#Es_ist_Liebe
Jubiläumsspielzeit 2016/17

Rusalka

Lyrisches Märchen in drei Akten von Jaroslaw Kvapil | Musik von Antonín Dvořák als szenisches Konzert mit Solisten, Chor und Orchester

Die Legende der kleinen Meerjungfrau, auch Undine oder Rusalka genannt, die sich nach einer „menschlichen Seele“ sehnt, wurde von Hans Christian Andersen, Friedrich de la Motte Fouqué, Ingeborg Bachmann und anderen Autoren auf sehr unterschiedliche Weise interpretiert. Die Wassernixe Rusalka will in menschlicher Gestalt unter Menschen leben, obwohl ihr Vater, der Wassermann, davor warnt. Sie hat sich in einen schönen Prinzen verliebt, aber der Preis für die Menschwerdung ist hart. Rusalka verliert ihre Stimme und soll, so ihre Liebe nicht erwidert wird, den Geliebten töten und in die Tiefen des Sees verbannt werden. Nur kurz währt Rusalkas Glück, denn schon bald lenkt eine fremde Fürstin die Aufmerksamkeit des Prinzen auf sich.

Antonín Dvořák erzählt die alte Elfengeschichte als Parabel über Sehnsucht und Emanzipation mit zauberhaft zarten Klängen und großen Melodien. Präsentiert wird sie als szenisches Konzert mit dynamischen Projektionen und Farbspielen.


Pressestimme: Opfer Natur

Opernnetz.de, 16.3.2008

Das Orchester auf der abgedunkelten Bühne, auf dem abgedeckten Orchestergraben die Spielfläche , dazwischen eine bühnengroße Folie als Projektionsfläche für diffuse Film-Bilder: sw-Sequenzen zerstörender Gebäude, Autoverkehr im Zeitraffer, fließende Makro-Aufnahmen, Ausschnitte aus Animations-Filmen, immer wieder fließende Wässer mit Mond und versinkender Erdkugel. Malte Kreutzfeldt schafft Film-Bilder auf dem schmalen Grat zwischen Natur und Zivilisation. Andre Bücker – Intendant des mutigen Nordharzer Städtebundtheaters – inszeniert das Märchen von der menschen-süchtigen und –enttäuschten Nixe Rusalka als Spiel um das Opfer der Natur. Er reduziert die Handlung auf sparsame Aktion, verlässt sich – zu Recht – auf die zivilisationskritisch fokussierte Dramaturgie Aud Merkels und verzichtet auf szenischen Realismus und konventionelle Märchenbilder.
Alrune Sera stellt handlungsorientiert ein paar Tische und diverse Stühle auf die Spielfläche – Natur und Zivilisation in vor-entschiedener Kommunikation.
Und das durchaus beeindruckende Sängerensemble des Nordharzer Städtebundtheaters setzt diese inszenatorischen und szenischen Angebote in überzeugendes Bühnenhandeln um und interpretiert das so aktualisierte „Märchen“ hoch eindrucksvoll.
Katharina Warken vermittelt eine zwischen den Welten zerrissene Rusalka mit gebrochener Leidensfähigkeit und wandlungsfähigem Sopran, wunderbar lyrisch im Lied an den Mond, stimmlich-aggressiv im tötenden Finale. Gijs Nijkamp ist der fast apokalyptisch warnende Wassermann, verleiht ihm voluminöse Kraft mit emotionalem Ausdruck. Ünüsan Koluglu ist ein machohaft-verunsicherter Prinz, vermag mit viel Volumen und gekonnter Kopfstimme die komplizierten Registerwechsel angemessen zu bewerkstelligen. Gerlind Schröder ist die fundamentale Hexe Jerzibaba und die aggressive Fremde Fürstin, stimmlich scharf akzentuierend, mit intensiver Ausstrahlung. Die drei Elfen (Marie Friederike Schöder, Bettina Pierags und Steffi Gehrke) singen außerordentlich ausdrucksvoll und klangschön, und Juha Koskela und Anke Walter singen den Heger und den Küchenjungen mit intensivem Ausdruck.
Das Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters agiert im geheimnisvollen Licht der Pultleuchten und interpretiert unter dem Musikdirektor Johannes Rieger einen geradezu „märchenhaften“ Dvorak-Klang: luzide, transparent und mit sehr viel nachdrücklicher Emotion. Eine bewundernswert eigenständige Auffassung des so oft routiniert-standardisiert missachteten Dvorak-Meisterwerks!
Die Nachmittags-Aufführung im architektonisch befremdenden Halberstädter Theater besuchen mehrheitlich ältere Besucher in Gruppen aus dem Raum zwischen Goslar und Wolfenbüttel; nach anfänglichen Husten-Orgien und kommentierendem Gemurmel nimmt die imaginierende Aufführung mit ihrer nachvollziehbaren Botschaft das Publikum gefangen: gespannte Aufmerksamkeit und respektvoller Applaus.
In Anbetracht der polizeilichen und gerichtlichen Tatenlosigkeit im Zusammenhang mit den rechtsradikalen Überfällen auf Schauspieler des Theaters ist dieser Zusammenhalt von Theater und Publikum die Rettung der Stadt Halberstadt vor dem existenzbedrohenden Image einer Neo-Nazi-Hochburg - wenn sie es denn schon nicht selbst schafft. (frs)

