#Es_ist_Liebe
Jubiläumsspielzeit 2016/17

Otto und Theophano

Oper in drei Aufzügen von Nicola Francesco Haym

Otto II., Sohn des deutsch-römischen Kaisers Otto der Große, soll durch die Hochzeit mit der byzantinischen Prinzessin Theophano im Jahr 972 die Macht der Ottonen festigen. Georg Friedrich Händel vertonte fiktive Staatsintrigen und Liebeswirren der ersten Begegnung von Otto und Theophano in einer Oper, die 1723 in London unter dem Titel „Ottone“ uraufgeführt wurde.

Otto und Theophano

Nun ist sie im Rahmen der Ausstellung „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962-1806“ des Kulturhistorischen Museums Magdeburg und des Deutschen Historischen Museums Berlin in den Korrespondenzstädten Halberstadt und Quedlinburg zu erleben. Von der Kaiserpfalz Quedlinburg aus agierte Theophano politisch und ihre Tochter Adelheid wurde dort eine angesehene Äbtissin. Die Inszenierung wird durch die Ständige Konferenz Mitteldeutsche Barockmusik gefördert. Spezialisten der Lautten Compagney Berlin sorgen auf historischen Instrumenten für ein barockes Klangerlebnis.


Historische Grundlagen zur Opernhandlung

Die Ottonen
Der Sachsenherzog Heinrich I. aus dem Geschlecht der Liudolfinger wurde auf Drängen von Konrad I. durch die ostfränkischen Stammesherzöge zum neuen König gewählt. Mit der Nachfolgebestimmung seines eigenen Sohnes Otto I. führte Konrad I. die familiäre Thronfolge ein. Otto I., später Otto der Große genannt, wurde 936 in Aachen zum König gekrönt. Durch die Machtbündelung der Ottonen und bei der Vereinigung der Stämme durch die Verteidigung gegen Übergriffe der Ungarn und Slawen festigte sich die deutsche Identität und die Bildung eines deutsch-römischen Reiches. Otto der Große sicherte sich die Macht der Kirche und eine territoriale Ausweitung nicht zuletzt durch zahlreiche Bistumsgründungen, wie auch das neue Erzbistum Magdeburg.

Doch in Italien stieß Otto I. auf politische Widerstände. Markgraf Berengar strebte dort die Regentschaft an. Zunächst verbündete sich dieser mit Otto I., um Hugo von der Provence zu verdrängen. Otto I. gab jedoch Hugos Sohn Lothar die Verlobte Berengars Adelheid von Burgund zur Frau. Damit stärkte er Lothar als König von Italien. Als dieser verstarb, nahm Berengar Adelheid in Gefangenschaft und wollte sie zwangsweise heiraten und sich selbst zum König von Italien krönen lassen. Da rief Adelheid den mächtigen König aus dem Norden zu Hilfe. Nachdem Otto I. durch seinen Italienzug 951 langobardische Gebiete erobert und Adelheid befreit hatte, heiratete er sie. Damit machte er sich auch zum König der Langobarden, ein wichtiger Schritt zum Kaisertum. Otto I. besiegte 955 die Ungarn. Böhmen und Polen fielen unter seinen Lehn.
962 ließ er sich von Papst Johannes XII. in Rom zum Kaiser krönen und herrschte nun über das deutsch-römische Reich mit einem starken kaiserlich-päpstlichen Bündnis.

Um sich den Einfluss in Rom auf Dauer zu sichern, musste Otto I. nach Unteritalien vorstoßen, was ihn wiederum in Konflikte mit Byzanz brachte. Teil seines Friedensplanes war die Heirat seines schon 967 vom Papst zum Mitkaiser gekrönten Sohnes Otto II. mit der byzantinischen Prinzessin Theophano, Tochter des oströmischen Kaisers Romano. Mit der Hochzeit 972 in Rom war die Reichsmacht der Ottonen endgültig besiegelt.
Otto der Große kehrte heim und hielt das Osterfest 973 in Quedlinburg. Im Mai verstarb er und wurde nach seinem Wunsch in Magdeburg beigesetzt. Otto II. übernahm die kaiserliche Regentschaft seines Vaters. Theophano war ihm dabei eine wichtige Partnerin. Als er verstarb übernahm sie mit ihrem erst dreijährigen Sohn Otto III. und ihrer Schwiegermutter Adelheid die kaiserliche Reichsführung. Ihre Tochter Adelheid wurde wie Mathilde, die Schwester von Otto II., Äbtissin von Quedlinburg.

