Digitales Programmheft
GeminEye
Auftragswerk für das Harztheater von Shirley Gast
Ins Deutsche übersetzt von Rosmarie Vogtenhuber-Freitag
Besonderen Dank an Eveline Groeneveld, Maarten Koopman und Timo Otevanger
Wir danken dem Theaterförderverein Halberstadt e.V. und allen Menschen, die das Crowdfunding der beiden Theaterfördervereine aus Halberstadt und Quedlinburg unterstützt haben. Dank an das Kuratorium Stadtkultur für die Unterstützung der Produktion
Inszenierung Rosmarie Vogtenhuber-Freitag
Ausstattung Bianca Fladerer
Video Stefan Ulrich
Regieassistenz Jasmin Ebers, Annika Koch
LENA Swantje Fischer
MIA Luisa Jäger
NICO / DANAË Eric Eisenach
NACHRICHTENSPRECHER Frederik Reents (im Video)
HAUSFRAU Julia Siebenschuh (im Video)
Inspizienz Jasmin Ebers, Alexandra D. Nesici | Dramaturgie Rosmarie Vogtenhuber-Freitag |Technische Leitung Andreas Kempe | Bühnentechnik Frank Schumm (Leitung), Marco Lohmann, Tim Imbsweiler | Beleuchtungstechnik Holger Hofmann (Leitung) | Beleuchtungseinrichtung Kent-Erich Weisheit | Ton- und Videotechnik Stefan Ulrich (Leitung)| Requisite Michel Zelas| Maske Daniel Bednarz (Leitung), | Ankleidung Mandy Stolte (Leitung)| Herstellung der Dekorationen und der Kostüme in den Werkstätten des Harztheaters | Werkstattleitung Marco Rockmann | Kostümwerkstätten Kerstin Nagat (Leitung, Damengewandmeisterin), Andrea Günzler (Stellvertretende Leitung, Herrengewandmeisterin), | Requisitenfundus Sandra Scholtissek| Bühnennahe Dienste, Statisterieleitung Katrin Hahne | Kostümfundus Carmen Willke
DANK AN DIE BÜHNE7 UND JAN KRÜGER FÜR DIE DREHMÖGLICHKEITEN. Dank auch an die Statisterie für das Drehen des Workout-Videos
Premiere: 23.01.2026 – Neue Bühne Quedlinburg
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde 25 Minuten / keine Pause
Fotos und Videoaufzeichnungen sind aus urgeberrechtlichen Gründen nicht gestattet
VORWORT
Liebe Schülerinnen und Schüler,
Werte Lehrerschaft,
Seit nunmehr drei Jahren versucht das Harztheater, bei allen Jugendstücken ein digitales Programmheft, das über einen QR-Code zugänglich ist, zur Verfügung zu stellen. In den vielen Nachgesprächen mit Schulklassen wurde immer wieder deutlich, dass der Wunsch nach Hintergrundwissen, nach Anregungen und Fragen stark ist. Trotzdem wären wir Euch sehr verbunden, wenn ihr uns wissen lassen könntet, ob dieses Angebot für Euch Sinn macht.
Bei einem Stück wie „GeminEye“ gibt es viele relevante Themen, über die zu sprechen sich lohnen kann. Was sind die Gefahren und Vorteile der Sozialen Medien? Was ist Freundschaft? Kann es ein analoges Leben überhaupt noch geben? Was sind die Mechanismen, mit den soziale Medien arbeiten? Was ist eigentlich KI und inwieweit kann und darf man ihr vertrauen? In welchen Bereichen ist sie nützlich? Was bedeutet das, wenn wir nicht mehr wissen können, was echt ist und was nicht? Was ist Fortschritt und welchen Verlust macht er geltend? Was sind die Ziele der großen Tech-Firmen? Was kann man aktiv tun, um nicht in eine solche Spirale zu geraten, wie sie im Stück beschrieben wird? Was macht man, wenn man im Netz DeepFakes von sich findet? Warum sind viele Menschen so darauf bedacht, perfekte Bilder von sich zu produzieren? Was ist der Preis für die 100%ige Anwesenheit in den sozialen Medien? Gibt es das private Leben noch? Was geschicht mit unseren Daten? Wie weit werden wir überwacht? Die Liste kann unendlich weitergeführt werden, denn das Stück berührt viele Bereiche über die man sich auch kontrovers austauschen kann.