Pressestimme: Rusalka – eine entkleidete Meerjungfrau

Volksstimme Halberstadt, 6.12.2007
Von Jörg Loose

Halberstadt. Eigentlich stand Antonin Dvoráks Märchenoper Rusalka, eine romantische Verquickung der Undine-Erzählung mit Mythen aus der slowakischen Sagenwelt, auch als notwendiger Reflex auf die Finanzkürzungen der Theatermittel, in einer konzertanten Fassung auf dem Spielplan.
Aber Dinge entwickeln sich. Einmal angefangen, kam wohl eine Idee zur nächsten, der Rahmen einer konzertanten Aufführung war rasch gesprengt. Dabei entstand ein reizvoller Januskopf zwischen Konzert und Oper. André Bücker (Inszenierung) und Alrune Sera (Ausstattung) machen aus der (finanziellen) Not eine inszenatorische Tugend, verzichten ganz auf ein märchenhaftes Ambiente, entkleiden also die kleine Meerjungfrau vollständig ihres romantisch plüschigen Äußeren und finden unter der glattgebürstet bunten Trickfilmfigur Arielle, ein reines Wesen von sehnsuchtsvollem Verlangen und spröder Schönheit in silbriggrauem Aquamarin. Wenige Tische und Stühle sowie sehr sparsame, aber eindruckvolle Lichtarrangements auf der Vorbühne bieten den Rahmen der Inszenierung.
Die Geschichte vom Scheitern der sehnsuchtsvollen Hoffnung im Aufeinanderprallen zweier Welten so ganz gegen die Erwartungshaltung – als Kammerspiel – zu erzählen, schien wohl auch Bücker nicht ohne Risiko. Deshalb erfolgte der Einbau einer zweiten Erzählebene, die in Form von Filmsequenzen (Malte Kreutzfeld) die Unvereinbarkeit von „Menschenwelt“ und „elementare Natur“ visualisieren soll. Da finden sich in den irrlichternden Wasserspielen, zeitlupenhaft treibenden Wolkenfetzen und Mondstudien einerseits und den rastlosen Filmfetzen unserer gehetzten Urbanität andererseits starke, die Handlung kommentierende Szenen, die aber in ihrer Länge nicht immer Fesseln und rasch als bloßes Hintergrundrauschen empfunden werden. Da hat man schon mal den Eindruck eines Vorspiels, dem der Höhepunkt nicht folgt. Hier wäre weniger mehr gewesen. Wir sind ja von Malte Kreutzfeld viel Innovatives gewohnt. Erinnert sei nur an einen souligen Popsong in der klassischen Tragödie „Antigone“, der die üblichen Hör- und Sehgewohnheiten des Publikums zerstörte. Und doch habe ich die – wenn auch verzerrt zerhackten und in Grau – eingebauten Trickfi lmsequenzen weniger als intellektuellen Widerhaken, sondern eher als Fremdkörper und als Mangel eigener Einbildungskraft empfunden. Natürlich ist eine Inszenierung dieser Art – das Orchester auf der Haupt-, die Sänger auf der Vorbühne – im höchsten Grade sänger- und musikfreundlich. Alle Stimmen sind stets präsent und laufen niemals Gefahr, vom Orchester überdeckt zu werden. Das überzeugte mit warmen, satten Tönen, musizierte unter Leitung von MD Johannes Rieger märchenhaft homogen und hinterließ auch dank einer himmlisch perlenden Harfe (Tanja Letz) einen großartigen Eindruck. Katharina Warken, für die erkrankte Kerstin Pettersson eingesprungen, ist mit ihrem reinen, klaren, sehr geschmeidigen Sopran eine ideale Rusalka. In der Ausstrahlung sehnend verletzlich, in sich gekehrt, lieferte sie eine beglückende Mischung von stimmlicher Sparsamkeit, strenger Zartheit und anmutiger Kraft, die unter die Haut ging und den Regieansatz musisch auf höchstem Niveau umsetzte. Wenngleich bei Ünüsan Kuloglu als Prinz die Flatterhaftigkeit der Menschenwesen nur sporadisch aufblitzte, war seine stimmliche Darbietung mit kraftvoll tenoralem Glanz und schmiegsamer Sanftheit im Falsett von mitreißender Akkuratesse. Gerlind Schröder bewies einmal mehr ihre Wandlungsfähigkeit und bestach mit hexenhaftem Timbre und dämonischer Ausstrahlung als Hexe und fremde Fürstin. Gijs Nijkamp lieferte einen soliden Wassermann, und die drei Elfen (Marie F. Schöder, Bettina Pierags und Steffi Gehrke) sorgten für überaus erfrischende akustische wie optische Abwechslung. Der Damenchor (Marbot Kaiser) sowie Juha Koskela und Anke Walter (Heger und Küchenjunge) rundeten das musikalische Erscheinungsbild ab.
Während die technisierte und moralisierte Menschenwelt mit der Natur unvereinbar scheint, beweist die Aufführung, dass dies für Oper und Konzert keinesfalls gilt. Ob die dargebotene Rusalka nun eine abgespeckte Operninszenierung, ein aufgepepptes Konzert oder etwas ganz Eigenes ist, entscheiden Sie am besten selbst. Ein interessanter Versuch mit vielen geglückten Momenten ist sie in jedem Fall und wurde vom Premierenpublikum gefeiert.

