Spielzeit
2018/19

A R C H I V
Text: Wuppertal z. B.

Eine Textmontage von Sebastian Fust

Über die Kürzung der Fördermittel des Wuppertaler Theaters. Und des Staatstheaters Schwerin. Des Staatstheaters Cottbus. Des Volkstheaters Rostock. Eine Textmontage aus Zeitungsartikeln, Interviews und Internetuser-Kommentaren. Ein dokumentarisch-dialogischer Abriss von Kürzungen. Eines Widerstands. Einer Geschichte. Eines Resultats. Eine Spiegelung der hiesigen Situation. Ein Vexierspiegel. Eine Zumutung. Aus aktuellem Anlass. Aus der Not heraus. Über uns. Über Sie. Über Ihr Theater. Über die Bande gespielt. Eine szenische Lesung.



...und dass sich der Besuch unserer neuen Veranstaltungsreihe lohnt, bewies nicht nur das restlos begeisterte Publikum, im restlos ausverkauften neuen Veranstaltungsraum bei unserem restlos ersten „Text:“-Abend im November, sondern auch die Presse war restlos positiv gestimmt, um nicht zu sagen: restlos motiviert, über unsere momentan restlos desaströse Haushaltssituation zu berichten!
 

nachtkritik.de schrieb im Rahmen ihrer Rezension zu „Geschlossene Gesellschaft“ über unsere neue „Text:“-Reihe und stellte die Textfassung „Wuppertal z. B.“ online und verlinkte zusätzlich noch auf unseren Lesungsausschnitt, den Du hier auch selbst angucken kannst:


Pressestimmen

Die Apokalypse im Land der Dichter und Denker
Städtebundtheater. Die neue Reihe „Text:“ feiert Premiere. Ihr Blick auf die Theaterlandschaft im Westen und Nordosten erinnert an heimische Probleme.
Halberstadt/MZ – Der Humor ist so schwarz wie die auf die Spitze getriebenen Aussichten: Die Großen Häuser des Nordharzer Städtebundtheaters in Halberstadt und Quedlinburg werden in ein paar Jahren Sonntags-Suppenküchen mit öffentlichen Vorführungen kitschiger Filme sein. Mit drastischen Bildern und einer gehörigen Portion Sarkasmus begegnet die Premiere der neuen Lesereihe „Text:“ am Städtebundtheater der Lage der Kulturnation.
Im Land der Dichter und Denker droht die kulturelle Landschaft zu veröden. Die Botschaft ist nicht neu, aber in der Alten Kantine des Halberstädter Theaters wurde aus aktuellem Anlass am Donnerstag noch einmal daran erinnert. Vor dem Hintergrund der katastrophalen Finanzsituation des Hauses und seiner kommunalen Träger blickte die knapp einstündige Lesung in den Westen und Nordosten der Republik. Ihr Fazit: In Wuppertal, Schwerin und Rostock geht es nicht viel anders zu als im Nordharz. Und so endet die Premiere mit den berühmten „Nachtgedanken“ von Heinrich Heine: „Denk’ ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht...“
Sebastian Fust, seit kurzem Dramaturg am Städtebundtheater, hat für diese Auftaktveranstaltung Nachrichten zusammengetragen, mit eigenen Gedanken verknüpft und eine szenische Lesung daraus gemacht. Die Schauspieler Julia Siebenschuh, Markus Manig und Benedikt Florian Schörnig liehen seinem unüberhörbaren Aufruf gegen die geistige Verarmung ihre Stimmen. Die von ihnen vorgetragenen Meldungen aus der überregionalen und regionalen Presse, aus Internet-Blogs und Rundfunknachrichten mündeten stets in dem gleichen Punkt: Alle wollen das Theater erklärtermaßen erhalten, aber keiner sagt, wie das denn geschehen soll.
Ein unbekannt gebliebener Politiker fühlt sich, als „Kulturbanause“ betitelt, persönlich angegriffen. Er gibt den schwarzen Peter gerne weiter: Jeder müsse seine Hausaufgaben machen – auch die Theater selbst. Sollen die doch sagen, wo gekürzt, gespart und amputiert werden soll.
Da ist die Rede von „Strukturbereinigung“, von der Zusammenlegung von Theatern und Orchestern, von neuen Haustarifverträgen. „Rettungsschirme“ werden aufgespannt, „wichtige Signale“ ausgesandt und „Schulterschluss“ gezeigt, ohne je wirklich konkret zu sein. Irgendwie sollen benachbarte Theater miteinander fusionieren, gegeneinander in Konkurrenz treten und ihre Eintrittspreise erhöhen, um mehr Einnahmen zu erzielen.
Fust sieht in seiner szenischen Lesung die kulturelle Apokalypse herannahen und lässt die biblischen Posaunen erschallen, mit denen das Ende der Welt verkündet wird. In Abwandlung geht bei Fust mit der fünften Posaue die Frage einher, wie viel Kultur wir uns lesiten wollen. Die sechste fragt, wie viel Kultur wir uns leisten können und die siebte schließlich, was Kultur überhaupt ist: „Braucht jedes Kaff ein Theater?“ Diese Frage wird in den Raum gestellt. Die anonyme Antwort folgt gleich hinterher: „Dann muss man eben etwas weiter fahren, wir fördern ja schon die Laienchöre, und die sind gar nicht mal so schlecht.“

Rita Kunze / MZ


Realsatire mit Original-Meldungen
Das Nordharzer Städtebundtheater hat seit Donnerstag eine neue Spielstätte: Die "Alte Kantine", ein aus eigener Kraft für 30 Personen geschaffener Spielraum für szenische Lesungen. Der junge Schauspieldramaturg Sebastian Fust hatte die Idee für die monatlich geplante Reihe. Er nutzte sie, um einzugreifen in die aktuelle Diskussion um die Zukunft des Städtebundtheaters. Mit der Textcollage "Wuppertal zum Beispiel" wollte er auf die Situation des Hauses aufmerksam machen und nicht wie das Kaninchen vor der Schlange erstarren.
Fust untersuchte anhand von Original-Meldungen aus regionalen und überregionalen Medien im Print- und elektronischen Bereich die Anatomie des Theatersterbens. Die Schauspieler Julia Siebenschuh, Markus Manig und Benedikt Florian Schörnig trugen sie vor.
Kürzung der Zuschüsse für die Kultur, Abwicklung einzelner Sparten, Kürzung der Gehälter bis hin zu neuer Fusionierung oder Theaterschließung - das Szenario ist überall immer gleich: Die Intendanz wird von der Politik gezwungen, selbst die Streichungs- und Kürzungs"arien" zu singen. Das Ergebnis ist Realsatire: Die Argumente der Politiker sind gleich! Es gibt keine weit aufgespannten Rettungs-"Schirme" wie für Griechenland oder Portugal oder Spanien. Zeitungsartikel, Interviews und Internet-Kommentare machen deutlich, dass Theater immer auf Zuschüsse angewiesen sein wird. Oder sterben wird. In Halberstadt nach 200 Jahren Geschichte, nachdem es durch alle Kriege und Notzeiten gerettet wurde. Armes Deutschland anno 2011.
Fust beleuchtet die Rolle der Politiker wie die Lage der Theatermacher. Er entwickelt sogar Verständnis für die Zwänge der Politik - und endet düster mit Heines "Nachtgedanken". Da wird vermutlich kein Weib kommen, schön wie der Morgen, um die deutschen Sorgen fortzulächeln.

Hans Walter / Volksstimme