Spielzeit
2018/19

Peer Gynt

Ballett mit Musik von Edvard Grieg

Peer Gynt ist ein Träumer und egoistischer Taugenichts. Ein rastlos Getriebener, der es scheut, zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen und sich der Realität zu stellen. Statt seiner verwitweten Mutter Aase beizustehen, treibt er sich lieber herum, erzählt fantasievolle Lügengeschichten und reiht eine unrühmliche Frauengeschichte an die andere: So entführt er aus einer Laune heraus eine Braut, die in ihn verliebt ist, aber sobald das Abenteuer vorbei ist, langweilt sie ihn. Kein Wunder also, dass er von Menschen verstoßen, von Trollen und dem Teufel verfolgt wird oder im Irrenhaus landet. Er reist um die Welt und findet doch nirgends sein Glück. Erst am Ende seines Lebens, als er in die Heimat zurückkehrt und sich zum ersten Mal für seine Lebensweise verantworten muss, wird ihm klar, dass sein Glück die ganze Zeit zu Hause auf ihn wartete. Henrik Ibsens dramatisches Gedicht „Peer Gynt“ entstand 1867 im freiwilligen Exil in Italien und geht zum Teil auf einem älteren, zwischen 1845 und 1848 von Peter Christen Asbjørnsen veröffentlichten Sagenstoff zurück. Der ursprünglich nicht für die Bühne konzipierte „nordische Faust“ war so erfolgreich, dass sich Ibsen entschloss, eine gekürzte Bühnenfassung zu erstellen. Edvard Grieg steuerte dazu seine legendäre Bühnenmusik bei, auf der auch Can Arslans choreographische Version dieses zeitlosen Ibsen-Dramas um Selbstbetrug und verfehlte Selbstverwirklichung basiert. In dieser Produktion wird das Ballettensemble live von der Sopranistin Runette Botha und dem Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters begleitet.


Eine Frage nur noch. Was ist dieses „sei du du selbst“ im Grunde?

Peer Gynt im Stadttheater

Dichte Bilder einer Reise durch Innen- in Außenwelten
Das Nordharzer Städtebundtheater ersetzt mit seinem neu konzipierten und von Can Arslan choreographierten "Peer Gynt" romantisierten Werbekitsch und nordische Unterkühltheit durch starke Bilder und manchmal fast südländische Emotion.
Alexandre Delamare tanzt den Peer, um den sich alles dreht, präsent und doch ohne den anderen Tänzern den Raum zur Entfaltung zu nehmen. Er ist der kraftstrotzende Jüngling, der bei einer Hochzeit die Braut Ingrid (Shainez Atigui) entführt, sein leben lang aber immer wieder mit dem "Krummen" (Vincius Augusto Menetes da Silva) ringt, der mal Führer durch Peers Leben ist, ihm dann aber wieder deutlich sein Spiegelbild vorführt.
Ist die Brautwerbung fast klassisch ausgetanzt, ebenso wie die wiederkehrenden Begegnungen mit Solveig, sind die Szenen mit dem Krummen oder später in der Irrenanstalt deutlich von modernem Tanz inspiriert. Masami Fukushima tanzt eine Solveig, deren scheue Zuneigung als junges Mädchen, Peer in die Welt fliehen lässt.
Arslan setzt stark auf die emotionale Kraft und findet die entsprechenden Bilder dazu, fast heißblütig entblättert die orientalische Schönheit Anitra (ebenfalls getanzt von Fukushima).

Ralf Bittner / Neue Westfälische


Der Frauenheld, der nie erwachsen wird

Das Ballett "Peer Gynt" wurde zur Sternstunde im Nordharzer Städtebundtheater. Die Besucher - darunter etliche junge Leute - im ausverkauften Großen Haus Halberstadt feierten die Premiere am Freitag mit acht Minuten rhythmischem Applaus im Stehen.
Halberstadt entschied sich für die Musik Griegs mit dem ganzen Orchester, für die grandios empfindsame, kommentierende Sopranistin Runette Botha und die Stimme des Schauspielers Gerold Ströher, den Sinngehalt dieser Odyssee um Selbstbetrug und verfehlte Selbstverwirklichung tänzerisch und musikalisch zu erzählen. Konzentriert auf wichtige Kernszenen des Ibsen-Epos führt der Gastchoreograph Can Arslan mit einer Bilderflut sehr glaubhaft durch Peer Gynts Weibergeschichten, auf die Innenwelten seines Helden fokussiert.
Runette Botha fügt mit ihrer wundervollen klaren Singstimme ganz eigene Deutungen zum Kosmos der Ballettbilder hinzu. "Der Winter mag scheiden, der Frühling vergehn ..." - das Lied der wartenden Solveig ist die Begleitmusik zu einem traumhaften Pas de deux.
Ein ganz großes Erlebnis schafft auch der sensible Orchesterzauber, den Michael Korth entfacht. Vom ersten Ton der "Morgenstimmung" mit sorgfältigst gearbeitetem Klang der Flöte, der Streicher und der Hörner bis zu den wundervollen Pianissimo-Stellen. Welch Bewegung und Emotion! Dieser melancholische Grieg ist ebenso zupackend wie hauchzart - sehr sehens- und hörenswert.