Die Oper

Der deutsch-italienische Dichter Nicolò Francesco Haym verwendete das Libretto der Oper „Teofane“ von Antonio Lotti und Carlo Pallavicino von 1719, die in Dresden uraufgeführt wurde, und schuf daraus ein neues Textbuch, dass verschiedene historische Ereignisse zu einem Handlungsstrang verschmelzt. Georg Friedrich Händels Vertonung wurde 1723 in London unter dem Titel „Ottone, Re di Germania“ mit berühmten Sängerstars uraufgeführt, darunter der Kastrat Senesino, Margherita Durastanti und Francesca Cuzzoni, die sich bei den Proben weigerte, die Arie „Falsa imagine“ zu singen, sich aber eines Besseren besann, als Händel die Diva packte und ihr drohte, sie aus dem Fenster zu werfen. Diese „Fenstersturzarie“ gehört bis heute zu den bekanntesten und beliebtesten Musiknummern Händels. In London wurde „Ottone“ bis 1734 mit großem Erfolg gespielt. Schon 1723 und 1725 gab es in Braunschweig Aufführungen in deutscher Sprache, sowie 1726, 1727 und 1729 in Hamburg unter Georg Philipp Telemanns Obhut.

Die Figuren

Otto II. – Römischer Kaiser und deutscher König
Theophano – Nichte bzw. Adoptiv-Tochter des oströmischen Kaisers Romano, Verlobte von Otto II.
Emireno – Seeräuber, eigentlich Basilius, Sohn des Kaisers Romano
Gismonda – Witwe des italienischen Tyrannen Berengar
Adalberto – Sohn von Berengar und Gismonda
Mathilda – Cousine Otto II., Verlobte von Adalberto

Die Handlung

Der Titelheld der Oper ist Otto II. (955 bis 983), Sohn des deutsch-römischen Kaisers Otto I. Die Handlung spielt 972, ein Jahr vor dem Tod des Vaters, in Italien.

Erster Akt
Gismonda, die Witwe des italienischen Tyrannen Berengar, will durch eine Hinterlist ihrem Sohn Adalberto den Königsthron von Italien verschaffen. Er soll sich als Otto II. ausgeben, der sich tatsächlich auf dem Weg nach Rom befindet, um auf Geheiß seines Vaters die byzantinische Prinzessin Theophano zu heiraten. Adalberto geht auf den Vorschlag seiner Mutter gern ein, denn er hat Theophano schon einmal aus der Ferne gesehen und sich in sie verliebt. Verlobt ist er aber mit Mathilda, einer Cousine Ottos.
Otto wird durch eine Schlacht mit dem Seeräuber Emirenus in der Meeresbucht von Neapel aufgehalten. So kann Adalberto ungestört Theophano empfangen. Diese lässt sich jedoch nicht täuschen und durchschaut die Intrige.
Mathilda, die auch nach Rom reist, trifft auf Otto und berichtet, dass Adalberto Theophano in seiner Gewalt hat. Sie beschließen einen militärischen Angriff auf Adalberto. Mathilda ist zwischen der Liebe zu ihrem Verlobten und dem Kampf gegen den untreuen Verräter hin und her gerissen.
Rechtzeitig fallen Ottos Truppen in Rom ein und verhindern die Hochzeit. Adalberto wird gefangen genommen und soll unter Folter verraten, wo Theophano ist.

Zweiter Akt
Mathilda besucht Adalberto im Kerker. Angerührt von seinem Schicksal will sie ihm und Gismonda helfen. Theophano beobachtet unbemerkt, wie Mathilda sich zu Füßen Ottos wirft, um Gnade für Adalberto zu erflehen. Theophano glaubt, es sei eine Geliebte Ottos. Bei der ersten offiziellen Begegnung weist Theophano Otto schroff ab. In beiden ist jedoch der Keim der Liebe aufgegangen. Adalberto und Emirenus können mit Mathildas Hilfe fliehen. Sie nehmen Theophano gewaltsam mit sich.

