Was wird sein?
Spielzeit 2017/18

Viva la mamma!

Komische Oper nach Simeone Antonio Sografi, Musik von Gaetano Donizetti

Die komische Oper „Viva la mamma!“ klärt den Zuschauer auf heitere Weise über die Gepflogenheiten des Opernbetriebes auf. Da ist eine selbstverliebte Primadonna, die ständig versucht, dem Librettisten ihre Denkanstöße aufzudrängen, ein Tenor mit Sprachproblemen und eine zweite Sängerin, die der Meinung ist, ihr Talent käme in der Produktion nicht voll zur Entfaltung. Diese Meinung vertritt auch ihre robuste Mutter, die sich lauthals und mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln in die Opernproben einmischt und scharf mit dem Ehemann der Primadonna aneinander gerät. Donizetti karikiert hier in gewohnt beschwingter italienischer Art das Theatervolk. Das Publikum wird dabei eingeladen, einmal hinter die Kulissen zu blicken und sich von der leicht-spritzigen Musik Donizettis begeistern zu lassen. Dabei wartet die Inszenierung mit vielerlei Überraschungen auf, nicht zuletzt dadurch, dass die Mama vom Bass-Bariton Klaus-Uwe Rein gesungen wird.
Aufführungsdauer: ca. 2 Std.

Pressestimme: Schrill, aktuell und witzig

Volksstimme Halberstadt, 15.2.2011
Neun Minuten Applaus im Großen Haus Quedlinburg für „Viva Ia Mamma“ galten am Sonnabend dem Solistenensemble, dem Herrenchor und dem Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters, Regisseur Wolfgang Dosch, Kapellmeister Martin Hannus, Chordirektor Jan Rohzenal und der Ausstattetin Susanne Bachmann für ihre marode Antiken-Bühne.
Von Hans Walter
Quedlinburg. Sie produzierten Kunst und Premieren, was das Zeug hielt: der Österreichische Regisseur und Sänger Wollgang Dosch erst vor Weihnachen in Nordhausen eine gefeierte „Gräfin Mariza“, und die Nordharzer in nicht mal einer Woche ein Theaterfest in Quedlinburg für 1100 Besucher, das Schauspiel „Klamms Krieg“ und nun die Donizetti-Oper „Viva la Mamma - Bräuche und Missbräuche am Theater“. Erstaunlicherweise reicht die Kraft für alles! „Jedes Theater ist ein Irrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare“ hatte schon der Wiener Theaterintendant Franz von Dingelstedt (1814-1881) herausgefunden. Diese Sentenz gilt immer und überall, und am meisten wohl in und mit Gaetano Donizettis tolldreister Buffo-Oper „Viva la Mamma“. Die Zuschauer in Quedlinburg füllten das Rund nur zu knapp Dreiviertel der Plätze - Pech gehabt, wer sich selbst um das gewitzte Vergnügen brachte! Es kann allenfalls daran liegen, dass das Stück - obwohl am Gärtnerplatz in München, in der Semperoper Dresden, in Amsterdam, Essen, Krefeld, Mönchengladbach und anderswo zum Publikumsmagneten avanciert- erstaunlicherweise noch nie als CD produziert wurde. Nicht mal als Querschnitt!