Pressestimme: Spiritualität und menschliches Sehnen

Mitteldeutsche Zeitung, 13.12.2007

Von Uwe Kraus

Halberstadt. „Rusalka“, das lyrisches Märchen in drei Akten erzählten Intendant André Bücker und Malte Kreutzfeldt auf eine besondere Weise. Die alte Elfengeschichte, die so viel Sehnsucht verströmt, spielt vor einer filmische Kulisse, die versucht, das Feld zwischen der Wasserwelt Rusalkas und der von ihr erträumten menschlichen Zivilisation auszuloten. Makrobilder, Trickfilm, Zeitraffer und graue Mikrowelten auf dem Projektionsvorhang, Johannes Rieger mit seinem Orchester dahinter, die Handlung zumeist davor. Dazu kommt eine zumeist gut geführte Lichtregie. Auch wenn es zuweilen zu kuriosen, aber sehr unterhaltsamen Schattenspielen auf dem Vorhang kommt.
Rusalka, die böhmische Schwester im Geiste der kleinen Meerjungfrau und von Undine, geht auf die Suche nach menschlicher Liebe und bleibt schließlich allein zurück. Katharina Warken singt diese zerrissene, von ihren Gefühlen getriebene Nixe. Ihr flehentliches Lied an den Mond dürfte ein Höhepunkt ihrer einfühlsam-ausdrucksvoll, lyrisch wie dramatischen Interpretation gewesen sein. Darstellerisch und stimmlich facettenreich gestaltet sie Märchenwesen ebenso ergreifend wie die sehnsuchtsvoll Liebende.
An Stimmkraft steht ihr Ünüsan Kuloglu als Prinz voller emotionalem Schwanken nicht nach. Er wirkt optisch weniger wie ein jugendlicher Märchenprinzen sondern eher wie ein satter böhmischer Gutsherr. Gijs Nijkampsingt mit sonorem Bass einen Wassermann mit beachtlicher Ausstrahlung und Bühnenpräsenz. Gerlind Schröder singt souverän eine Jerzibaba voller Dramatik und warnendem Unterton. Als fremde Fürstin bietet sie sängerisch gleichhohes Niveau. Das intensive Rot ihres raffinierten Kleides (Ausstattung: Alrune Sera) in beiden Rollen bietet für ungeübte Seher aber ein gewisses Unterscheidungsproblem. Sehr schön brachten sich auf der kargen Vorbühne die drei Elfen in Position. Stimmlich klar und optisch verlockend necken Bettin Pierags, Steffi Gehrke und Marie Friederike Schöder den Wassermann. Anke Walter als quicklebendiger Küchenjunge wie auch Heger Juha Koskela trugen ihren Teil zum Erfolg des Opernabends bei.
Johannes Rieger lässt sein Orchester gefühlvoll die slawisch-folkloristischen Momente ausmusizieren und vermag mit sanfter Innigkeit die subtilen Stimmungen der geheimnisvollen Musik Dvoraks zu vermitteln. So entsteht ein ambitioniert gespielter Klangteppich aus Spätromantik, Wagner und Folklore.
Der stürmische Applaus am Ende der auf knapp 150 Minuten reduzierten „Rusalka“-Fassung bewies, Bücker und Kreutzfeld ist eine in sich schlüssige, ansehens- und anhörenswerte Sicht auf das Stück gelungen.