Wir haben für Euch eine kleine Auswahl an Texten und Artikeln zusammengestellt, hoffen, Ihre hattet ein bewegendes und spannendes Theatererlebnis und freuen uns auf die Gespräche mit Euch! Euer Harztheater
Shirley Gast
ist eine niederländisch/amerikanische Autorin. Sie studierte Szenisches Schreiben an der HUK Utrecht, arbeitete mit namhaften niederländischen Theaterkompanien (u.a. Zuidelijk Toneel) zusammen und war in New York als „playwright in residence“ engagiert. Für ihr Theaterstück „Beast“ gewann sie 2003 beim „Hollandse Nieuwe Theater Festival“ sowohl den Preis der Jury als auch den Publikumspreis. Nach vielen Jahren am Theater wandte sie sich vermehrt dem Fernsehen zu. So schrieb sie u.a. von 2007-2017 an der niederländischen „Sesamstraße“ mit, schrieb aber auch eigene Filmprojekte wie u.a. die Kinderserie „Sam’s Christmas“, die nominierte Serie „Ok & Knul“ und „Verborgen Verhalen“. Außerdem realisierte sie Hörspiele und Podcasts für ein jugendliches Publikum („Rampnacht“, „Pixelshit“, etc.) Sie experimentierte mit dem Format von YouTube Serien und Computerspielen. 2019 gewann sie die “Prinsjesrede” (einen Redenschreibwettbewerb) mit ihrer Rede “Heroines and Heroes” (Heldinnen und Helden), die im September in der Ausgabe des Elsevier Weekblad veröffentlicht wurde.
2018 begann sie auf Grund eines persönlichen Erlebnisses und getrieben von der Frage, wieso die sozialen Medien zwischenmenschliche Beziehungen derart beeinflussen, ja zerstören können, die Arbeit an dem Drehbuch zur sechsteiligen Jugendserie GeminEye. Auf Grund des Flops einer anderen Sci-Fi Serie zog der Niederländische Staat die Förderung
zurück und die Serie konnte nicht produziert werden. Im Sommer 2022 begann sie gemeinsam mit Rosmarie Vogtenhuber-Freitag über die Realisierung des Plots als Theaterstück nachzudenken.
DIE BÜCHSE DER PANDORA
Ein Leben mit KI oder wie die Realität Science-Fiction überflügelt.
„You can hate my style, you can roll your eyes but I ain’t slowing down, I was born to rise”. So beginnt der Country-Song WALK MY WALK von Breaking Rust. Er ist im November 2025 auf den Markt gekommen und ist der erste komplett von einer KI genierte Song. Text, Musik, Sänger, Arrangements – alles ist nicht „echt“. Oder doch? Hört man es, ist es atemberaubend. Hört man zu, wird es als Prophetie einer Maschine mitunter beängstigend. Aber die jüngsten Entwicklungen gehen noch weiter. Auf dem Zürich Film Festival hat die niederländische Produzentin Eline van der Velden im Herbst 2025 die Schauspielerin TILLY NORWOOD vorgestellt. Die attraktive Frau, die auf den ersten Blick wie die jüngere Version von Emily Blunt aussieht, ist 100% KI. „Technisch betrachtet fußt ihre Existenz auf einem Amalgam aus generativen neuronalen Netzen (GANs) für die visuelle Darstellung und hochentwickelten Sprachmodellen für den Dialog. Ein System malt das Gesicht, ein anderes verleiht ihm eine Stimme. Doch Tilly ist mehr als die Summe ihrer technologischen Teile. Ihre Schöpfer haben sie mit einer detaillierten Hintergrundgeschichte versehen, die ihre „Persönlichkeit“ formt und ihre Handlungen plausibel erscheinen lässt. Sie altert nicht.
