Was wird sein?
Spielzeit 2017/18

Der Weg der Verheißung

Erster Teil „Die Erzväter“ des Bibeldramas „Der Weg der Verheißung“ von Kurt Weill und Franz Werfel

Im Jahr 1933 hatte der Amerikaner Meyer Weisgal die Idee, als „jüdische Antwort auf Hitler“ ein monumentales biblisches Drama zu schaffen, in dem die Legenden des jüdischen Volkes, sein Leidensweg, seine Schuld und Sühne dargestellt werden. Hierfür gewann er mit dem Regisseur Max Reinhardt, dem Komponisten Kurt Weill und dem Dichter Franz Werfel führende Künstler, die sich im Mai 1934 in Salzburg erstmals trafen. Die Uraufführung dieser „Bibelrevue“, wie Max Reinhardt das Werk gegenüber seinem Sohn nannte, verzögerte sich jedoch aufgrund der Schwierigkeiten, ein solches Monumentalwerk zu finanzieren. Schließlich fand sie 1937 in New York in englischer Übersetzung und unter dem Titel „The Eternal Road“ statt. Weill äußerte über seine Musik, sie sei „im Geist eines populären Oratoriums“ empfunden.

Am Anfang wird, wie Werfel schreibt, „eine zeitlose Gemeinde Israels in einer zeitlosen Nacht der Verfolgung“ gezeigt. Aus Furcht vor einem Pogrom flüchten die Menschen in eine Synagoge. Ihr Rabbiner liest aus der Thora und will mit der Gemeinde „den Weg gehen, den unsere Seelen gegangen sind von Anfang der Zeiten bis hierher“, um Kraft zu spenden für den bevorstehenden, schicksalhaften Weg. Seine Rede geht allmählich in ein dramatisches Geschehen über, es erscheinen der Erzvater Abraham, dessen Sohn Isaak vor dem befohlenen Opfertod bewahrt wird, sowie Rahel und Jakob, die sich gegenseitig ihre Liebe beteuern und an die lang ersehnte Geburt ihres Sohns erinnern. Schließlich wird die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern erzählt. Immer wieder durchdringen die Szenen aus dem Gebetshaus das biblische Geschehen. Der Aufführung des ersten Teils „Die Erzväter“ des szenischen Oratoriums „Der Weg der Verheißung“, das Max Reinhardt mit Bachs Matthäus Passion verglich, wird in diesem Jahr die „Totenfeier“, eine Frühfassung des ersten Satzes der 2. Sinfonie, von Gustav Mahler vorangestellt. Der einzigartige Raum des Halberstädter Doms wird mit großem Künstleraufgebot, poetischen Simultanbildern und der ausdrucksstarken Musik von Paul Hindemith und Kurt Weill gefüllt.

„Es sind die kleinen Gesten, mit denen Regisseur Bücker und seine Ausstatterin Alrune Sera den sakralen Raum für ihre Figuren erobern. Da treten die Sänger und Tänzer durch den Lettner, singt der Rabbi von der Kanzel und erklingt die göttliche Stimme vor dem Orgelprospekt. Und da gibt es einen nicht von Werfel stammenden Text: "Wir schreiben das Jahr 5403" - die jüdische Zeitrechnung nennt ein konkretes Datum für das Ende der Halberstädter Gemeinde. Am Ende applaudieren viele Zuschauer unter Tränen. Das ist keine wohlfeile Versöhnung, sondern sühnendes Erinnern.“ Mitteldeutsche Zeitung, 6. Juni 2006


