenwart inszeniert - wobei die Martial-Arts-Szenen und Börsenbilder aus der Souffleurmuschel flimmern, was für eine reizvolle Einbindung der Silhouetten in die fremden Welten und für ein wahrhaft platonisches Schattenspiel sorgt. So entsteht eine klar strukturierte Erzählweise, deren Einfachheit nicht mit Simplizität zu verwechseln ist.
Erstaunliches Niveau
Gesungen wird erneut auf einem Niveau, das Bückers Nachfolger Johannes Rieger am Dirigentenpult mit Stolz erfüllen darf: Der Altist Wächter, der dem Solisten-Ensemble als einziger Gast eine exotische Farbe beimischt, setzt sich mit seiner kraftvollen Höhe mühelos durch und hält die Balance zwischen Kraft und Anmut. Nijkamp ist auch vokal der dominierende Spielmacher, den er formvollendet darstellt. Und mit den beiden Sopran-Partien werben zwei bestens disponierte Sängerinnen um den dunkler timbrierten Prinzen, die in gleicher Lage sehr unterschiedliche Qualitäten entfalten: Die gereifte Schönheit der Kerstin Pettersson steht neben der glockenklaren, bis in wahrhaft himmlische Sphären reichenden Jugend der Marie Friederike Schöder, die sicher auch bald bei Halles Händel-Festspielen von sich hören lassen wird. Von solchen Spezialisten-Qualitäten ist das Orchester des Städtebundtheaters zwar weit entfernt, die abermals von der Berliner Lautten-Compagney gestellte Continuo-Gruppe aber hält das Barockschiff souverän auf Kurs und setzt immer wieder vitale Impulse gegen die Graben-Routine. So verdient und bekommt man am Ende Standing Ovations - und drei leise Buh-Rufe, die bei einer so umjubelten Premiere zutiefst demokratisch wirken.

Pressestimme: Barockoper, grandios

Opernnetz.de, 1.12.2008
Orlando Furioso, der „rasende Roland“, ein Ritter im Dienste Karls des Großen, zentrale Figur mittelalterlicher Epen, als Roland-Figur rund um Halberstadt vor vielen Kirchen und Rathäusern präsent – voila: der regionale Bezug existiert. Und André Bücker setzt noch einen drauf, verlegt Händels undurchsichtiges quid pro quo in die knallharte Welt der Investoren-Heuschrecken – dezent, soweit das möglich ist, ohne dezidierten Anspruch auf aktuelle Welt-Erklärung, aber – thematisch angemessen – mit unmissverständlichen Verweisen auf die hysterische Immanenz der Herrschenden. Dieser „Überbau“ wird in unterhaltsam-aufklärerisches Bühnenhandeln umgesetzt, präsentiert getriebene Figuren in absurden Konstellationen – lustvoll karikierend, aber nicht diffamierend.
Mit Steve Wächter ist ein renitent-emotionalisierter Orlando zu erleben - ein Altus mit wunderbarem Timbre, ausdrucksvoll in einer ungemein klangschön-variablen Mittellage, enorm nachhaltig in den sicher-unangestrengten Höhen und mit frappierendem Durchhaltevermögen in den außergewöhnlichen sängerischen Anforderungen! Marie Friederike Schöder – ausgezeichnet mit dem Leipziger Bach-Preis – ist eine exzentrisch zickige Angelica, sublimiert ihre parodierende Soubretten-Attitüde durch abrupt-verstörende Stops und immer wieder überraschende Gesten der Zuneigung, Erwartung und Ablehnung. Aber vor allem: Sie singt die barocken Vorgaben mit hinreißendem Ausdruck, beherrscht die kunstvollen Variationen par excellence, scheut nicht die gnadenlosen Anforderungen stimmlicher Modulation, verzaubert in fast gehauchten Piani und leidenschaftlichen Forte-Passagen, ist dabei permanent stimmlich kontrolliert und vermittelt die „Affekte“ mit solcher Intensität, dass Händel wohl davon geträumt hätte! Gijs Nijkamp verleiht dem alleswissenden Zoroastro überlegene Statur, frappiert mit einem sonoren Bariton, dem auch die subtilen Verzierungen ohne Schnörkel vortrefflich gelingen. Kerstin Pettersson gibt eine irritierte Dorinda, stimmlich in den Koloraturen und differenzierten Gefühlswallungen intonationssicher und ausdrucksstark. Gerlind Schröder ist darstellerisch ein(e) geheimnisvoll-werbende(r) Medoro im Stil der Bergschen Gräfin Geschwitz mit überzeugender Adaption des variantenreichen Barock-Gesangs.
Für dieses hochengagierte Sänger-Ensemble baut Imme Kachel ein feudal-ästhimierendes „Büro“ mit voluminösem Schreibtisch und Ruheliege, erweitert die kleine Bühne mit Seitenwänden bis an den Rand des Orchestergrabens, schafft damit Raum für das turbulente Geschehen und zugleich – im Hintergrund – eine Projektionsfläche für zeitkritische Videos und zugleich einen zweiten imaginativen Spielort für Verweise auf die mittelalterlichen „Traum-Darstellungen“.
Johannes Rieger ist mit dem erfrischend selbstbewusst aufspielenden Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters der Garant für eine gelingende Händel-Interpretation - und wird stimulierend unterstützt durch die Continuo-Gruppe (Cembalo, Theorbe, Laute, Cello) der Berliner Lautten Compagney mit historischen Instrumenten: eine Kombination, die sich gegenseitig animiert und zu einem authentisch-vitalen Orchesterklang führt – und die Solisten permanent antreibt und zugleich hilfreich unterstützt.
Beim Halberstädter Publikum gibt es offensichtlich Vorbehalte gegenüber einer nicht gerade gängigen Oper: das Haus ist nicht voll besetzt. Doch die Erschienenen sind, je länger die zweieinhalb Stunden faszinierenden dramatisch-musikalischen Theaters dauern, desto mehr enthusiasmiert - standing ovations am Schluss! Vielleicht spricht sich die begeisternde Atmosphäre im Harzvorland herum - aber auf alle Fälle wird das kregle Nordharzer Theater Erfolge bei möglichen „Abstechern“ in der Republik einheimsen. Good luck! (frs)