Dritter Akt
Auf der Flucht erkennt Emirenus in Theophano seine Schwester. Er ist Basilius, Sohn und Thronfolger des oströmischen Kaisers Romano. Im Königspalast berichtet Mathilda Otto von dem Brautraub Adalbertos und befiehlt, ihn zu fassen und zu töten. Gismonda triumphiert und verrät Otto, dass Mathilda ihrem Verlobten zur Flucht verhalf. Otto ist enttäuscht. Mathilda bereut. Da führt Emirenus den gefesselten Adalberto herein. Mathilda will ihn töten. Gismonda entreisst ihr den Dolch, um sich selbst zu erstechen. Doch das endlich gefundene Liebesglück zwischen Otto und Theophano duldet kein Blut. Adalberto und Gismonda werden begnadigt und schwören Kaiser Otto ewige Treue. Der erkennt in Emirenus Baslius seinen Schwager und künftigen Herrscher über Byzanz. Ein Händedruck besiegelt den Frieden zwischen den beiden Kaiserreichen.

Die Lautten Compagney Berlin

1984 von Wolfgang Katschner und Hans-Werner Apel gegründet, arbeitet die LAUTTEN COMPAGNEY heute nach wie vor in ihrer ursprünglichen Form als Lautenduo, aber auch in verschiedenen instrumentalen Besetzungen bis hin zum barocken Opernorchester. Dazu hat sich ein fester Kreis von Musikern um die beiden Lautenisten versammelt, der gemeinsam die verschiedenen Projekte trägt. Alte Musik in ihrer faszinierenden Vielfalt und Vitalität wieder zum Klingen zu bringen und als sinnlichen Genuß und ästhetisches Vergnügen einem breiten Publikum nahezubringen, ist erklärtes Ziel der künstlerischen Arbeit. Das Repertoire umfaßt ein breites Spektrum an Werken aus der Zeit des 16. bis 18. Jahrhunderts. Dazu zählen Lautenmusik, Kammermusik, weltliche und geistliche Vokalmusik und in zunehmendem Maße auch Werke des Musiktheaters. Besonderen Wert legen die Musiker der LAUTTEN COMPAGNEY in ihren Aufführungen und Produktionen auf eine phantasievolle und facettenreiche Ausführung des Basso Continuo, einer Besonderheit der Musik dieser Epoche, bei der Lauteninstrumente eine wichtige Rolle spielen. Eine ganze Reihe von musikalischen Entdeckungen und Ausgrabungen konnte das Ensemble in den letzten Jahren mit großem Erfolg auf den Weg bringen. So produzierte es erstmalig für CDs Musik von Giovanni Battista Bononcini, Bellerofonte Castaldi, Johann Philipp Krieger und Matthew Locke. 2004 erschienen die Oper „La Diavolessa” von Baldassare Galuppi und die CD „Dolce mio ben” mit italienische Kantaten und Opernarien um 1700 – entdeckt in der Musikbibliothek des Schlosses Sondershausen – mit der spanischen Mezzosopranistin Maite Beaumont, 2005 folgt Johann Philipp Kriegers „Musicalischer Seelen-Friede”.
Mit Konzerten und Opernaufführungen gastierte das Ensemble bei namhaften Festivals (u. a. Berliner Bach-Tage, Bayreuther Barock, Dresdener Musikfestspiele, Händel-Festspiele Halle, Musikfestspiele Potsdam Sanssouci, Festwochen Herrenhausen, Kissinger Sommer, Mozart-Fest Schwetzingen und Schwetzinger Festspiele, Rheingau Musik Festival, Ludwigsburger Schloßfestspiele, Festwochen Alte Musik in Innsbruck, Music Festival Stellenbosch/Südafrika und Holland-Festival für Alte Musik in Utrecht). Die Performance „Bach-Arkaden”, ein Gemeinschaftsprojekt mit Musikern des Jazz- und der Neuen Musik wurde im Rahmen des deutschen Kulturprogramms zur Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover aufgeführt. Diese besondere Linie des musikalischen Crossover fand 2002 eine neue Form mit „membra jesu nostri – Passionsmusik und Videokunst”. Das Konzert im Rohbau des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel vereinte die Musik Dietrich Buxtehudes mit den Arbeiten zeitgenössischer Videokünstler. Zu den Händel-Festspielen 2004 fand es eine gelungene Wiederholung.
Als Opernorchester erlebt man die LAUTTEN COMPAGNEY in Zusammenarbeit mit dem Hans-Otto Theater in Potsdam-Sanssouci, im historischen Goethe-Theater Bad Lauchstädt, aber auch als Continuo-Ensemble in einer Produktion der „Poppea” am Opernhaus Halle. Besondere Aufmerksamkeit fanden jedoch die eigenen Produktionen unbekannter barocker Opern des Dresdner Hofes von Johann Adolf Hasse, Carlo Pallavicino und Nikolaus Adam Strungk sowie Giovanni Andrea Bontempi und Marco Giuseppe Peranda, die in den Jahren 1998-2000 jeweils zur Premiere im historischen Taschenbergpalais in Dresden kamen.
Zu den Händel-Festspielen Halle 2003 brachten auf Initiative der LAUTTEN COMPAGNEY die Händel-Festspiele, das Goethe-Theater Bad Lauchstädt, die Festwochen Herrenhausen und das Festival Bayreuther Barock Georg Friedrich Händels Oper „Teseo” als Koproduktion auf die Bühne, die anschließend in Deutschland und in der Schweiz sehr erfolgreich gezeigt wurde. 2004 fanden weitere Aufführungen in Halle und Potsdam sowie ein Gastspiel in England und eine DVD-Aufnahme statt. Dieselben vier Institutionen, erweitert um das historische Theatre Royal in Bury St. Edmunds in Großbritannien, produzierten 2005 die Händel-Oper „Amadigi„ – der Premiere zu den Händel-Festspielen folgen Gastspiele in historischen Theateranlagen.
In Berlin präsentiert sich die LAUTTEN COMPAGNEY mit einer eigenen Konzertreihe. Bereits Tradition sind ihre Dezember-Konzerte in der stimmungsvollen Kirche Zum Heiligen Kreuz – zur Weihnacht mit prominenten Schauspielern wie Otto Sander oder Katharina Thalbach als ausdrucksstarke Rezitatoren und Silvester mit Alter Musik, Spirituals, Jazz oder französischen Chansons. Eine enge Zusammenarbeit verbindet die LAUTTEN COMPAGNEY mit namhaften Sängern wie David Cordier, Lynne Dawson, Axel Köhler, Kobie van Rensburg u. a. So führte eine Konzertreise die LAUTTEN COMPAGNEY 2002 mit Kobie van Rensburg nach Südafrika, 2005 gastierte sie mit Maria Riccara Wesseling in Barcelona.
Projekte der Kammermusik und des Musiktheaters stehen im Mittelpunkt ihrer Arbeit. Auf Ergebnisse weiterer Expeditionen in die vertrauten und doch unbekannten Gefilde Alter Musik darf man gespannt sein.