Pressestimme: Vom Elfenbeinturm zum Leuchtturm

Volksstimme vom 08.06.2007
Wiederaufführung des szenischen Oratoriums „Der Weg der Verheißung“ im Rahmen des Domfestes
Von Jörg Loose
Vor etwa zwei Jahren begann André Bücker anlässlich des 60. Jahrestages der Zerstörung Halberstadts seine Intendanz mit der Gedenkwoche „Dem gleich fehlt die Trauer“. Wenngleich Konzept und Durchführung kontrovers und heftig diskutiert wurden, so markiert sie im Rückblick doch den Beginn einer bemerkenswerten Entwicklung, für die Bücker steht. Es geht um aktuelles, politisch positioniertes Theater, das in seinem Drang nach öffentlicher Auseinandersetzung klassische Theaterformen und –orte sprengt und neue Wege einschlägt. Der Elfenbeinturm wird zum Leuchtturm, mitunter von heftigsten Wogen umbrandet, in denen naturgemäß (für Macher und Publikum) manche Untiefe lauert. Mit dem im Rahmen des diesjährigen Domfestes uraufgeführten Balletts „Der verlorene Sohn“ wurde dieser Weg inhaltlich wie künstlerisch höchst eindrucksvoll fortgesetzt. Zum Abschluss des Domfestes gab es eine Wiederaufführung des 2006 inszenierten, ersten Teiles des oratorischen Bibelspieles „Der Weg der Verheißung (Musik von Kurt Weill auf einen Text von Franz Werfel), in dem jüdische Opfer einer Vertreibung im Zentrum des Geschehens stehen. Hier findet sich eine anonyme jüdische Gemeinde in einer zeitlosen Nacht der Verfolgung zusammen und droht am eigenen Schicksal zu verzweifeln. In der Besinnung auf die Wurzeln ihrer Religion, auf ihre Geschichte der Verfolgung und Vertreibung schreiben könnte – in der Besinnung auf die Glaubensstärke ihrer Altvorderen finden sie aber Kraft und Zuversicht, sich ihrer Bedrängnis zu stellen. Bücker macht in seiner Inszenierung Nägel mit Köpfen und konfrontiert uns, die Nachfahren der Luftkriegsopfer von 1945, mit den jüdischen Vertriebenen Halberstadts von 1942. Das sitzt und bildet inhaltlich ein Gegengewicht zur Gedenkwoche „Dem gleich fehlt die Trauer“. Und so sind es denn die konkreten „Halberstädter Szenen“ des Schauspielensembles, die mich in diesem doch sehr opulenten, szenisch gestalteten Oratorium am meisten beeindruckten und bedrückten. Die Opfer von damals mischen sich im Dom, wenige Meter vom Ort ihres Zusammentreibens und Abtransportes in die Vernichtungslager, mit den Kindern und Enkeln der Bürger dieser Stadt, die dies geschehen ließen. Und sie stellen ihrem Gott die Fragen nach dem Warum. Aber der Adressat ist nicht Gott, der Adressat ist das Publikum. Jeden springt nicht nur ein Gefühl tiefster Scham, sondern vor allem die Frage an, was hätte er selbst getan? Und wie wäre das heute, würden wir etwas Ähnliches geschehen lassen? Und wenn wir in die so aufgeklärte Festung Europa der letzten Jahre blicken, so wird klar, Gewalt gegen Andersdenkende und Minderheiten gehört eben leider nicht der Geschichte an. Dies immer wieder ins Bewusstsein zu brennen, ist ein ganz wesentliches Verdienst der Inszenierung, ist auch ein Weg der Verheißung. Das dieses jüdische Bibelspiel im nun evangelischen Dom stattfindet, dass der jüdische Kantor von einer katholischen Kanzel spricht, dass die Trittgeräusche der sonntäglichen Kirchenbesucher sich zum Glockengeläut unmerklich und schleichend in militärischen Stiefelschritt wandeln und anderes mehr gehört zu den Details der Inszenierung, die Geschichte eindringlich ins Heute transportiert. Bei aller Ernsthaftigkeit der Thematik, dieses Oratorium – für den Broadway verfasst und dort in über 150 Aufführungen erfolgreich – ist publikumswirksames Musiktheater der prallsten Sorte. Kurt Weill hat den Text Werfels und die Bibelgeschichte der jüdischen Erzväter in eine vielfältige, fast bunte Palette musikalischer Einflüsse gepackt. Da gibt es den Singsang jüdischen Gebetes, da sind orientalische Klänge, ein wenig Verdi lugt hervor, Angejazztes sowieso. Selbst der Kontrapunkt in Bach’scher Manier taucht in einem A-cappella-Satz auf. Das alles fließt in Weills dynamische und äußerst kraftvolle Musiksprache, begeistert und unterhält bestens, wie auch der äußerst vitale Totentanz Mahlers, der dem Oratorium beziehungsreich vorangestellt war. Als „Kind der DDR“ sind mir die biblischen Geschichten leider nicht sehr vertraut. (Das wenige, was ich weiß, stammt aus den Büchern von Stephan Heym und Lion Feuchtwanger.) Da ist es schade, dass die musikalische Seite der Aufführung natürlich mit den Tücken des Domes zu kämpfen hat. Für den Chor und die hinter dem Orchester positionierten Solisten war eine Textverständlichkeit praktisch nicht gegeben. Dem musischen Gesamteindruck tat dies allerdings wenig Abbruch, denn die Orchesterklänge schwebten transparent und ausgewogen durch das Langschiff des Domes und taten ihre Wirkung. Insgesamt aber großes Theater auf der Bühne der Verantwortung.