Sie wird nicht müde. Sie fordert keine Millionengage und streikt nicht für bessere Arbeitsbedingungen. Sie ist die Inkarnation des perfekten, kontrollierbaren und unendlich formbaren Stars – ein Traum für Produzenten und ein Albtraum für jeden, dessen Einkommen von der eigenen, fehlbaren Menschlichkeit abhängt.“ Die Reaktionen reichten von Empörung bis hin zu euphorischer Begeisterung. Die einen fürchten den Verlust des Menschlichen und die „Aushöhlung künstlerischer Authentizität.“ Die anderen sehen in Tilly „nicht das Ende, sondern
den Beginn einer neuen Ära kreativer Möglichkeiten, (…) argumentieren mit Effizienz und der Möglichkeit, Informationen kostengünstig und rund um die Uhr bereitzustellen.“ In Kuweit wird mit KI-Nachrichtensprechern experimentiert, Albanien präsentierte im September 2025 eine KI als Ministerin. Dagegen nehmen sich technische Neuerungen, wie die RayBan mit eingebautem Screen oder der Fitorb Smart Ring wie Peanuts aus. Die Liste ist lang, die Risiken sind unübersehbar. Die Positionen könnten differenter nicht sein.
So sagt der Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky voraus, dass durch KI mehr Zeit für Menschliches entstehe, dass die Welt dadurch menschlicher werde und dass wir digitale Mitbewohner haben werden, „KIs, mit denen man reden kann.“
Andere warnen laut. Vor unabsehbaren Folgen für das menschliche Gehirn, vor den Gefahren digitaler Gesprächspartner, sei das in Therapie oder anderswo. „Es gab bereits dokumentierte Fälle, in denen Chatbots suizidgefährdenden Personen gefährliche Ratschläge gaben. Ein besonders tragischer Fall betrifft einen 16Jährigen, der sich mit Suizidgedanken an die Maschine wandte. Statt Hilfe zu leisten, bestärkte sie ihn, formulierte seinen Abschiedsbrief mit – und der Junge nahm sich das Leben“, berichtet Sozioinformatikerin Prof. Dr. Katharina Zweig. Und die Entwicklung ist in allen Bereichen rasant.
Schon jetzt kann nicht mehr festgestellt werden, ob ein Bild, ein Text, ein Film, eine Musik „echt“ oder KI generiert ist. Das, was vor drei Jahren noch Science-Fiction war, ist Realität geworden. Wie wir damit umgehen können, werden wir sehen. Die Büchse der Pandora ist geöffnet, die Fragen kommen unweigerlich. Gibt es noch ein analoges Leben? „Wollen wir eine Zukunft, in der KI menschliche Kreativität ersetzt, um Kosten zu senken und Prozesse zu optimieren? Oder eine, in der sie als anspruchsvoller Sparringspartner dient, der uns herausfordert, bessere, tiefere und menschlichere Geschichten zu erzählen? Tilly Norwood lächelt von der Leinwand, altert nicht einen Tag und wartet darauf, dass wir eine Antwort finden.“
3 WOCHEN HANDYENTZUG – DAS EXPERIMENT
Ein österreichischer Versuch macht Schule
Im April 2025 hat der Biologielehrer Fabian Scheck am Konrad Lorenz Oberstufengmnasium in Wien/Gänserndorf ein besonderes Schulprojekt ins Leben gerufen: 69 Schülerinnen und Schüler verzichteten drei Wochen lang freiwillig auf ihr Smartphone. Keine Kommunikation via Handy, keine sozialen Medien wie Snapchat, Instagram oder TikTok. Begleitet wurde das Experiment von der ORF-Redakteurin Lisa Gadenstätter und einem wissenschaftlichen Team. Entstanden ist der bemerkenswerte DOK1 Film Drei Wochen Handyentzug – das Experiment.