Pressestimme: Triumph des Musikalischen

Volksstimme Magdeburg 18. September 2006
Von Dr. Herbert Henning

Die Premiere der Oper „Otto und Theophano“ von Georg Friedrich Händel als künstlerischer Beitrag zur Europaratsausstellung „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ wurde zu einem außergewöhnlichen Erfolg für das Nordharzer Städtebundtheater. Langanhaltender Beifall und Standing Ovations honorierten die Leistungen der Sänger, Tänzer und Musiker des Orchesters, das von einem Continuo-Ensemble mit barocken Instrumenten der Berliner Lautten Compagney verstärkt wurde.

1723 erlebte in London Georg Friedrich Händels „Otto, Re di Germania“ ihre Uraufführung, als eine für die damalige Zeit „moderne, zeitgenössische“ Oper im Stil der italienischen Musik komponiert und mit dem Prunk des barocken Theaters in Kostüm, Malerei und Architektur. Das Historische der Handlung um die Hochzeit des deutsch-römischen Kaisers Otto II. mit der byzantinischen Prinzessin Theophano und die politischen Ränkespiele ordneten sich damals den „Gesetzen“ der Barockoper, die zuallererst ein „Fest für die Sänger“ war, unter. Immer wieder aber findet man in den Händel-Opern mit ihren historischen Figuren aktuelle Bezüge zu politischen Ereignissen ihrer Entstehungszeit.

