Spielzeit
2019/20

A R C H I V
Text: Unverzichtbar? Ein Spieleabend.

Am 26. Januar 2012 um 19.30 Uhr in der „Alten Kantine“ in Halberstadt.

… wir können uns nur mit unserer Kunst verteidigen – und in diesem Fall mit der Kunst des Spiels. Des ersten Theatersubventionskürzungsbrettspiels Deutschlands! Ach was, der Welt!

Wir erweitern also für unsere nächste Veranstaltung den Textbegriff. Um weiterhin – und dieses mal so spielerisch und interaktiv als möglich – auf unsere desaströse Haushaltsituation hinzuweisen. Denn „Unverzichtbar?“ spielt nicht nur mit dem Motto unserer Spielzeit, sondern lässt dich unsere Situation selbst spielbar erfahrbar werden!

Das Spiel ist für maximal vier Intendanten-Spieler. Und der Spielabend beginnt zunächst mit der Spielpräsentation, was ein exemplarisches Vorspielen mit einschließt. Hierzu haben wir vier relevante Persönlichkeiten aus den Bereichen Theater, Politik und Wirtschaft als prototypische Intendanten-Spieler eingeladen. (Wobei wir an dieser Stelle leider noch keine Namen nennen dürfen – aber das erhöht die Spannung!) Während der Spielpräsentation bist du, zunächst als Publikum, eingeladen, bei einem Getränk dem Spielverlauf und dem spielerischen Kampf um den Erhalt des Nordharzer Städtebundtheaters teilhaftig zu werden.
Im Anschluss hast du die Möglichkeit eines der Brettspiele zu erwerben, gleich vor Ort auszuprobieren und dein Glück im Theatererhalt in der Rolle des Intendanten zu versuchen!
Versuche dein Glück, versuche um Erhalt unseres Dreispartenhauses mit Würfeln zu kämpfen!

…und solltest du gewinnen, ja, das ist dann schon ein Triumph-Gläschen Sekt an de Bar wert…

MÖGE DIE THEATERRETTUNG GELINGEN UND DIE SEKTGLÄSER KLINGEN!

Leitung: Sebastian Fust



Unser besonderer Dank gilt den
DIAKONIE WERKSTÄTTEN HALBERSTADT gGmbH (gemeinnützige GmbH)
Anerkannte Werkstatt für behinderte Menschen
für die Herstellung der Spielfiguren und Spielverpackung.

...und dass sich der Besuch unserer neuen Reihe lohnt, bewies auch die zweite „Text:“-Veranstaltung: Zahlreich strömte das Publikum zur Spielpräsentation „Unverzichtbar? Das heitere Subventionskürzungsspiel mit Niveau!“ von Ralph Wollner, Lukas und Sebastian Fust. Es, also du – und ihr als heterogene Summe, als Publikum – strömte(st), sodass die Auslastung durch verkaufte Karten tatsächlich, sage und schreibe, bei 113,33 Prozent lag. Aber, dass das Publikum strömt, heißt nicht, dass es auch einen guten Abend erlebte. Aber es war natürlich ein guter Abend! Wohin man schaute blickte man im Anschluss in strahlende Gesichter. Und, dass uns die Druckerei im Stich gelassen und die fest versprochen Präsentationsbrettspiele (nebst denen für den geplanten Verkauf!) nicht geliefert hat, tat dem Ganzen keinen Abbruch –

DENN WIR SIND ES AM (NORDHARZER STÄDTEBUND-)THEATER GEWOHNT ZU IMPROVISIEREN!

Wie sagt man? „The Show must go on!“ Egal wie, egal unter welchen Bedingungen. Da haben Leute bezahlt. Sie erwarten etwas von uns. Von ihrem Theater im Harz. Und wir liefern. Liefern kannst du aber nur, wenn du hervorragende Schauspieler hast. In diesem und unserem Fall:

Illi Oehlmann, Susanne Rösch, Markus Manig und Benedikt Florian Schörnig.

Sie haben aus dem NICHTS eine Show gezaubert. Weil sie es können. Weil sie es wollen. Weil wir in der Not zusammenstehen. (Das hätten Julia Siebenschuh, Arnold Hofheinz und Jörg Vogel auch leisten können. Aber sie konnten es sich nicht leisten, weil es sich unser Haus nicht leisten kann, eine Generalprobe platzen zu lassen, denn: „The Show must go on“!)

ABER: STELL DIR VOR, DU MÜSSTEST EINEN NEUWAGEN PRÄSENTIEREN, UND DAS AUTO IST NICHT DA …

Wer aber da war, und wer sich bereit erklärt hat, als prototypische Intendanten-Spieler zur Verfügung zu stehen, das waren:

Ute Gabriel-Betzle, ehemalige Bürgermeisterin und Kämmerin der Stadt Halberstadt.
Dirk Heinze, vom kulturmanagement.net – der von Weimar den Weg in den Harz auf sich nahm.
Professor Dr. Rainer O. Neugebauer, Gründungsdekan des Fachbereichs Verwaltungswissenschaften an der Hochschule Harz in Halberstadt und Mitglied des Stadtrats Halberstadt für das FORUM.
MD Johannes Rieger, unser Intendant.

Und sie schlugen sich wacker. Taten alles ihnen Mögliche, um unser Haus mit Würfeln zu retten …

… aber die eine oder andere Sparte musste geschlossen werden. Und auch das Niveau des Publikums sank – in Form seiner Anspruchshaltung. Aber natürlich nur im Spiel. Auf dem Spielbrett.


