Begegnet man Johannes Rieger auf dem Theaterflur, kann es schon einmal passieren, dass einem auf seiner schwarzen Kapuzenjacke, deren Rücken das Plakatmotiv der „Walküre“ ziert, die Aufschrift HARZER JAHRHUNDERTING entgegenspringt. Darauf angesprochen würde der Intendant und GMD des Harztheaters stolz erzählen, dass nächstes Jahr, also 2027, wenn der Ring des Nibelungen mit Götterdämmerung seinen Abschluss findet, es genau 100 Jahre gewesen sein werden, dass der gesamte Ring letztmalig in Halberstadt zur Aufführung kam. Doch vor diesem großen Jubiläum kommt in diesem November erst einmal der dritte Teil von Richard Wagners „Opus Magnum“, SIEGFRIED zur Premiere.
Die Oper spielt zeitlich etwa 18 Jahre nach der „Walküre“. Siegfried, die Frucht der Liebe von Sieglinde und Siegmund ist, da beide Eltern starben, bei Mime zu einem stattlichen Mann, der keine Angst kennt, herangewachsen. Das ist der Punkt, an dem die Konzeption von Hausregisseur Marco Misgaiski ansetzt. In dem großen Spiel über die keine Grenzen kennende Hybris des Menschen, kommt SIEGFRIED in zweierlei Hinsicht eine besondere Bedeutung zu. Zum einen ist das Stück per se die „komische Oper“ des gesamten Ring-Zyklus, das Scherzo sozusagen. Zum anderen ist der naive, kraftstrotzende Siegfried, der allen Problemen begegnet, als wären sie keine, der den Drachen Fafner Dank seiner überirdischen Kraft einfach mordet, um an den Ring zu kommen, genauso wie er seinen Ziehvater Mime tötet, der „Punk“ der Geschichte. Siegfried ist anarchisch im besten Sinne. Er steht für Freiheit und lehnt jeden Herrschaftsanspruch – sei er ökonomischer, politischer oder religiöser Natur – ab. Dadurch gerät er nolens volens in Konflikte mit der Götterwelt. Es ist wohl auch die mit Naivität gepaarte Anarchie, die für die Komik des Stückes verantwortlich ist. In jedem Fall begegnet Siegfried, bereits im Besitz des machtvollen Ringes (dessen Bedeutung er nicht weiß) Brünnhilde und sie verlieben sich ineinander. Wagner schafft damit ein Happy End – das einzige seines Bühnenfestspiels - auch wenn Brünnhilde um den totalen Zusammenbruch in der herandräuenden Götterdämmerung eine Ahnung zu haben scheint.
Marco Misgaiski geht gemeinsam mit seinem Ausstatter Tom Grashoff konsequent den Weg weiter, den er in den ersten beiden Teilen eingeschlagen hat. Stringent erzählt er die Geschichten der Menschen, die aus allen Epochen zu kommen scheinen. Er macht ihr Handeln nachvollziehbar und stellt damit ohne plumpe Querverweise den Bezug zu unserer Gegenwart, in der Hybris und Verfall leider allzu aktuell zu sein scheinen, klar. Auch der Raum verändert sich dementsprechend weiter. Hat in der Walküre die Natur begonnen sich das Machwerk des Menschen zurückzuerobern, ist im SIEGFRIED die Verheerung des Brandes über den einst stolzen Bau hinweggegangen. In diesem den drohenden Untergang prophezeienden Raum agiert der Vollblutkomiker Tobias Amadeus Schöner als so brachialer wie naiver Anarcho-Punk Siegfried. Er legt all seine sängerische und darstellerische „Power“ in diese beinah monströse Partie, die zwischen Ernst und Komik stets changiert. Ihm zu Seite steht neben dem glanzvollen Ensemble des Musiktheaters Harz Peggy Steiner als kraftvolle Brünnhilde, die im Liebesakt mit Siegfried ihre gesamte Zauberkraft verlieren wird.
An Zauberkraft wird es diesem „Meisterwerk der Musikgeschichte“ allerdings nicht fehlen. Unter der versierten Leitung von GMD Johannes Rieger verleihen die Harzer Sinfoniker, die in dieser Spielzeit junge, hervorragende Musikerinnen und Musiker neu in ihren Reihen begrüßen dürfen, der Wagnerschen Klangwelt Tiefgang und Brillanz.
Vor allen Vorstellungen des SIEGFIED, außer bei der Premiere, gibt es 45 Minuten vor Beginn eine Stückeinführung auf der Kammerbühne oder Neuen Bühne.