In der Oper erlebt man politische Ränke und Intrigen aus 100 Jahren Anfangszeit der Ottonen in einer Handlung von zwei Tagen vor der Hochzeit von Otto und Theophano in Rom. Machtstreben, Intrigen, Entführung und Gewalt, die zuweilen etwas Erotisches hat, treiben die Menschen um, deren Handeln politisch motiviert ist. Die Art und Weise, wie heute politische Konflikte ausgetragen werden, unterschiedet sich nicht wesentlich. Gewalt ist gegenwärtig.

Regisseur André Bücker und Peer Palmowski (Ausstattung) finden für diese Überlegungen ein interessantes, tragfähiges Inszenierungskonzept. Mit einer „V.I.P.-Lounge“ auf einem Airport in einer futuristisch-funktionalen Architektur, in der sich Symmetrie, Perspektive, Muster und Ornamentik barocker Musik sinnfällig widerspiegeln, haben sie einen Ort für das politische Geschehen beim Aufeinandertreffen von Menschen, die alle unterwegs und noch nicht angekommen sind. Dieser unpersönliche, kalte, auch geheimnisvolle Ort, ein Niemandsland, wird zum Mittelpunkt von Weltpolitik, wenn die Hochzeit von Otto und Theophano verhandelt, hintertrieben und schließlich vollzogen wird. Dass hier aber trotz allen politischen Kalküls Menschen, getrieben von Liebe und Hass, agieren, zeigt Bücker durch eine zweite „virtuelle“ Spielebene, wenn Tänzer des Ballettensembles die in den Barockarien sich offenbarenden Gefühlswelten in sinnliche Bewegungen „übersetzen“ und so Assoziationen zur Musik Händels pantomimisch-tänzerisch herstellen. Hier gelingen André Bücker und Jaroslaw Jurasz (Choreografie) zum Teil ausdrucksstarke Bilder, wenn zum Beispiel Gismonda am Boden gekrümmt den nahen Tod ihres Sohnes Adalberto beklagt und wie von einem anderen Stern ein Astronaut fast schwebend diesen ergreifenden Gesang tänzerisch kommentiert.

MD Johannes Rieger sichert mit dem glänzend spielenden Orchester und einem Continuo-Ensemble der Berliner Lautten Compagney (Ulrike Becker, Christine Tschirge, Julian Behr, Hans-Werner Apel), die auf historischen Instrumenten die Rezitative und die Tutti-Arien begleiten, höchste musikalische Qualität. Exzellent das Zusammenspiel des Orchesters mit der Lautten Compagney, das eine beeindruckende Textverständlichkeit der Sänger in den Rezitativen und barocken Arien von Anfang an garantiert. Und es war ein wirkliches „Fest der Sänger“. Der junge Counter-Tenor Steve Wächter als Otto verzauberte mit seiner Altus-Stimme, Katharina Warken als Gismonda brillierte mit ihrem Gesang. Die Mezzo-Sopranistin Barbara Buffy sang und spielte mit Burschikosität die unglücklich in Adalbero (Xiaotong Han mit tenoralem Glanz) verliebte Mathilda. Juha Koskela als Emireno überraschte einmal mehr durch seine baritonale Stimmgewalt. Die Aufführung wird durch Kerstin Petersson als Prinzessin Theophano mit ihrer ausdrucksvollen Stimme (wunderbar ihre ariosen barocken Verzierungen) und ihrem leidenschaftlichen Spiel „zwischen den Fronten“ vollends zum Triumph des Musikalischen.

Pressestimme: Das Volk darf nicht handeln, aber tanzen

Mitteldeutsche Zeitung Kultur 19. September 2006
André Bücker inszeniert in Quedlinburg Händels „Otto und Theophano“

Von Andreas Hillger

Quedlinburg/MZ. Das erste Wort hat die Chef-Stewardess. Vorbildlich wird das Publikum über die Notausgänge und den Gebrauch der kleinen Tüten belehrt, gegen Erstickungsgefahr bei Lachanfällen gibt es Sauerstoffmasken und gegen Tränen der Rührung Schwimmwesten. Aber selbst wenn man all diese – auf Italienisch vorgetragenen – Instruktionen missverstanden haben sollte, ist der Hinweis auf den Gebrauch der Sicherheitsgurte eindeutig: Schnallen Sie sich an – das Nordharzer Städtebundtheater startet durch!