Pressestimme: WEG DER VERHEISSUNG als bewegendes Zeitdokument

Volksstimme Magdeburg, 06.06.2006
von Dr. Herbert Henning
Der sakrale Kirchenraum des Doms zu Halberstadt zwischen Orgelempore und Hochaltar mit dem monumentalen Kreuz wird zum einzigartigen Theaterraum für ein in dieser Form einmaliges Projekt von Schauspiel, Ballett, Orchester und Musiktheater. Und es wird ein Raum, in dem Realität und Fiktion, biblisches Drama und die Verfolgung der damals noch in Halberstadt verbliebenen jüdischen Einwohner, die am 12. April 1942 am Dom für die Deportation in die Konzentrationslager zusammengetrieben wurden, verschmelzen. In seiner Bearbeitung des ersten Teils des Bibeldramas DER WEG DER VERHEISSUNG von Kurt Weill nach dem Text von Franz Werfel für ein von Musik, szenischem Spiel und Tanz konzipiertes Gesamtkunstwerk verlegt André Bücker DIE ERZVÄTER an jenen Ort, wo im April 1942 das geschah, was Franz Werfel beschrieb: „Dieses Bibelspiel ereignet sich unter einer zeitlosen Gemeinde Israels in einer zeitlosen Nacht der Verfolgung“. Diese Metapher für Zeitlosigkeit und Verfolgung wird in der szenischen Einrichtung des Oratoriums durch André Bücker und durch die von Jaroslaw Jurasz inszenierte tänzerische Umsetzung des biblischen Geschehens um Abraham und Sara, Isaak, Jacob und Rahel sowie Joseph und seine Brüder aus dem „Alten Testament“ in ungemein dichten, emotional berührenden Bildern deutlich. Sie entstehen simultan im ganzen Kirchenschiff, überlagern sich und werden immer wieder von der kraftvollen Musik Kurt Weills neu inspiriert. Sensible Interpretation der Partitur
Johannes Rieger gelingt mit dem Orchester und dem verstärkten Chor des Nordharzer Städtebundtheaters (Einstudierung : Marbod Kaiser), in dessen Mitte die einzelnen Solisten ihre Partien singen, eine musikalisch beeindruckende, sehr differenzierte und die Akustik des Doms sehr sensibel meisternde Interpretation der klangprächtigen Partitur. Bei ihm bündelt sich das Spiel der im Dom aus Angst vor Verfolgung und Tod Zuflucht suchenden Männer, Frauen und Kinder mit ihren Fragen an ihren Rabbi, ihren Ängsten und Hoffnungen mit der biblischen Erzählung des Rabbi (Paul Batey) von den Erzvätern um Abraham und seine Nachkommen von der Kanzel des Gotteshauses und der tänzerischen Bebilderung der biblischen Geschichte von Abraham und dessen Sohn Isaak, der vom Opfertod bewahrt wird, sowie Rahel und Jacob, die sich in Liebe finden und an ihren Sohn erinnern. Die Tänzerinnen und Tänzer geben dabei durch ihre weichen, klaren Bewegungen, in synchronen Formationen und solistischen Einsprengseln eine eigene Deutung des Geschehens, bei dem sich immer wieder das biblische Geschehen mit den (realen) Szenen im Gebetshaus vermischen.
Musikalisch beeindrucken von der Orgelempore singend Juha Koskela (Stimme) und Gijs Nijkamp als Abraham, wie auch Xiaotong Han und Bettina Pierags als Jacob und Rahel sowie Ingo Wasikowski als Joseph und Angelika Kirchhof als Sara.
Die ausgefreilte Sprachkultur von Henry Klinder (Abraham), Markus Bölling (Der Fromme), Markus Kammermeier (Der Ängstliche), Sebastian Müller (Rabbiner) und Kerstin Klinder als Sara neben allen anderen machen die hochkarätige Aufführung zu einem bewegenden Zeitdokument.
Nicht von ungefähr stand am Anfang die Aufführung der Sinfonie „Mathis der Maler“ von Paul Hindemith.
Die Verantwortung von Kunst Die von dem weltberühmten Isenheimer Altar des Malers Mathias Grünewald inspirierte Komposition des verfemten Künstlers stellt Bezüge zwischen dem Verhalten der historischen Figur des Malers im Religionsstreit der Bauernkriege und dem der „nichtarischen“ Künstler im Dritten Reich her. Und die stellt die Frage nach der politischen Verantwortung der Kunst. In der musikalischen Ausformung der dreisätzigen Sinfonie gelang MD Johannes Rieger eine einfühlsame wie auch aufwühlende, in der Klangmassierung zwischen Piano und Fortissimo der Bläser ungemein ausgewogene Wiedergabe, gleichsam, als emotionale Einstimmung auf den WEG DER VERHEISSUNG, mit dessen Aufführung das Nordharzer Städtebundtheater wieder einmal überregional Aufmerksamkeit erregen dürfte.