Pressestimme: Blutige Wolken im kristallklaren Wasser

Mitteldeutsche Zeitung, 4.12.2007

von Andreas Hillger

Prinz (Ünüsan Kuloglu) und Fürstin (Gerlind Schröder) demütigen Rusalka (Katharina Warken, M.). (Foto: Fuhr) Halberstadt/MZ. Rusalka hat viele Schwestern: Lortzings Undine und Andersens kleine Meerjungfrau, die Melusine des Mittelalters und Walt Disneys Arielle teilen das Schicksal dieses Wasserwesens, das seine Heimat gegen die fremde Menschenwelt tauscht - und auch dort nicht glücklich wird. Antonin Dvoraks slawische Variante aber ist besonders anrührend, weil sie den hohen Preis der Wandlung als größtes Opfer aus dem eigenen Genre schöpft: Wenn eine Opern-Gestalt ihre Stimme opfert, kollabiert eigentlich auch das Spiel.

Membran der Bilder

Am Nordharzer Städtebundtheater hat Intendant André Bücker das märchenhafte Panorama nun zum Kammerspiel verdichtet. Das ist gewagt, weil die Archetypen der Geschichte keine psychologische Entwicklung durchlaufen, sondern in ihren Zuständen befangen bleiben. Und das ist geglückt, weil die Regie in Zusammenarbeit mit dem Video-Künstler Malte Kreutzfeldt eine suggestive Bilderwelt entwickelt, die Rusalkas Herkunft aus natürlichen Sphären mit der Entfremdung der Kultur konfrontiert. Schon in der Ouvertüre fließen die alten Märchenworte wie Wellen über den transparenten Vorhang, hinter dem das Orchester mit suggestivem Gestaltungswillen agiert. Später mischt sich Blut wolkig mit Wasser, schimmert der sehnsüchtig besungene Mond bleich über der Szene und fließen die Front- und Rücklichter von Verkehrsströmen im Zeitraffer wie Venen und Arterien aneinander vorbei. Solange sich die Bilder auf solch abstrakter Höhe bewegen, wirkt die Membran zwischen Klang und Szene als emotionale Grundierung und Verstärkung. Wenn Kreuzfeldt unter seine bemerkenswert präzise geschnittenen Sequenzen jedoch Gesichter in Großaufnahme oder sogar Trickfilm-Ausschnitte mischt, übermalen diese Konkretisierungen das eigentliche Geschehen.

Solche Fingerzeige führen in die Irre, das ebenso fragile wie belastbare Konzept aber bleibt auf Kurs: Eine Landschaft aus Stühlen und Tischen genügt Bücker, um Rusalkas Weg aus dem Nixen-Idyll in die Katastrophe zu entwickeln. Ihr Lebenselixier ist dabei immer präsent - allerdings in der gezähmten Form des Aquariums, das der Wassermann wie ein Zepter trägt, oder der Karaffe, nach der sich die Fremde im Moment höchster Demütigung vergeblich streckt. Wie ein Opfertier liegt sie da auf der Tafel des Prinzen, der seine Geliebte im Flirt mit der Fürstin vergisst. Auch musikalisch ist "Rusalka" im Nordharz vor allem ein Duell und ein Triumph dieser starken Frauen.

Katharina Warken singt und spielt die Titelpartie mit höchster Hingabe, ihr Lied an den Mond reicht tatsächlich bis an das Gestirn hinan. Gerlind Schröder rechtfertigt die dramaturgisch plausible Doppel-Besetzung als Jezibaba und fremde Fürstin im Wechsel zwischen dämonischen und hoheitsvollen Auftritten. Und auch die drei Elfen (Marie Friederike Schöder, Bettina Pierags, Steffi Gehrke) tragen zum exzellenten Gesamteindruck des Frauen-Ensembles bei.

Behutsame Moderne

Dass Gijs Nijkamp als Wassermann nicht jene Urgewalten entfesselt, die man von ihm erwartet, liegt an seiner eher lyrischen Disposition. In seiner kultivierten Haltung aber trifft er sich mit Ünüsan Kuloglus Prinz - und mit dem Orchester, das Johannes Rieger bis an die Grenzen des Leistbaren auslotet. Sie alle wurden gefeiert für diesen Abend, der eine alte Geschichte behutsam vergegenwärtigt, ohne dem Märchen seinen fernen, raunenden Ton zu rauben.