Schulterschluss

Mit Georg Friedrich Händels Oper „Otto und Theophano“ ist dem Intendanten André Bücker ein Saison-Auftakt geglückt, dessen organisatorische Konstruktion der verwirrenden Handlung ebenbürtig ist. Gefördert von der Ständigen Konferenz Mitteldeutsche Barockmusik und mit aktuellem Bezug auf die Ottonen-Schau in Magdeburg und Berlin angesetzt, lebt die Inszenierung vom Schulterschluss der Generalisten mit den Spezialisten. Das Orchester des Hauses nämlich musiziert gemeinsam mit vier Musikern der Lautten-Compagney Berlin, die dem modernen Klang ein historisch instrumentiertes Continuo beifügen.

Selten war ein solches Gerüst so wertvoll wie in diesem Fall, der durchaus als Modell für den Umgang mit Barockmusik im Stadttheater gelten darf. Dass sich die Regie für eine heutige Perspektive entscheidet, ist kein Widerspruch zu dieser musikalischen Melange. Peer Palmowski hat als Schauplatz einen Transitraum entworfen, in dem der emotionale Ausnahmezustand die Regel ist. Machtmenschen auf der Durchreise warten an der Bar auf ihren Abflug, Abschiebehäftlinge werden vorbeigezerrt, Putzfrauen und Wachmänner träumen sich in die Sonne – und obwohl das Handgepäck längst durchleuchtet wurde, ist bei Bedarf immer eine Waffe zur Hand.

Bücker garniert diese Welt mit ironischen Zutaten, zu denen die Krone im Koffer ebenso wie die Absatz-Probleme der Karriere-Frau gehören. Und er kontert sie durch einen massiven Ballett-Kommentar in den Arien. Der Tanz befällt hier nur den Untertan, der selbst als Pauschaltourist noch zum Gleichschritt neigt. Das Volk kann zwar nicht handeln, doch es darf tanzen. Das mag man fatalistisch nennen, originell und aufführungspraktisch begründbar aber ist es auf jeden Fall. Und da man in Quedlinburg zudem über sechs Solisten verfügt, die sich ihre Aufmerksamkeit immer neu verdienen, ist auch die Konzentration nicht in Gefahr.

Mit Steve Wächter als Otto ist ein Altus zu entdecken, der über Kraft wie Schmelz verfügt und den man sich im Barockland Sachsen-Anhalt merken sollte. Kerstin Petersson erweist sich in der Rolle der Theophano als überragende Ensemble-Stütze, der Katharina Warkens Gismonda als Gast glänzend zur Seite tritt. Barbara Buffy gibt ihrer Matilda als Dritte unter Gleichen eine tragische Aura. Und mit dem bärenstarken Juha Koskela (Emireno) sowie dem drahtigen Xiaotong Han (Adalberto) begegnet man einem Ganoven-Pärchen, wie es gegensätzlicher kaum sein könnte – wobei der asiatische Tenor mit seinem Buffo-Timbre auch in Stilfragen exotisch wirkt.

Mut und Eigensinn

Aber das korrespondiert ja durchaus mit dem musikalischen Eigensinn, der hier von großem Mut getragen wird. Natürlich hört man gelegentlich die Grenzen des Städtebund-Orchesters. Aber das hat eben auch mit den Quantitäten eines Ensembles zu tun, in dem es auf den Einzelnen noch stärker ankommt als in größeren Häusern. In magischen Momenten aber, wenn Papierflugzeuge aus dem Bühnenhimmel in das Parkett segeln, hebt die Inszenierung ab. Bis dann am Ende alle stehend applaudieren.

Pressestimme: Grandioses Ringen um Macht

Mitteldeutsche Zeitung 19. September 2006
„Otto und Theophano“: Gefeierte Händel-Inszenierung am Nordharzer Städtebundtheater

Von Rita Kunze

Quedlinburg/MZ. Spontane Bravo-Rufe und am Ende Beifallsstürme und stehende Ovationen in einem ausverkauften Haus – besser hätte die Premiere zu Händels Oper „Otto und Theophano“ am Samstag im Großen Haus am Marschlinger Hof nicht enden können. Das Publikum war begeistert von Sängern, Musikern und Tänzern, die sich am Nordharzer Städtebundtheater in Höchstform präsentierten.