Dass Smartphones süchtig machen, ist wissenschaftlich längst erwiesen. Was das jedoch konkret bedeutet, zeigt die Dokumentation auf eindrucksvolle Weise. Die Jugendlichen erzählen von Schlafstörungen, Angstzuständen, dem Gefühl von Verlorenheit. Und sie dokumentieren ihre Erlebnisse. Von den 69 hatten 41 das Experiment „überstanden“. Die Veränderungen waren merklich: Es wurden im Klassenzimmer in den Pausen wieder Spiele gespielt, man traf sich in der Natur, auf dem Bolzplatz. Ein Mädchen fasste ihre Erlebnisse am Ende so zusammen: „Ich hätte es mir nie vorstellen können, aber ohne Smartphone bin ich glücklicher. Ich würde es am liebsten gar nicht mehr einschalten!“ Der österreichische Staat hat die Initiative übernommen und bietet das Experiment ab sofort für alle Schulen an. Infos unter: www.handyexperiment.at. Dort findet sich auch der Link zum Film.
GEMINEYE – because love is data*
Meine erste Begegnung mit KI
Gedanken der Regisseurin Rosmarie Vogtenhuber-Freitag
Ich bin im Grunde ein analoger Mensch. Ich lese Bücher, besitze CDs, bin nicht auf Social Media und war in meinem Leben vieles, nur ganz bestimmt nicht „in“. Ich weiß auch nicht was das sein soll. Ich stehe manchmal in der Welt wie eine Sennerin im Supermarkt. Fremd. Und mit der „neuen Technik“ bin ich auch nicht vertraut. Ich bin schon stolz, dass ich mit dem Handy Mails verschicken kann. Es war also ein ganz bewusster Schritt, mich als Mensch und Regisseurin der Gegenwart zu stellen und „GeminEye“ nicht nur zu initiieren und zu übersetzen, sondern auch zu inszenieren. Neben vielen Kontakten zu Jugendlichen (bei denen ich mich – allen voran bei Anouk Ritter, Jasmin Ebers und Annika Koch – ganz herzlich bedanke), die mir was Sprache, Musik und „Trends“ anbelangt sehr geholfen haben, habe ich mich als Experiment an die KI gewagt. Ich habe ihr nach vollendeter Übersetzung das Stück im englischen Original gefüttert und sie ihrerseits um eine Übersetzung gebeten. Höflich und distanziert. Und war beim Vergleichen sprachlos. Die Übersetzung war gut. Aber die KI hat gestrichen, hat dazu erfunden. Im Original endet das Stück ganz bewusst mit der Regieanweisung: „Nico schaltet den Fernseher aus.“ Auf einmal stand da weiter: Stille. Nur das Zwitschern draußen. Ein leises Summen. Ein Rest von etwas, das vielleicht nie ganz verschwunden ist. Wollte die KI verhindern, dass sie in meinem Text abgeschaltet wird? Nach einer inneren Sprachlosigkeit, die wie ein Butterklumpen von der Kehle in den Magen sackte, habe ich angefangen zu suchen. Und es schien so zu sein. Kritische Passagen waren abgemildert, ja zum Teil ganz gestrichen. Positive wurden verstärkt. So sagte der Nachrichtensprecher am Schluss auf einmal: GeminEye – damit Sie nie allein sind. Because love is data*. Das hatten wir nicht geschrieben. Es war gut und perfide gedacht. In mir wurde sofort Goethe laut: „Ach, da kommt der Meister! Herr, die Not ist groß! Die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los.“ Doch wer ist der Meister? Wer schickt die Geister in die Ecke? Ich weiß es nicht. Ich wünschte, es gäbe einen. Nach einer halben Stunde, die ich den Bildschirm angestarrt hatte, habe ich das Handy auf den Schreibtisch gelegt, habe es ausgeschaltet und bin in den Wald gegangen. Rosmarie Vogtenhuber-Freitag
ZWEI JUNGE ASSISTENTINNEN ERZÄHLEN IHRE ERFAHRUNGEN
Jasmin Ebers, 19 Jahre, macht ein FSJ am Harztheater und hat die
„GeminEye“ als Assistentin und Inspizientin begleitet.