Pressestimme: Rusalkas Sehnsucht nach Menschenseligkeit

Volksstimme Magdeburg, 4.12.2007

Von Liane Bornholdt

Halberstadt. Die Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe war und ist immer Märchen, und ihre künstlerischen Gestalten sind Legion. Die kleine Meerjungfrau/Undine/Rusalka ist die bekannteste von ihnen, und ihre tragisch-märchenhafte Geschichte hat alle Generationen berührt. In Dvoraks lyrischer Oper „Rusalka“ findet der vollkommene Geist der Romantik den vielleicht schönsten Ausdruck.

Intendant André Bücker inszenierte das Märchenspiel als szenisches Konzert am Nordharzer Städtebundtheater. Mit dieser Idee hat er etwas getroffen, was zu dieser Oper sehr gut passt: Das Orchester, d. h. die Musik, steht als wichtigster Akteur auf der Bühne. MD Johannes Rieger hat mit den Musikern ganze Geschichte richtig erzählt, hat den silbrigen Waldsee geschrieben, die zauberhaften Wasserelfen und Rusalkas schwärmerische Sehnsucht nach Menschenseligkeit und Licht.

Nur abgetrennt durch eine halbtransparente Projektionswand ist es vor allem die Musik, die jeder Regung, jedem gesungenen Wort ihre lyrisch-märchenhafte Wahrhaftigkeit gibt. Vielmehr braucht es eigentlich nicht, aber doch, es gab mehr. Auf der Videowand hat Malte Kreutzfeld Natur- und Großstadtlandschaften aufeinander treffen lassen, die schon immer die Tragik der Geschichte zeigten. Es gab keine Brücke zwischen ihnen, Mondzauber und Wasserwelt dort und hier Hochhauskulissen und Klärwerksgeschäume. Doch, es gab schon eine Brücke, auf einer anderen Sinnebene. Mit einem bronzenen Neptun und einigen Sequenzen aus dem Disney-Film von der Kleinen Meerjungfrau zeigte sie die Sehnsucht von uns Menschen nach der romantischen Welt.

Vor diesen bildlichen Assoziationen hat André Bücker das Sängerensemble richtig kostümiert spielen lassen. Die Elfen Marie Friederike Schröder, Bettina Pierags und Steffi Gehrke mit schönem Ensemblegesang und in glitzerblauen Kostümen (Ausstattung: Alrune Sera) und der Wassermann, Gijs Nijkamp, als bekrönter König sind ganz Märchenfiguren. Gijs Nijkamp allerdings überzeugte stimmlich nicht immer, neben einigen sehr schönen Passagen fehlte es mitunter an lyrischem Glanz. Eigentümlich die Figur des Prinzen. Ünüsan Kuloglu gehört stimmlich vielmehr ins italienische Heldenfach als ins lyrische. In den hohen Lagen gelingen ihm keine zarten Töne mehr. Aber auch die Regie hat ihm einen Stil zugewiesen, mit dem man weder Rusalkas hoffnungsvolle Liebe zu ihm, noch seine leicht zu verführende Unsicherheit und schließlich überhaupt nicht Scham und Reue nachvollziehen konnte. Dieser Prinz wirkt leicht affektiert, greift sich seine zauberhaft schweigsame Braut und wirft sie nach Machoart auf den Tisch, um sich gleich darauf der fremden Dame zuzuwenden, die in ihm alles Jämmerliche zu Tage fördert. Schließlich erklagt er Rusalkas Todesstoß, der hier auch ein schnöder Dolchstoß und kein Kuss ist. Um diesen Menschensohn hätte sich kein Opfer gelohnt.

Das eigentliche Drama entfaltet sich zwischen Rusalka und der Hexe Jezibaba, die auch gleichzeitig die Fremde Fürstin ist. Die beiden, Katharina Warken und Gerlind Schröder, singen wunderbar, anrührend wie auch dramatisch überzeugend. Wunderbar die Wärme und Leichtigkeit, mit der Rusalkas berühmtes Lied an den Mond erklingt, ausgezeichnet auch die Dämonie der Hexendame.

Ein wenig widersprüchlich der Gesamteindruck der Aufführung, nicht nur wegen der unterschiedlichen sängerischen Leistungen, mehr noch, weil das Spielkonzept die Assoziationsweite, die aus Dvoraks Musik und den Visualisierungen hervorleuchtet, ohne Not einengt, aber nicht immer konsequent ist. Etwas unentschieden schwankt die Regie zwischen dem romantischen Märchen, einem kritischen Blick auf Natur-Zivilisations-Zusammenprall und schließlich einer zeitlos-tragischen Untreuegeschichte. Dennoch ist es eine so schöne Oper und so schön musiziert, dass sich jeder Besuch lohnen muss.