Mit seinem ehrgeizigen Projekt trifft Intendant André Bücker den Nerv der Zeit. Händel hat seine auf mittelalterlicher Historie basierende Oper 1723 zeitgenössisch aufgeführt und Bücker tut Gleiches. „Mobilität sichert die Macht“, sagt er zu seiner Inszenierung, und Machtpoker ist zeitlos: Warum soll er also nicht in einer Flughafenhalle gespielt werden. In dem anonymen und zugleich doch hochoffiziellen Raum werden Hoffnungen geweckt und Intrigen gesponnen, wird geliebt, gehasst, stranden verwirrte Seelen. Für alles ist Platz auf der von Peer Palmowski gestalteten Bühne; sie ist kühler, sachlicher Hintergrund für die großen Gefühle, denen die Protagonisten mit wahrer Hingabe verfallen.

Anrührend singt Katharina Warken die Arie der Gismonda, die um ihren totgeweihten Sohn Adalberto fürchtet. Der ist Opfer ihrer eigenen Intrige und zu allem Unglück wirklich verliebt in Theophano, die ihm jedoch die kalte Schulter zeigt. Ausdrucksstark verkörpert Kerstin Pettersson die byzantinische Prinzessin, die sich, allein in der Fremde, an all ihre Hoffnungen klammert. Und die verkörpert ihr zukünftiger Ehemann Otto II. Ein selbstbewusster junger Herrscher, für den die Nordharzer den jungen Dresdner Countertenor Steve Wächter verpflichteten. Der überzeugte nicht nur stimmlich; lässig, fingerschnippend macht er die Bühne zu seiner. Den Hörgenuss komplett machen Barbara Buffy a.G. als Ottos Cousine Mathilda und Juha Koskela (Emireno, Halbbruder Theophanos), der mit seinem tiefen Bariton Kraft und Wagemut bis in die letzte Reihe trägt. Ballettmeister Jaroslaw Jurasz ergänzt mit seiner Compagnie das opulente Werk um phantasievolle Traumbilder; Stewardessen und Piloten werfen im Reigen kleine Papierflugzeuge in den Raum, Putzfrauen schwenken im Takt die Besen zu Händels Musik.

Die zeigte Musikdirektor Johannes Rieger mit seinem Orchester als prachtvollen Klangteppich, kunstvoll geschmückt mit dem Einsatz der Berliner Lautten Compagney. Die Zusammenarbeit mit dem renommierten Berliner Ensemble schien die Nordharzer Musiker geradezu zu beflügeln – sie schwangen sich auf zu schönsten Tönen.

„Otto und Theophano“, wieder am 15. Oktober, 15 Uhr im Großen Haus Quedlinburg, Karten unter 03946/96 22 22

Pressestimme: Mit dem Düsenjet ins Mittelalter

Volksstimme Halberstadt 21. September 2006
Zum Saisonauftakt der aktuellen Spielzeit präsentierte Intendant André Bücker die Händel-Oper „Ottone, Re di Germania“. Im Rahmen der Europarats- und Landesausstellung „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962 bis 1806“ entstand die Produktion als Gemeinschaftsprojekt mit der Ständigen Konferenz Mitteldeutscher Barockmusik.

Von Jörg Loose

Quedlinburg. Wohin die Reise geht, wird noch vor dem ersten Ton klar. Eine Stewardess weist das auf der Flugreise ins mittelalterliche Rom befindliche Publikum mit den obligatorischen Sicherheitshinweisen (leider in Italienisch) auf Gefahren und Tücken hin. Als in einem frechen Anflug von Ironie neben den unvermeidlichen Schwimmwesten auch der Gebrauch von Brechtüten erläutert wurde, schwante mir kurzzeitig Böses zum folgenden Opernabend. Aber hier kann ich beruhigen. Auch wenn die Inszenierung kein letztes Wort zur sicher nicht einfachen Umsetzung Händelscher Opern in der Gegenwart sprach, war doch ein anregender Opernabend zu erleben, und die ordinäre Tüte blieb ein Gag und nicht notwendiges Utensil.

