Spielzeit
2019/20

A R C H I V
Text: Alexander Kluge (Folge 2 von 4) – Sein Mitarbeiter Dr. Thomas Combrink berichtet

Dr. Thomas Combrink, Mitarbeiter im literarischen Bereich bei Alexander Kluge, wird bei „Text:“ in der Alten Kantine zu Gast und im Gespräch mit dem Schauspieldramaturgen Sebastian Fust sein.

Es ist der erst zweite Besuch von Dr. Combrink in Halberstadt, einer Stadt, die ihm aus den Texten von Alexander Kluge sehr vertraut ist. Stellt sich also die Frage: Wie viel Deckung hat die Stadt noch mit ihrem literarischen Pendant? Was ist authentisch, was ist vergangen, was schwingt nur noch in der Erinnerung nach? Und welches Leben erzeugt Literatur?

Und überhaupt: Wer ist dieser Alexander Kluge und was ist dieses Halberstadt?

Viele Halberstädter meldeten sich auf den Aufruf in der Volksstimme hin beim Theater und stellten ihre privaten 8-mm Schmalfilme zur Verfügung. Ein Teil dieser wird nun im Rahmen der Reihe „Text“ gezeigt und mit Texten von Alexander Kluge kombiniert werden.

Folgenden Personen möchten wir besonders für die zur Verfügungstellung von 8-mm Schmalfilm danken:

Frau Haberkorn, Halberstadt
Herrn Handrick, Halberstadt
Herrn Kruse, Harsleben
Frau von Rauchhaupt, Halberstadt
Herrn Röwer, Halberstadt

7. Februar, 19:30 Uhr, Alte Kantine Halberstadt, Zugang über die Kammerbühne, Eintritt: 5.- Euro

Leitung: Sebastian Fust


Ein kluger Abend zu Alexander Kluge

Die Alte Kantine des Nordharzer Städtebundtheaters war überfüllt bei der Februar-“Text:”-Veranstaltung am Donnerstag. Das Interesse galt dem Werk des am 14. Februar 1932 in Halberstadt geborenen Alexander Kluge, einem der wichtigsten Filmemacher, Theoretiker des Neuen Deutschen Films, Fernsehproduzenten, Erzähler und Essayisten Deutschlands. Der Literaturwissenschaftler Dr. Thomas Combrink (Bielefeld), ein enger Mitarbeiter Kluges, trat in Dialog mit dem Dramaturgen Sebastian Fust und der lesenden Schauspielerin Theresa Zschernig.

Ostern 1946 bereits verließ Kluge die Heimatstadt, in der sein Vater Arzt, Geburtshelfer und Theatermediziner war, und ging nach Berlin-Charlottenburg zu seiner Mutter. Beide Städte waren in der Jugend seine Metropolen. Doch Halberstadt blieb ihm eine Sehnsuchtslandschaft als “Gelände, das in mein Innerstes eingewandert ist.” Konkret und als Metapher. […]

Dazu zeigte Sebastian Fust die digitalisierten Schmalfilme alter Halberstädter. Lebensgeschichten auch hier. Die körnigen Schwarz-Weiß-Bilder von der Sprengung der Paulskirchen-Ruine 1970 und die Erzählung über die letzten Tage von Kluges Vater “Jahrgang 1892” trafen zusammen. Sehr nachdenklich verließen die Besucher das Theater. Im wahrsten Wortsinn eine kluge Veranstaltung. […]

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Hans Walter / Volksstimme


«Es geht ihm um Wirklichkeit»

Das Tippen ist ihm fremd. Alexander Kluge schreibt alle seine Texte mit der Hand. Anschließend diktiert der fast 81-Jährige, der am Donnerstag Geburtstag feiert, seine geistigen Ergüsse. Meist per Telefon. Immer seinem Mitarbeiter Thomas Combrink. Der 36-Jährige war so seit 2009 an der Entstehung aller Schriften des Autors beteiligt. Diese enge Arbeitsbeziehung mit dem in Halberstadt geborenen bedeutenden deutschen Schriftsteller, Filmemacher und Fernsehproduzenten macht Combrink zu einem prädestinierten Gast in der Reihe “Text” des Nordharzer Städtebundtheaters. Denn die ambitionierte Veranstaltungsreihe für neue Dramatik, die 2011 initiiert wurde, widmet sich derzeit in Form von szenischen Lesungen und Gesprächen dem Schaffen Kluges.

Der promovierte Literaturwissenschaftler Combrink bestritt gemeinsam mit dem Dramaturgen Sebastian Fust den zweiten Abend des “Alexander Kluge”-Schwerpunkts am vergangenen Donnerstag im Halberstädter Theater. Die Schauspielerin Teresa Zschernig las zudem Kluge-Geschichten aus Halberstadt während Amateurfilme aus den 30er bis 90er Jahren liefen. Bis auf den letzten Platz war die kleine, alte Theaterkantine gefüllt. […]

Das man sich einem solchen schwer fassbaren Künstler trotzdem in anderthalb Stunden nähern kann, zeigte das Gespräch mit seinem Mitarbeiter. Es zeigte aber auch, wie man den Literaten Kluge, dessen häufig sehr kurze Geschichten mit ihrer Detailfülle und dem unaufgeregten Erzählton wie Sachtexte daher kommen, als Historiker missverstehen kann. “Man verwechselt seine Texte häufig mit Realität”, sagt der in Bielefeld lebende Combrink. Das Spiel mit Fakt und Fiktion sei sehr wichtig bei Kluge, in dessen Kopf zwei Ereignisse untrennbar miteinander verbunden seien: die Scheidung seiner Eltern 1943 und der Luftangriff auf Halberstadt 1945. Kluge verwendet häufig reale Namen und Bilder in anderen Kontexten. Das ruft natürlich Lokalhistoriker wie den Halberstädter Werner Hartmann auf den Plan, der seit Jahren Kluge vorwirft, so Geschichte zu verfälschen. Dabei ist Kluge ein Literat, der sich für Realität interessiert, und kein Historiker. “Es geht ihm um Wirklichkeit”, sagt Combrink, der seinen Chef 2004 als er noch Student war kennenlernte, mit Nachdruck. Aber er wolle diese nicht in Nachrichtenform bringen. Kluge, der sich selbst eher als Produzent denn als Künstler sieht, sei zudem der Überzeugung, das Originalität etwas ist, was man von außen nimmt. […]

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Maria Böhme / Mitteldeutsche Zeitung