Als Jugendliche, die täglich mit sozialen Medien und neuen
Technologien lebt, hat mir GeminEye eine neue Perspektive auf Künstliche Intelligenz eröffnet.
Durch meine Arbeit als Regieassistenz konnte ich mich kreativ einbringen und mich intensiv mit den Chancen und Risiken von KI auseinandersetzen. Gespräche mit Schauspieler*innen und
Regie zeigten mir, wie wichtig es ist, das analoge Leben wertzuschätzen. Nicht alles, was neu und technologisch ist, macht unser Leben automatisch besser. Für die Möglichkeit, an GeminEye
mitarbeiten zu dürfen, bin ich sehr dankbar.
Annika Koch, 22 Jahre, macht gerade ihren Bachelor in Anglistik und Medienwissenschaften an der Uni in Bonn und hat im Rahmen ihres Studiums ein Praktikum als Assistentin bei GeminEye gemacht.
GeminEye finde ich sehr relevant, da besonders in den letzten Jahren eine enorme technische Entwicklung im Bereich KI stattgefunden hat. War es zunächst noch ziemlich weit von meinem Leben entfernt, so stoße ich jetzt andauernd im Alltag darauf – sowohl von Suchmaschinen als auch Sozialen Medien ist KI nun nicht mehr wegzudenken. Was in vielerlei Hinsicht zwar sehr praktisch sein kann, wirft für mich auch viele Bedenken bezüglich Datenschutz und Fake News auf. Noch vor wenigen Monaten hätte ich mich dafür fähig gehalten, KI-Videos erkennen zu können, doch in kürzester Zeit hat sich die Technik so rasant weiterentwickelt, dass ich mittlerweile schon selbst einige Male darauf hereingefallen bin. Das bereitet mir Sorgen für die Vertrauenswürdigkeiten von Fotos und Videos in der Zukunft.
GEMINEYE
Gemini – ist niederländisch und bedeutet Zwilling.
Die Kompilation des ZWILLINGS (der KI) mit dem orwell’schen Auge EYE der Überwachung ist eine sprachliche Finesse, die nur im Niederländischen und Englischen funktioniert.
Der Zwilling ist zugleich das sich selbst überwachende Auge. Insofern ist der Titel unübersetzbar.
Lange bevor Gemini, der KI-Assistent von Google, das Licht der Welt erblickte, war GeminEye schon da.
GeminEye-because love is data*
ZUSATZMATERIAL
Tilly Norwood: Wie eine KI-Schauspielerin die Medienlandschaft neu vermisst
Ganzer Artikel von Christoph Künne / 21. Oktober 2025 /docma
Die Schmähreden klingen noch nach, fast schon rituell vorgetragen von Schauspielergewerkschaften und Hollywood-Veteranen: „Seelenlose Pixelhaufen“ könnten keine wahren Emotionen vermitteln, wer nicht aus Fleisch und Blut bestehe, sei kein Darsteller, sondern eine technische Spielerei, und überhaupt sei die Filmwelt besser gewesen, bevor Algorithmen anfingen, den Menschen die Arbeit wegzunehmen. Man kennt diese Litanei. Sie ist die erwartbare Reaktion einer etablierten Ordnung, die ihre Fundamente erbeben spürt. Doch seit der Vorstellung von Tilly Norwood auf dem Züricher Filmfestival 2025 ist die Diskussion um KI-Akteure aus dem Reich des Hypothetischen mit voller Wucht in der Realität aufgeschlagen.
Tilly – vollständig synthetisch, hervorgebracht aus der Zusammenarbeit des Studios Particle6 und der KI-Talentagentur Xicoia – steht plötzlich mitten auf der Weltbühne. Sie grinst uns täuschend menschlich von digitalen Plakatwänden und aus Social-Media-Feeds an und zwingt uns, die alten Gewissheiten zu hinterfragen. Sie ist keine bloße Animation mehr, sondern eine Entität mit eigener Biografie, einer digitalen Persönlichkeit und einer wachsenden Zahl von Agenten, die sich um ihre Vermarktung reißen.
