Spielzeit
2019/20

A R C H I V
Text: Alexander Kluge (Folge 2½ von 4) – Filmvorführung ABSCHIED VON GESTERN (1966)

28.2.2013 in der Stadtbibliothek Halberstadt

Anita G., Jüdin, ist von “drüben” in den Westen gekommen. Mit ihrem Koffer in der Hand lernt sie bei Begegnungen mit seltsamen Menschen ein seltsames Land kennen: die BRD des Jahres 1966. Der “Abschied von gestern”, den Alexander Kluges Spielfilmdebut formuliert, ist historisch keine leichte Sache, selbst wenn man an die “Stunde Null”, die “Gnade der späten Geburt” oder das “Wirtschaftswunder” glaubt. Anita G. aus der DDR, ist die Personifikation dieser verdrängten Vergangenheit, weshalb ihr die Voraussetzungen fehlen, sich erfolgreich in die bundesdeutsche Gesellschaft einzugliedern. Dass sie aneckt, ist nicht ihre Schuld. Wie sie aneckt, zeigt Abschied von gestern anhand fast schon dokumentarischer Szenen, die von einem souveränen Gespür für die grotesken Momente des Alltags zeugen.

Ein Klassiker des ‘Neuen Deutschen Films’, der in Erzählweise und Stil neue Wege einschlug. Bittere Abrechnung mit dem Wirtschaftswunder Bundesrepublik über ein Mädchen aus der DDR, das sich nicht anpassen kann.

BRD 1965/66. Produktion: Kairos-Film, München, in Zusammenarbeit mit Independent-Film, Berlin. Regie: Alexander Kluge. Buch: Alexander Kluge, nach seiner Erzählung » Anita G.« . Kamera: Edgar Reitz, Thomas Mauch. Schnitt: Beate Mainka. Ton: Hans-Jörg Wicha, Klaus Eckelt, Heinz Pusel. Darsteller: Alexandra Kluge, Günther Mack, Hans Korte, Alfred Edel u.a. Sprecher: Alexander Kluge. Prädikat: besonders wertvoll.

Format: 35 mm, schwarz-weiß, 88 Min.

Uraufführung: 5. 9. 1966, Venedig, Filmfestspiele.

NEU! „Text:“ findet mit dieser Filmvorführung zum ersten Mal nicht in den Räumlichkeiten des Nordharzer Städtebundtheaters statt, sondern wagt sich in die Stadt Halberstadt hinein.  Konkret: In den Gewölbekeller der Stadtbibliothek Halberstadt. Ermöglicht wird dies durch die Kooperation der „Text:“-Reihe des Nordharzer Städtebundtheaters mit dem Kulturbüro Halberstadt.
Der Besuch der Filmvorstellung ist gratis, aber sicher nicht umsonst; ergibt sich doch so die Möglichkeit, sich mit dem Filmemacher Alexander Kluge vertraut zu machen – oder zumindest eine erste Bekanntschaft zu schließen.
Für das Halberstädter Publikum ist es durchaus von zusätzlichem Reiz, dass Alexander Kluges Schwester, Alexandra Kluge, die Hauptrolle in diesem mit dem silbernen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig 1966 ausgezeichneten Film spielt.
Und auf jeden Fall ist es eine gute und günstige Vorbereitung für unsere nächste „Text:“-Veranstaltung am 6. März, um 19:30 Uhr, in der Alten Kantine in Halberstadt mit dem Titel Text: Alexander Kluge (Folge 3 von 4) – Der Filmwissenschaftler Christian Pischel (FU Berlin) berichtet bei der es explizit um den Filmemacher Alexander Kluge gehen wird.   Unser besonderer Dank gilt der Stadtbibliothek Halberstadt für das zur Verfügung stellen der Räumlichkeiten.
Bitte beachten Sie, dass nur 75 Sitzplätze für die Filmvorführung bereitstehen.  


Annäherung an das Werk eines berühmten Halberstädters

Die Reihe „Text:“ des Nordharzer Städtebundtheaters fokussiert an vier Abenden in dieser Spielzeit die künstlerischen Facetten von Alexander Kluge. In der dritten Veranstaltung steht der Filmemacher Alexander Kluge im Mittelpunkt. Im Vorfeld wurde im Bibliothekskeller der Stadtbibliothek dank der Vermittlung des Kulturbüros der Stadt der erste Langfilm Kluges „Abschied von gestern“ gezeigt. […]

„Abschied von gestern“ ist kein Film, nach dessen Ende der Zuschauer sich sofort dem Alltagsleben zuwenden kann. Das zeigte auch der rege Gedankenaustausch unter den Besuchern. Für Martje Hansen ist das Subjet immer noch aktuell, dass es einer jungen Frau nicht gelingt, Fuß zu fassen. Für sie, selbst in den alten Bundesländern aufgewachsen, ist der Film keine typische Ostgeschichte.

Ute Schiborra sah das Handeln der Protagonistin kritisch. Für sie beschreibt Anita G. Wege, die nicht real und nicht reell sind. Wie die inhaltliche Aussage über Kameraführung und Schnitt filmtechnisch umgesetzt wurde, beeindruckte Silke Schiemann. Mit Blick auf die nächste Gesprächsrunde über Alexander Kluge sagte Martje Hansen, dass „Abschied von gestern“ eine gut gewählte Einstimmung war und setzte damit den Schlusspunkt unter den anregenden Abend im Bibliothekskeller.

Renate Petrahn / Volksstimme