Sei's drum. Am Nordharzer Städtebundtheater wird Donizettis 1831 entstandenes Werk nach einer Komödie von Antonio Sografi in der Spiel- und Dialogfassung von Wollgang Dosch (Dramaturgie: Susanne Range) gezeigt. Das Ganze ist eine so irre-komische Antike wie im Sprechtheater „Der Raub der Sabinierinnen“ - nur noch durch Musik ins Aberwitzige gesteigert! Eine schrille Operninszenierung, bei der selbst die Bühnentechniker, Garderobieren und die Souffleuse „tragende“ Rollen übernehmen.
Worum geht's? An einer Wanderbühne laufen die Proben zur Oper „Romulus und Ersilia“. Der Komponist (Norbert Zilz) und der Dichter (Gijs Nijkamp) raufen sich die Haare ob der Erwartungen der Sänger; der Theaterdirektor (Ingo Wasikowski) ob des fehlenden Geldes. Ständig melden die Primadonna Corinna (Bettina Pierags mit wunderschönen Koloraturen), ihr Gatte (Juha Koskela), der russische Tenor Guglielmo Antolstoinolonoff - der eigentlich Grischa heißt und bei jeder Nennung dieses Namens zusammenzuckt (Xiaotong Han), die Darstelletin der „Königin der Sabinierinnen“ (Thea Rein) und die Naive vom Dienst Luisa (Kerstin Pettersson) in der Rolle des Götterboten neue Wünsche an Handlung und Musik an. Das nervt! Es ist wie bei Schwan, Krebs und Hecht in der Fabel. Nichts läuft zusammen. Spielfassung setzt auf liebe zum Theater Zum Glück schaltet sich- als das Unternehmen an Eitelkeiten, Rivalitäten, technischen und pekuniären Katastrophen zu scheitern droht -, Mamma Agatha ein, Luisas resolute Mutter. Eine von Donizetti komponierte Paraderolle für einen Bass-Bariton! In Stöckelschuhen, mit gewaltigem Vorbau und Perücke ein Glanzstückehen für KlausUwe Rein im prächtig-schäbigen Drag-Queen-Kostüm. Mamma Agatha wird zum Shooting-Star der Truppe und rettet mit koketter Stimmgewalt und Sparstrumpf das Unternehmen.
Donizetti komponierte- ähnlich wie Rossini mit dem „Barbier“ oder der „Italienerin in Algier“ eine charmante, höchst kunstvolle Musik. Sie erfordert Sänger voller Lebendigkeit, Improvisationslust und mit Vergnügen an plapperndem Parlando - und bekam sie. Das Orchester unter Martin Hannus ist glänzend aufgelegt, die Tonketten perlen, die schnellen Läufe funkeln. Virtuos der Umgang mit dem Herrenchor; köstlich in den Finalen des ersten und des zweiten Aktes die Ensembles! Immer schneller, immer lauter, bis zur Wahnsinnsgrenze - fast wie bei Rossini! Dazu die Spielfassung von Wolfgang Dosch- sie zielte wie seine Regie auf Liebe zum Theater, auf Aktualität und Witz, ohne billige Lacher mit Ausflügen ins kabarettistische Fach zu erzeugen.
„Viva la Mamma“ -sehr sehens- und vor allem hörenswert