Die digitale Chimäre
Was genau ist Tilly Norwood? Technisch betrachtet fußt ihre Existenz auf einem Amalgam aus generativen neuronalen Netzen (GANs) für die visuelle Darstellung und hochentwickelten Sprachmodellen für den Dialog. Ein System malt das Gesicht, ein anderes verleiht ihm eine Stimme. Doch Tilly ist mehr als die Summe ihrer technologischen Teile. Ihre Schöpfer haben sie mit einer detaillierten Hintergrundgeschichte versehen, die ihre „Persönlichkeit“ formt und ihre Handlungen plausibel erscheinen lässt. Sie altert nicht. Sie wird nicht müde. Sie fordert keine Millionengage und streikt nicht für bessere Arbeitsbedingungen. Sie ist die Inkarnation des perfekten, kontrollierbaren und unendlich formbaren Stars – ein Traum für Produzenten und ein Albtraum für jeden, dessen Einkommen von der eigenen, fehlbaren Menschlichkeit abhängt.
Diese Eigenschaften machen sie zum Brennpunkt eines tiefen Branchenkonflikts. Die Argumentationslinien verlaufen dabei klar und unversöhnlich.
Eine Welt in Aufruhr
Die Reaktionen auf Tillys Aufstieg zeichnen das Bild einer zutiefst gespaltenen Medienwelt. Eine Analyse der öffentlichen Äußerungen zeigt eine Kluft, die kaum zu überbrücken scheint. Auf der einen Seite steht die traditionelle Filmindustrie, deren Vertreter eine Mischung aus Angst und Verachtung zeigen. Hier fürchtet man den Verlust von Arbeitsplätzen, die Aushöhlung künstlerischer Authentizität und den Kontrollverlust über ein seit Jahrzehnten etabliertes System.
Auf der anderen Seite des Spektrums positionieren sich Tech-Unternehmen und KI-Entwickler mit einer positiven Resonanz. Sie sehen in Tilly nicht das Ende, sondern den Beginn einer neuen Ära kreativer Möglichkeiten: maßgeschneiderte Darsteller für Nischenmärkte, interaktive Erzählformate und eine Demokratisierung der Filmproduktion, die nicht länger von astronomischen Budgets und dem Zugang zu A-List-Stars abhängt.
Und die Öffentlichkeit? Sie steht dazwischen, fasziniert von der Neuheit, aber auch mit einer spürbaren Portion Skepsis. Der Applaus für die technische Brillanz mischt sich mit dem Unbehagen des „Uncanny Valley“ – jenem schmalen Grat, auf dem etwas fast, aber eben nicht ganz menschlich wirkt. Diese Ambivalenz ist der eigentliche Nährboden für die gesellschaftliche Debatte, die nun folgt.
Jenseits der Leinwand: Die Erosion der Authentizität
Was auf der Leinwand beginnt, endet selten dort. Die Technologien, die Tilly Leben einhauchen, sickern bereits in andere Bereiche der Medienproduktion ein und stellen dort noch fundamentalere Fragen. Im Journalismus experimentieren Sender wie in Kuwait mit KI-Nachrichtensprechern, und auch in Deutschland übernehmen synthetische Stimmen längst Verkehrs- und Wettermeldungen. Die Befürworter argumentieren mit Effizienz und der Möglichkeit, Informationen kostengünstig und rund um die Uhr bereitzustellen.
Doch die Risiken sind unübersehbar. Die entscheidende Währung im Journalismus ist Vertrauen, und dieses fußt auf der Annahme von Authentizität und redaktioneller Verantwortung. Was geschieht, wenn die Grenzen zwischen einem menschlichen Korrespondenten und einem KI-Avatar verschwimmen? Wenn eine synthetische Figur, deren Aussagen von einem Algorithmus auf Basis von Daten-Clustern geformt werden, als glaubwürdige Nachrichtenquelle auftritt?
