Spielzeit
2019/20

A R C H I V
Warten auf Godot von Samuel Beckett

Einmalige Lesung
mit
Oberbürgermeister Andreas Henke (Halberstadt)
Oberbürgermeister Dr. Eberhard Brecht (Quedlinburg)
und
MD Johannes Rieger (dem Intendant unseres Hauses)

sowie den Schauspielern:
Susanne Rösch, Arnold Hofheinz und Benedikt Florian Schörnig


Für diesen Abend ist es uns gelungen, die Oberbürgermeister der Städte Quedlinburg und Halberstadt, Herrn Dr. Eberhard Brecht und Herrn Andreas Henke, als „Schauspieler“ für eine einmalige Lesung (in Form einer offenen Probe) von Samuel Becketts „Warten auf Godot“ zu gewinnen. Herr Dr. Brecht wird die Rolle des ESTRAGON übernehmen und Herr Henke die Rolle des WLADIMIR. Unser Intendant MD Johannes Rieger wird in die Rolle des LUCKY schlüpfen.

Gerade diese Besetzung ist in unserer schwierigen finanziellen Lage ein starkes Zeichen nach außen!

...und noch heißt es warten, warten, warten, wie es weitergeht. Finanziell.

Aber wie das auch immer mit dem Warten sein mag, wir warten nicht, sondern wir handeln. Wir spielen um unser Überleben – und kämpfen spielend um unser Überleben. Wir machen das, was wir am besten können: Uns mit unserer Kunst verteidigen! Eine neue Perspektive auf die Welt und die Wirklichkeit zu gewinnen, zu ermöglichen, auch wenn es in diesem Fall um uns geht, nur so beweisen wir aus uns selbst heraus unsere Relevanz, ein gesellschaftliches Abbild zu zeigen, uns allen den Spiegel vorzuhalten.

Deswegen sind wir UNVERZICHTBAR

Eintritt: 5 Euro

ACHTUNG! Nur 30 Sitzplätze!

Pressestimmen:

Dorgerlohs Schatten

Absurdes Theater in einer skurrilen Situation: Mit selbst gefalteten Papierhüten auf dem Kopf sitzen die Oberbürgermeister von Halberstadt und Quedlinburg, Andreas Henke und Eberhard Brecht, am Donnerstagabend in der Alten Kantine des Nordharzer Städtebundtheaters in Halberstadt. Sie halten Textbücher in der Hand und lesen mit Schauspielern des Theaters "Warten auf Godot" von Samuel Beckett. Der Linke und der Sozialdemokrat treten als die Landstreicher Wladimir und Estragon auf, die sich die Zeit mit seltsamen Dialogen und Selbstmordgedanken vertreiben.
Becketts Theaterstück ist der Halberstädter Bühne für diesen einen Abend mit einer gekürzten Fassung des ersten Aktes vom Inhaber der Aufführungsrechte, dem S. Fischer Verlag, kostenlos überlassen worden - was das Haus in seiner desaströsen finanziellen Situation besonders freut. Und es bekommt als Teil der Veranstaltungsreihe "Text:!" noch eine pikante Note, denn immerhin agieren mit den Oberbürgermeistern zwei Repräsentanten der Rechtsträger des Theaters. Der Halberstädter Stadtrat hatte beschlossen, im Rahmen der Haushaltskonsolidierung die Theaterzuschüsse für 2013 um 600 000 Euro zu kürzen - und darf jetzt nach der gerade vom Land angekündigten Verlängerung der Theaterförderverträge zurückrudern. Vor diesem Hintergrund haben Henke - zugleich Geschäftsführer des Theaterzweckverbandes - und Brecht sichtlich Spaß daran, dass das Warten auf Godot satirisch ins wahre Leben übertragen wird: Niemand im Publikum ist davor gefeit, im ständig erwähnten, aber niemals erscheinenden Godot Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh zu sehen. "Er hat nicht fest zugesagt, dass er kommt", sagt Henke als Wladimir ironisch, "er könne nichts versprechen, er müsse erst einmal nachdenken." Woraufhin Brecht als Estragon mit Verve lamentiert: "Was ist unsere Rolle? Bittsteller! So weit ist es gekommen. Haben wir keine Rechte mehr?"
Alle nehmen sich an diesem ausgesprochen amüsanten Abend selbst auf die Schippe, auch der Intendant des Hauses, Johannes Rieger. Er hat seinem Schauspieldramaturgen Sebastian Fust nicht widersprochen, die Rolle des Dieners Lucky zu übernehmen. "Der Intendant soll erst tanzen - und dann denken", erklärt Fust zum Wesen des geschundenen Lakaien, was in der aktuellen Situation des Hauses gehörig sarkastisch wirkt.
Doch anders geht es nicht im Nordharz, wo man mit Spannung auf den Kulturkonvent des Landes blickt und sich auf Arbeitsgespräche mit dem Kultusministerium zur Zukunft des Städtebundtheaters vorbereitet: Anfang März schickt Dorgerloh seine Abteilungsleiter nach Halberstadt.
Dort zeigt man sich selbstbewusst: "Wir sind hier in der Region das einzige Drei-Sparten-Theater. Und das wird genau so gebraucht wie die Theater in Halle oder Magdeburg", sagt der Oberbürgermeister Henke. "Wir sind ein Landestheater", betont er, "wir tragen das nur nicht im Namen." Sein Quedlinburger Amtskollege Brecht ergänzt, dass das Haus bei einer möglichen Kooperation mit der Landesbühne Eisleben "den regionalen Anspruch noch stärker wahrnehmen" könnte. Gespräche dazu laufen bereits.
Das Nordharzer Städtebundtheater spielt derweil um sein Leben, wie Fust sagt. "Nur so beweisen wir aus uns selbst heraus unsere Relevanz, ein gesellschaftliches Abbild zu zeigen, uns allen den Spiegel vorzuhalten." Der war am Donnerstag wohl besonders blank geputzt. Am Ende stand die Frage nach einer Fortsetzung, in der die Oberbürgermeister auch den zweiten Akt des Stückes lesen. Henke gab sich vorsichtig: "Dann kommt vielleicht noch jemand auf die Idee zu sagen, Theater ist verzichtbar, die beiden können's ja auch."