Pressestimmen

«Irgendwas ist immer»

VON RITA KUNZE / MITTELDEUTSCHE ZEITUNG

Darf man lachen, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht? Man muss, das zeigt das Nordharzer Städtebundtheater. Gerade jetzt, da es von massiven finanziellen Kürzungen betroffen ist, macht es ein Spiel aus seiner desaströsen Lage, und das im besten Sinne: "Unverzichtbar! Das heitere Subventionskürzungsspiel mit Niveau", vorgestellt am Donnerstagabend im Halberstädter Theater, entpuppt sich als launige Abendunterhaltung fürs engagierte Bildungsbürgertum.
Das Strategiespiel, vom Schauspieldramaturgen Sebastian Fust, dessen Bruder Lukas und dem Spieleentwickler Ralph Wollner entwickelt, lässt sich vom Nordharz auf andere Regionen übertragen. Das Spiel sei eine Metapher für die gesamte deutsche Theaterlandschaft, meint die Halberstädter Chefdramaturgin Susanne Range. "Es gibt die Möglichkeit, das Konzept zu übernehmen", bietet Fust den Kollegen im Lande an.
"Unverzichtbar!" erscheint als eine Art Kultur-Monopoly. Zwei bis vier Mitspieler dürfen sich als Intendanten versuchen; ihr Handeln wird durch Vorgaben auf Spielkarten bestimmt. Ziel ist es, alle drei Sparten - Musiktheater, Ballett und Schauspiel - zu retten und das Niveau möglichst hoch zu halten. Wobei der Spieler keinen Einfluss auf die Ansprüche des Publikums hat. Diese Unwägbarkeit wird durch eine Spielkarte gesetzt.
Der Halberstädter Hochschulprofessor Rainer O. Neugebauer musste zur Premiere als einziger Spieler auf dem untersten Level agieren, hatte aber am Ende die höchste Punktzahl. Was die ehemalige Halberstädter Bürgermeisterin Ute Gabriel-Betzle im Spielverlauf zu der ironisch gemeinten Erkenntnis brachte: "Je niedriger das Niveau, umso so leichter kann man drei Sparten erhalten." Intendant Johannes Rieger mochte ihr da Recht geben, denn er bewegte sich zwar auf höchstem Niveau, hatte aber am Ende nicht nur sein Ballettensemble, sondern auch das Spiel verloren. Der Weimarer Kulturmanager Dirk Heinze, der als Sänger im Kammerchor Michaelstein einen engen Bezug zur Harzregion hat, hatte null Punkte und Pech. Sein ironischer Kommentar: "Das ist wie bei den Stadtwerken: Grundversorgung."
In zehn Spielrunden müssen sich die "Intendanten" mit den Tücken des Theaterbetriebs, vor allem aber mit chronischem Geldmangel herumschlagen Die Spieleentwickler machen keinen Hehl daraus, in welcher Höhe die Städte Halberstadt und Quedlinburg sowie der Landkreis Harz als Träger des Städtebundtheaters ihre Zuschüsse gekürzt haben und - düstere Prognose - weiter kürzen werden. Das gilt auch für das Land Sachsen-Anhalt.
Das Thema taucht in den insgesamt 80 Spielkarten immer wieder auf. Fust und seine Mitstreiter beweisen Phantasie, denn die gleichen Kürzungen werden variantenreich begründet. Das polyphone Streichkonzert wird zum Running Gag, der in einem kurzen Satz gipfelt: "Irgendwas ist immer", steht auf jenem verhängnisvollen Blättchen, das das Niveau von Ballett, Schauspiel und Musiktheater um einige Punkte abzusenken vermag. Doch mit etwas Würfelglück und strategischem Geschick kann das Blatt wieder gewendet werden. Welchen Unwägbarkeiten das Theater darüber hinaus ausgesetzt ist, erlebten die Spieler am eigenen Leib: Die Quedlinburger Druckerei hatte die bestellten Spielbretter und -karten nicht geliefert. Die Schauspieler Illi Oehlmann, Susanne Rösch, Markus Manig und Benedikt Florian Schörnig improvisierten als Vorleser - was sich im Nachhinein als großer Gewinn herausstellte, kam doch das Publikum in den zusätzlichen Genuss einer kleinen Satireshow.


Intermezzo mit Selbst-Ermutigung im "Großen Haus"

VON HANS WALTER / VOLKSSTIMME

Die neue Reihe "Texte" des Nordharzer Städtebundtheaters wird zunehmend zum Indikator der Befindlichkeit des Publikums und der rund 170 Beschäftigten des in der Existenz bedrohten Hauses. Am Donnerstag wurde den fast 50 Besuchern in der Alten Kantine das eigens entwickelte Strategiespiel "Unverzichtbar? Das heitere Subventionskürzungsspiel mit Niveau" vorgestellt. Ein ironisches Intermezzo mit Selbst-Ermutigungen. Oder Tanz auf dem Vulkan?
Vier "Intendanten" mussten sich um die drei Sparten Musiktheater, Ballett und Schauspiel zwischen Mittelkürzung, individuellen Rückschlägen, Premierendruck, Publikumserwartung, Würfelglück und dem unwiderruflichen Spartenabsturz auf dem "Kulturfriedhof" verdient machen. Dabei spielten sowohl der "richtige" Intendant Johannes Rieger als auch prominente Halberstädter Kunstaktivisten wie der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Rainer Neugebauer mit. Ihnen assistierten vier der insgesamt sieben Schauspieler des Ensembles - der Rest probte für die aktuelle Premiere "Die unterbliebenen Worte".
Die "Texte"-Reihe wird wesentlich von dem jungen Schauspieldramaturgen Sebastian Fust initiiert, der mit Ralph Wollner und seinem Bruder Lukas das spannende, temporeiche Spiel entwickelte. Hergestellt wurde es von den Diakonie-Werkstätten Halberstadt; zu erwerben ist es an den Theaterkassen.