Bücker situiert die Handlung – eine „daily-Soap“-reife Abfolge von Verwicklungen im Vorfeld der Hochzeit Otto II. mit der byzantinischen Prinzessin Theophano von 972 zur Besiegelung des Friedens zwischen beiden Reichen – in eine neuzeitliche Flughafenlobby. Hier schluckt der Otto-Normalverbraucher in Sachen Oper schon mal gewaltig. Aber die Lächerlichkeiten eines reinen Kostümspektakels werden so umgangen und plausibel ist das Ganze allemal. Der Mobilitätszwang zur Machtausübung damals wie heute lässt vielfältige Parallelen zu. Zugleich bot sich so ein einheitliches (kühl-steriles) Bühnenbild (Peer Palmowski) ohne Umbaupausen für ein flüssiges Spiel an.

Hochzeiten sind im mittelalterlichen Formel-Eins-Zirkus der Macht so was wie friedliche Boxenstopps – (Macht) Einholen ohne Überholen. Die handelnden Akteure des Nordharzer Boxenstopps nehmen sich weitestgehend ernst. Die notwendigen Brechungen, um die Telenovela mittelalterlicher Jetset-Politik nicht in lächerliche Peinlichkeiten abgleiten zu lassen, überträgt Bücker dem Ballett, das als Putzkolonne, Sicherheitskräfte, Feuerwehr, Stewardessen, Bodenpersonal oder Urlauber in Erscheinung tritt. Das funktioniert aber nicht immer. Zu oft ergeben sich die Einlagen nicht unmittelbar aus der Handlung, wirken mithin etwas beliebig und aufgesetzt, als reine Staffage einer Flughafenatmosphäre.

Händelarien sind immer hochemotionale Momentaufnahmen der Figuren. Diese Emotionen werden nur teilweise bedient. Die mitunter parallel zu den Arien laufenden Aktionen stören den Aufbau einer Stimmung, eines emotionalen Spannungsbogens und behindern damit eine Bindung und Identifikation des Publikums mit den Protagonisten. Weniger Beiwerk und mehr Vertrauen in die Kraft Händelscher Musik wäre zuweilen angeraten gewesen. Aber immer, wenn die getanzten Zugaben in Beziehung zum Seelenzustand der Figur standen, ergaben sich überraschende Momente poetischer Schönheit. So zum Beispiel der verirrte, einsame Kosmonaut in einer ihm fremden Welt, während der wehmütigen Arie „Komm mein Sohn, tröste mich“ (wunderbar Katharina Warken). Das war schon fast wieder genial.

Absolute Klasse darf dem musikalischen Gesamteindruck attestiert werden. Johannes Rieger serviert mittelalterlichen Händel meisterlich. Scharfe, rhythmische Akzentuierungen wechselten mit seidenweichen Klangteppichen. Sie boten ein prachtvolles, fein ausbalanciertes musikalisches Gewebe, das durch die Mitwirkung der Spezialisten alter Musik, der Lautten Compagney Berlin, seine virtuose, barocke Adelung erfuhr. Auf diesem Teppich lustwandelt eine zumeist bestens aufgelegte Sängerschar. Steve Wächter (Kaiser Otto) als falsettierender Altist besticht mit strahlendem Barockklang und sparsam verzierten Koloraturen, während sein Spiel etwas ausbaufähig zwischen herrschaftlicher und süffisanter Kaisermiene pendelt. Kerstin Pettersson (Theophano) gibt das unschuldig naive Jetset-Girl und punktet mit (fast zu) kräftigem Gesang. Anders Katharina Warken (Gismonda) als bösartig intrigante Tyrannenwitwe. Mit lyrischem Ausdruck und dem ihr eigenen „hingehauchten“ Piano sorgte sie für Gänsehautattacken und feierte ein eindrucksvolles Comeback. Auch Barbara Buffy (Matilda) beeindruckte mit samtig rauchiger Stimme und frischem Spiel. Großartig Juha Koskela als Pirat Emireno. Mit seiner kernig-stürmischen Auftakt-Arie ging der Abend richtig los, und auch Xiaotong Han (Adalberto) als rücksichtsloser Karrierist meistert die Anforderungen mit Bravour.

Finaler Jubel feierte einen (vor allem musikalisch) viel versprechenden Saisonauftakt.