Pressestimme: Diva-Kissen und Zicken-Zoff

Mitteldeutsche Zeitung, 17.2.2011
VON UWE KRAUS

QUEDLINBURG/MZ - Es ist eher ein Zufall, dass in dieser Spielzeit am Nordharzer Städtebundtheater gleich doppelt hinter den Theatervorhang geschaut wird. Nach "Wunder gibt es immer wieder" folgt nun eine Satire über die Opernwelt: "Viva la Mamma" - jene Oper von Gaetano Donizetti, die im Original passend "Le convenienze ed inconvenienze teatrali", also "Sitten und Unsitten der Leute vom Theater", heißt.
Ausgefahrene Ellenbogen
An manchen Stellen des von Wolfgang Dosch bestens in Szene gesetzten Zwei-Stunden-Stücks fragt der Zuschauer sich, ob das Ensemble auf der Bühne sich etwa selbst spielt. Diven-Eitelkeit, ausgefahrene Ellenbogen - jeder Darsteller glaubt, er kommt bei der Verteilung der Arien zu kurz. Ein selbstgefälliger Tenor, der abfällig als "Mongolischer Steppenhund" bezeichnet wird, und eine schnäpselnde Altistin - das Chaos scheint komplett. Der Text der Dosch-Fassung spart zudem bewusst nicht mit Seitenhieben auf die Harzer Theater-Gegebenheiten. Doch folgt man der Aufführung, weiß man, auch zu Donizettis Zeiten saß das Geld für die Künste nicht allzu locker. Das Publikum erlebt zwei Opern an einem Abend: um das etwas albern wirkende altrömische Werk "Romulus et Ersilia" ranken sich die Ränke in einem Provinztheater der 50er Jahre. Was auffällt, die Künstler haben viel Text auf wenige Noten zu singen.
Schon bei den Proben kommt der Tenor abhanden, der gerade einen neuen Gesangslehrer hat. Xiaotong Han ist als Guglielmo eine echte Sänger-Parodie, die alle gängigen Vorurteile bedient und mit der Korken-Methode eine bessere Aussprache erreichen will. Die Königin der Sabinerinnen, eine gut aufgelegte, witzig-böse Thea Rein, frönt dem Alkohol und spart nicht mit Spitzen gegen andere Ensemblemitglieder. Sie rutscht auf der Rumkugel aus, das bringt sie zu Fall, und der Theaterintendant hat ein Doppelproblem. Dazu kommen die Sorgen mit der Finanzierung, eine zweitklassige Sängerin, die drittklassig agiert, aber eine finanzkräftige Mutti hinter sich hat.
Kerstin Pettersson lispelt als Götterbotin herzzerreißend unbedarft und wunderschön. Koloratursicher gibt Bettina Pierags mit Verve der Primadonna Corinna durchaus hintersinnig ein wunderbares Zicken-Image. Für jeden ihrer Kniefälle muss stets ein Diven-Kissen bereit liegen. Juha Koskela als ihr geschäftstüchtiger Manager-Gatte rundet stimmlich sicher das Ensemble ab, aus dem die Titelfigur volltönend hervorsticht.
Klaus Uwe Rein schlüpft in ein türkisfarbenes Gewand und in die wohl schönste Travestie-Hauptrolle des 19. Jahrhunderts. Als Mamma Agatha fordert er mit mächtiger Bassstimme eine größere Rolle für seine ziemlich talentfreie Tochter Luisa ein. Doch es kommt noch schlimmer. Als Sponsorin darf sie selbst noch mitspielen, um die Inszenierung nicht fast vor das Komplett-Aus zu bringen. Rein bewältigt dabei den Grat, komödiantisch, aber auch hysterisch zu sein, ohne die Bühnenbretter mit Klamauk zu füllen. Bestens bedient er auch dank der Maskenbildnerei des Hauses das Mann-Frau-Klischee mit seiner bekannten Komödianten-Ader. Und wenn die Souffleuse (Marlies Sturm) mal den Text nicht laut genug vorsagt, wird aus der Speisekarte improvisiert: "Spaghetti bolognese" und "Insalata mista" klingt doch wie in der italienischen Oper.
Leicht getupfte Klangfarben
Der stimmlich präsente und beweglich agierende Ingo Wasikowski ist als Impresario sehr an das angelehnt, was Theaterdirektoren heute leider sein müssen: Kulturmanager. So streift die gute, alte zweiaktige Opera buffa plötzlich solch aktuelle Fragen wie die Bedeutung der Kunst für Kommunen und deren Finanzierung. Auch Norbert Zilz als Komponist und Dichter Gijs Nijkamp erinnern immer wieder an die Mühen, die Autoren im Umgang mit den Vollstreckern ihrer Kunst und deren Eitelkeiten haben. Der Herren-Chor mimte klangschön, von Brille bis Kaugummi detailreich, die völlig unambitionierten Römer auf einer Bühne, die Ausstattungsleiterin Susanne Bachmann einem echten Probenraum mit allerlei Ersatz-Lösungen nachempfunden hat.
Donizetti hat zu seiner hübschen Opern-Farce "Viva la Mamma!" eine etwas an Rossini erinnernde Musik komponiert, die sehr hörenswert ist. Da wechseln flotte Parlando-Passagen mit Stretta-Momenten und Prestissimo-Abschnitten. Martin Hannus führt seine Musiker im Graben sehr ambitioniert durch das Bild voller leicht getupfter Donizetti-Klangfarben. Das Publikum fragt sich am Schluss, ob das alles nur Theater ist oder ein Abbild dessen, was sich auf den Probebühnen dieser Welt abspielt. Und dankt für die ansprechende Opern-Unterhaltung mit lang anhaltendem Beifall. Für die Diva flogen sogar Blumen.