Hans Walter / Volksstimme


Rastloser Frauensucher

Da gibt es keine nordische Kühle, Can Arslan lässt große Gefühle austanzen. Er choreografiert nah am Text von Henrik Ibsens dramatischen Gedicht „Peer Gynt“ , diesem „nordischen Faust“, zu dem Edvard Grieg seine legendäre Bühnenmusik beisteuerte, die für die Inszenierung um weitere seiner Werke erweitert wird. Und doch degradiert Aslan den Tanz nicht zur plumpen Illustration berühmter Musik, die als Werbe-Klang fast „Volksmusik“ ist.

„Peer Gynt“, vor einem Jahrzehnt von Jaroslaw Jurasz choreografiert und getanzt, von ihm vor seinem Tod für diese Spielzeit neu konzipiert, setzt deutliche Akzente für die Nach-Jurasz-Ära. Das große Handlungsballett vereint Tänzer, Live-Orchester und die so wunderbare Sopranistin Runette Botha zu einem Gesamtkunstwerk der Spitzenklasse, das das ausverkaufte Halberstädter Große Haus mit Jubel und minutenlangem Schlussapplaus beben ließ.

Can Arslan macht in seiner Inszenierung die Zuschauer zu Begleitern des rastlosen Globetrotters auf dessen Lebensstrecke, die das Ziel hat, König zu werden oder Kaiser gar, aber fast als König der Selbstsucht oder Kaiser der Irren endet.

Das Ballett dreht sich um existentielle Fragen nach dem Wohin. Sind es nicht Peer-ähnliche Träume, aus denen heute Lebensfäden geknüpft werden, das Sprengen einengender Räume, durch die Bühnenwände im ersten Bild deutlich präsent, die Suche nach Welt-Weite und eigenen Visionen, um aus der Welt der austauschbaren Jedermanns zu entfliehen.

Peers Widerstreit mit dem „Krummen“ (Vinicius Augusto Menezes da Silva), seinem Führer durch das Auf und Ab des (Er)Lebens, wirkt atmosphärisch dicht und zählt dabei zu den die Mystik verstärkenden Szenen.

Delamare sprüht vor pubertätspotenzstrotzender Kraft, mit der entführt er Ingrid, die er beglückt und dann fallen lässt wie die ihren Brautkranz.

Besonders augenfällig wirkt in Peers Frauen-Kanon Shainez Atigui, die eine liebesleidende Ingrid voller juveniler Hingabe tanzt und verdient stürmisch gefeiert wurde. Große Tanzkunst offeriert eine bestens präparierte Masami Fukushima, die als Solveig nuancenreich ihre Hingabe tanzt. Ihre ausdeutende Körpersprache erzählt eine Geschichte: Aus der scheuen Zurückhaltung des Mädchens wächst die tiefe Zuneigung zu jenem Mann, der vor ihr in die Welt flieht. Fukushima gibt ihm tänzerisch die Kraft, um aus dem Gescheiterten wieder Mensch zu werden.

Andrea Kaempfs schlichte weiße Kulisse mit dem Relief nordischer Berge reißt zunehmend auf und weitere Stationen von Peers Wanderung durch die Frauen-Welt. Mit ihrem Glas-Kubus schafft sie Innenräume für Außensichten und letztlich auch einen Schutzraum für Peers Seele. Ausgeklügelte Lichtstimmungen unterstreichen nochmals Kaempfs Raumkonzept.

Weit stärker als bei Jurasz vor einem Jahrzehnt nutzt Arslan die unterstützende Wirkung der Musik. Sängerin Runette Botha ist nicht kommentierende Deuterin am Rand, sondern verschmilzt als Akteurin fast mit den Tänzern und singt doch so berückend klangmalerisch. Mit diesen musikalischen Farben-Kasten malt Orchester unter Michael Korth emotionale Bilder, weil es eben nicht in den musikalisch sentimentalen Duktus von Klassikwunschkonzerten verfällt.

Uwe Kraus / Mitteldeutsche Zeitung