Pressestimme: Zwischen Börsencrash und Liebeswahn

Volksstimme Halberstadt, 1.12.2008
Als erstes Theater Sachsen-Anhalts ehrte das Nordharzer Städtebundtheater den mitteldeutschen Komponisten Georg Friedrich Händel aus Anlass seines 250. Todestages im nächsten Jahr am Sonnabend mit der Premiere der Oper „Orlando“. Eine bemerkenswerte Aufführung, die vor allem im Musikalischen Maßstäbe setzte.
Von Herbert Henning

Halberstadt. In Händels 1733 in London uraufgeführter Zauberoper „Orlando“ durchlebt der Held auf eine ganz besondere Art Himmel und (seelische) Hölle, Freuden und Qualen der Liebe, Wahnsinn und wundersame Genesung. Der Zauber, der eine unsichtbare, starke Bande zwischen den vier Menschen um Orlando knüpft, hat in der Inszenierung von André Bücker immer etwas ganz Reales, ist erklärbar durch das Wunder und das Wesen der Liebe, vor allem aber durch die Musik Händels.
Die musikalische Kooperation zwischen dem Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters und dem Basso Continuo der Berliner Lautten Compagney, die auf historischen Instrumenten spielt, ist deutschlandweit in dieser Form ein Unikat. Sie garantiert unter der musikalischen Leitung von Johannes Rieger eine in jeder Beziehung überragende, ungemein musikalisch-sensible und dem Melos barocker Klangkultur ganz verp pflichtete Musizierweise, die jedem Vergleich mit anderen Opernhäusern standhält.
André Bücker findet für die in italienisch gesungenen Arien, vor allem aber für die langen Rezitative, szenische Aufsungen, die das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen Orlando und Angelica, der Königin von Cathay, dem afrikanischen Prinzen Medoro, der Schäferin Dorinda und dem Zauberer Zoroastro nachvollziehbar machen.
In einer zweiten Erzählebene stellt ein „virtueller Raum“ die zwanghaften Wahnvorstellungen Orlandos filmisch dar – durch Bildcollagen querbeet durch die Historie von Krieg und Schlachten, Börsencrash und immer wieder (fiktive) Begegnungen des wahnsinnigen Orlando mit jenen Frauen, die sein Schicksal sind. Realität und Fiktion (unterstützt durch ein raffiniertes Lichtdesign) wird auf wundersame Weise in der Schwebe gehalten. Das macht dies Aufführung so interessant und spannend, auch wenn André Bücker und Imme Kachel (Ausstattung) allem Zauberhaften (Palmenhain, Schäferhütte, Wald und Felsenhöhle) gänzlich entsagen.
Orlando als erfolgsverwöhnter Bankmanager, der sich in eine gefährliche Abhängigkeit von Tabletten und Alkohol begeben hat und zusehends in einen Burn-out-Zustand abdriftet, beherrscht ein Arbeitszimmer mit einem Schreibtisch als Zentrum der Macht. Eine hintere Wand öffnet sich immer wieder als Blick in die „andere“ Welt in seinem Kopf. Dieses Refugium ist Schauplatz des Seelendramas von Menschen, die durch die Bande von Liebe und Hoffnung, Macht und Gewalt, Tod und Entsagung miteinander verbunden sind.
Der Zauber hat allerdings hier immer etwas Reales und vielleicht ist diese Abkehr des Regisseurs von dem Unwirklich-Zauberhaften dieser Händel-Oper der Grund für die wenigen Buh-Rufe für den Regisseur am Ende eines musikalisch spannenden Opernabends auf hohem Niveau.
Atemberaubende Koloraturen
Dieses Niveau wird bestimmt durch Marie Friederike Schöder als Angelica mit atemberaubenden Koloraturen und einer wunderbaren Phrasierung in den Bravourarien. Gerlind Schröder als Medoro überzeugt einmal mehr durch artikulierten Mezzo-Gesang, ausdrucksvoll in den Rezitativen, leidenschaftlich im Spiel wie auch Kerstin Pettersson als unglückliche Dorinda, geistvoll und stupend-virtuos im Gesang.
Gijs Nijkamp als eine Art „deux machina“, ein „Strippenzieher“ im Hintergrund der Macht überrascht stimmlich als Zoroastro. Der junge Altus Steve Wächter singt und spielt überzeugend mit Leidenschaft und stimmlicher Bravour den Orlando. Er macht die berühmte Wahnsinnszene „Ah! Stigie larve!“ zum musikalischen und emotionalen Höhepunkt dieser Aufführung, die mit Orlandos leidenschaftlichem „Vinse in canti“ und dem jubelnden Quintett „Trionfa oggi`l mio cor“ ihr vom Publikum umjubeltes Finale mit vielen Bravo-Rufen hat.
Keine Frage: Die Händelfestspiele in Halle und Göttingen sollten sich unbedingt diese Aufführung für ihr Festspielprogramm im Händel-Jahr 2009 sichern.