Rita Kunze / Mitteldeutsche Zeitung


Theater ist und bleibt unverzichtbar in der Harzregion

"Warten auf Godot" des Iren Samuel Beckett, 1953 uraufgeführt, stand in der "Text"-Reihe am Donnerstag in der "Alten Kantine" des Nordharzer Städtebundtheaters für die einmalige Lesung auf dem Spielplan. Der S. Fischer-Verlag spendierte die Aufführungsrechte tantiemenfrei - sonst hätte man das Projekt des Dramaturgen Sebastian Fust gar nicht realisieren können.
Das Besondere, Erregende an diesem wohl bekanntesten Text des absurden Theaters? Er wurde von Quedlinburgs und Halberstadts Oberbürgermeistern und dem Intendanten vorgestellt. Eberhard Brecht las den Estragon, Andreas Henke den Wladimir mit sprachlicher und gestischer Gestaltungskraft. "Was ist unsere Rolle?" "Bittsteller!" war die wohl einzige Passage, die nicht von Beckett stammt. Oder doch? Als wie ein Hund leidender Lucky agierte Intendant Johannes Rieger, dressiert von einem roh-kalten Pozzo (Benedikt Florian Schörnig), assistiert von den Schauspielern Susanne Rösch und Arnold Hofheinz. 
Beckett lässt seine Protagonisten Estragon und Wladimir auf einen Herrn Godot warten, der gar nicht kommt. Sie haben nichts außer unendlich viel Zeit. Sie vertreiben sie mit absurden Spielerchen und Ritualen. Sie warten ja auf Godot. Wer aber oder was soll das sein? Gott - englisch "god" - vielleicht? Oder Kultusminister Dorgerloh mit dem Geldtopf der Landesregierung Sachsen-Anhalts zur Rettung des Theaters vielleicht? Alles bleibt offen. Brecht - aber jetzt der mit Vornamen Bertolt - empfahl einst, das Stück mit einer Projektionswand im Hintergrund zu spielen, zeigend den Aufbau Chinas, um den Text zu konterkarieren. Jetzt stimmte es ja wieder! China boomt und hat das, was Henke und Brecht (Eberhard) in ihren Kommunen so dringend fehlt: Wirtschafts- und Finanzkraft auch für eine blühende Kultur-Landschaft!
Angesichts des Riesenerfolgs der Lesung meinte Andreas Henke: "Hoffentlich kommt niemand auf die Idee zu sagen, Theater sei doch verzichtbar. Die Bürgermeister könnten es schließlich auch noch übernehmen!"  Einig waren sich alle Mitwirkenden in ihrem Engagement für "Warten auf Godot" wie für die Geschicke des Städtebundtheaters mit den zahlreich erschienenen Zuschauern: Theater ist und bleibt unverzichtbar in der Nordharzregion! Es war eine Verteidigung der Kunst mit Kunst! Die überraschenden Finanzzuweisungen des Zweckverbandes für 2013 sind ein Silberstreif am Horizont, wie Intendant Rieger weiß - nicht mehr und nicht weniger.

Hans Walter / Volksstimme