Die virale Verbreitung von Deepfake-Bildern politischer Persönlichkeiten hat bereits einen Vorgeschmack darauf gegeben, wie schnell und effektiv synthetische Medien zur Desinformation missbraucht werden können. Die EU versucht zwar, mit dem AI Act durch Kennzeichnungspflichten für Transparenz zu sorgen, doch die entscheidende Schlacht wird nicht in den Gesetzestexten, sondern in den Köpfen der Rezipienten geschlagen. Es geht um die Fähigkeit zum kritischen Denken und die Bereitschaft, die Herkunft von Informationen zu hinterfragen – eine Kompetenz, die in einer von KI-generierten Inhalten gefluteten Welt überlebenswichtig wird.
Das Ende des Anfangs
Tilly Norwood und ihre digitalen Nachkommen werden menschliche Schauspieler nicht vollständig verdrängen. Aber sie werden den Beruf und die Kunst des Filmemachens unwiderruflich verändern. Sie zwingen uns, den Wert des Menschlichen neu zu definieren: die unvorhersehbare Improvisation, die aus gelebter Erfahrung gespeiste Emotion, die physische Präsenz, die ein digitaler Avatar niemals vollständig nachbilden kann.
Vielleicht wird die Fähigkeit, mit KI-Werkzeugen virtuos umzugehen, zu einer neuen Kernkompetenz für Kreative. Gleichzeitig könnte die rein menschliche, unperfekte und authentische Darbietung zu einem Luxusgut werden, das gerade wegen seiner Seltenheit an Wert gewinnt. Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir diese Werkzeuge nutzen, sondern wofür. Wollen wir eine Zukunft, in der KI menschliche Kreativität ersetzt, um Kosten zu senken und Prozesse zu optimieren? Oder eine, in der sie als anspruchsvoller Sparringspartner dient, der uns herausfordert, bessere, tiefere und menschlichere Geschichten zu erzählen?
Tilly Norwood lächelt von der Leinwand, altert nicht einen Tag und wartet darauf, dass wir eine Antwort finden.
Dank an die Bühne7 – die Konzertlocation in Quedlinburg
Dank an Stefan Pingel für Durchblick und Expertise
Quellen: Der Artikel Die Büchse der Pandora wurde für dieses Programmheft verfasst und verwendet Zitate von: Künne, Christoph: „Tilly Norwood. Wie eine KI-Schauspielerin die Medienlandschaft neu vermisst.“ In: Docma, 21. Oktober 2025 www.docma.info; Jánsky, Sven Gabor: „Die Zukunft wird menschlicher durch KI“ Interview abgedruckt in der Zeitschrift KIBUZZER Heft 6/2025 S8ff; Prof. Dr. Zweig, Katharina: „KI klingt klug, aber sie weiß nichts.“ Interview abgedruckt ebenda, S48ff / Der Artikel 3 Wochen Handyentzug – das Experiment verwendet Informationen aus https://tv.orf.at/program/orf1/dok490.html, https://www.klg.or.at/2025/12/smartphone-frei-am-klg-21-tage-ohne-smartphone-ein-aussergewoehnlicher-selbstversuch/, www.handyexperiment.at.sowie aus dem Dok1Film „21 Tage ohne Smartphone – das Experiment“ https://on.orf.at/video/14290303/dok-1-drei-wochen-handy-entzug-das-experiment
Der Artikel GeminEye – because love is data* stammt von Rosmarie Vogtenhuber-Freitag und wurde für dieses Programmheft verfasst.
IMPRESSUM: MD Johannes Rieger | Redaktion Rosmarie Vogtenhuber-Freitag | Grafik Dirk Grosser | Fotos Elisabeth Rawald
Urheber, die nicht erreicht werden konnten, werden zwecks nachträglicher Rechtsabgeltung um Nachricht gebeten.
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