Pressestimme: Sühnendes Erinnern steht für Verheißung

Mitteldeutsche Zeitung, 07.06.2006
von Andreas Hillger
Der Ort kann konkret werden, weil die Zeit allgemein bleibt: „Dieses Bibelspiel ereignet sich unter einer zeitlosen Gemeinde Israel in einer zeitlosen Nacht der Verfolgung“, schrieb Franz Werfel über sein Libretto zu DER WEIG DER VERHEISSUNG. Die Geschichte jener Juden, die in einem geschlossenen Raum Schutz suchen, könnte sich also auch am 12. April 1942 in Halberstadt ereignet haben – wenn die Domgemeinde ihr Gotteshaus geöffnet hätte, um den zur Deportation Zusammengetriebenen Asyl zu gewähren. Für das Nordharzer Städtebundtheater war die damalige Verweigerung nun Anlass, dem Halberstädter Domfest einen nachdenklichen Akzent beizufügen.
Mit der Aufführung der „Erzväter“, die den ersten Teil dieses gigantischen Festspiels zur Musik von Kurt Weill darstellen, geht das gesamte Ensemble bis an seine Grenzen – und gelegentlich sogar darüber hinaus. Geschickt hat Intendant André Bücker die drei Sparten seines Hauses zu einem Triptychon aufgefächert, dem sein Musikdirektor Johannes Rieger mit Paul Hindemiths „Mathis der Maler“ den dramaturgischen Rahmen gibt. Bereits im dritten Satz schreiten Chor und Gesangssolisten paarweise zu ihrer Tribüne unter der Orgelempore. Dann drängen sich plötzlich Menschen im Mittelgang – ein Kind mit einem Ball, Männer und Frauen mit Koffern.
Auch Weill und Werfel schöpfen im amerikanischen Exil aus ihrem geistigen Reisegepäck, als sie die Geschichte des jüdischen Volks erzählten. Die biblische Überlieferung war ihnen Anlass für eine Vergegenwärtigung jener Tradition, die durch die Nationalsozialisten in ihrer Heimat mit dem Tode bedroht wurde. Wenn der Choreograf Jaroslaw Jurasz diese pathetisch-poetischen Legenden von Abraham und Sara, Jakob und Rahel oder Joseph und seinen Brüdern nun zum Anlass für Tänze nimmt, die der klassischen Moderne einer Mary Wigman oder Gret Palucca nachempfunden wurden, wirkt das nur auf den ersten Blick befremdlich. Im Kontext mit dem deklamatorischen Gesang und der gestischen Musik, die freilich einige der Interpreten überfordern, ergibt sich ein würdiger Eindruck.
Es sind die kleinen Gesten, mit denen Regisseur Bücker und seine Ausstatterin Alrune Sera den sakralen Raum für ihre Figuren erobern. Da treten die Sänger und Tänzer durch den Lettner, singt der Rabbi von der Kanzel und erklingt die göttliche Stimme vor dem Orgelprospekt. Und da gibt es einen nicht von Werfel stammenden Text“ „Wir schreiben das Jahr 5403“ – die jüdische Zeitrechnung nennt ein konkretes Datum für das Ende der Halberstädter Gemeinde. Am Ende applaudieren viele Zuschauer unter Tränen. Das ist keine wohlfeile Versöhnung, sondern sühnendes Erinnern – und eine Aufführung, die hoffentlich auch beim nächsten Kurt-Weill-Fest in Dessau weit über ihren künstlerischen Wert hinausweisen darf.